Bushido bei einem früheren Prozesstermin (Archivfoto).
Bushido bei einem früheren Prozesstermin (Archivfoto).Bild: www.imago-images.de / Olaf Wagner
Vor Ort

Bushido-Prozess: Fler bezeichnet Vorwürfe als "lächerlich"

24.02.2022, 18:26

Bushido eilt in den Gerichtssaal, Fler trottet – in schwarzer Hose und schwarzer Lederjacke. Früher waren die beiden Rapper beste Kumpels, jetzt sind sie verfeindet und sehen sich vor Gericht wieder. Sie müssen als Zeugen aussagen. Gegen Arafat Abou-Chaker, den ehemaligen Manager von Bushido, und drei seiner Brüder.

Bushido, der gleichzeitig als Nebenkläger auftritt, könnte sich den Termin sparen. Er hat bereits an 25 Tagen ausgesagt und wird vermutlich nochmal in den Zeugenstand berufen, aber nicht heute. Trotzdem will er offenbar mit eigenen Ohren hören, was sein alter bester Freund über ihn und Arafat vor Gericht erzählt.

Darum geht es im Prozess
Laut Anklage soll es zu Straftaten gekommen sein, nachdem Bushido 2017 die geschäftlichen Beziehungen auflösen wollte. Abou-Chaker habe dies nicht akzeptieren wollen und von Bushido eine Millionen-Zahlung sowie die Beteiligung an dessen Musikgeschäften für 15 Jahre gefordert, heißt es in der Anklageschrift. Der Rapper sei bedroht, beschimpft, eingesperrt und verletzt worden. Die Brüder im Alter von 39, 42 und 49 Jahren sind als Gehilfen oder Mittäter angeklagt.

Fler hat die Seiten gewechselt. Links neben ihm sitzt Bushido, sein Feind. Rechts, auf der Anklagebank, sein mittlerweile "enger Freund" Arafat Abou-Chaker. "In der Szene ist man entweder sehr stark befreundet oder sehr stark befeindet", erklärt er dem Vorsitzenden Richter die unterschiedliche Beschaffenheit der Beziehungen.

Fler, der mit bürgerlichem Namen Patrick Losenský heißt, sollte eigentlich schon Ende Januar aussagen. Damals ließ man ihn aufgrund eines fehlenden 3G-Nachweises nicht ins Gerichtgebäude. Diesmal ist er vorbereitet. Und plaudert aus dem Nähkästchen. Wie sich denn die gute Freundschaft zu Arafat zeige, will Richter Martin Mrosk wissen. Essengehen, telefonieren, gemeinsam Klamottenkaufen, entgegnet Fler.

Bushido mit Arafat Abou Chaker (3.v.li.), und Fler (2.v.r.), bei der Kinopremiere von "Zeiten ändern Dich" 2010 in Berlin.
Bushido mit Arafat Abou Chaker (3.v.li.), und Fler (2.v.r.), bei der Kinopremiere von "Zeiten ändern Dich" 2010 in Berlin.Bild: imago images / APress

Dabei zählte auch Arafat einmal zu seinen größten Feinden. Nämlich zu der Zeit, als Bushido das gemeinsame Label Aggro Berlin verlies und seinen Kumpel Fler zurückließ. "Bushido war wie ein Mentor, ein großer Bruder, der dann für einen besseren Vertrag abgehauen ist", erklärt Fler seine Enttäuschung. Leider habe es darüber nie ein klärendes Gespräch gegeben. "Das habe ich ihm nie richtig verziehen."

Bushido verließ das Label im Streit mit Fler und suchte Zuflucht bei der Abou-Chaker-Familie. Den "berühmten Tag", an dem Arafat die Auflösung des Vertrags mit Aggro Berlin erzwungen haben soll, hat Fler noch vor Augen. Er selbst sei im Büro gewesen. "Da kamen ein paar Leute rein", erinnert er sich. "Das war definitiv eine bedrohliche Situation." Schließlich wurde die Auflösung unterzeichnet und Bushido wechselte zu Universal Music.

Richter lässt sich vom versuchten Messerangriff auf Fler bei MTV berichten

Seitdem stand auch Fler in der Schusslinie Arafats. "Es gab viele Angriffe gegen mich", erklärt Fler. Trotzdem habe er sich mit Bushido (und somit auch mit Arafat) im Jahr 2009 wieder angenähert. "Aus strategischen Gründen", wie er sagt. "Um wieder in Berlin leben zu können, ohne um sein Leben zu fürchten." Er fügt hinzu: "Man konnte mal wieder einen Disstrack machen, ohne abgestochen zu werden."

Der Vorsitzende Richter hakt nach. Was das für Angriffe gewesen seien, will er wissen. Und ob man wirklich versucht habe, ihn abzustechen. "Ja, bei MTV", Fler zuckt mit den Schultern, als wundere er sich, dass der Richter das nicht weiß. Dieser ist jetzt interessiert. Er bohrt nach. Fler lehnt sich zurück und holt aus, um die Geschichte zu erzählen, wie er 2007 beim Musiksender MTV vor laufenden Kameras live ein Bushido-Poster zerriss. Und wie kurze Zeit später maskierte Männer das Gebäude stürmten und versuchten, ihn mit Messern zu attackieren. Nur das Eingreifen eines Bodyguards habe Schlimmeres verhindert.

Fler als Angeklagter bei einem anderen Prozess (Archivfoto).
Fler als Angeklagter bei einem anderen Prozess (Archivfoto).Bild: dpa / Paul Zinken

Fler schildert die Ereignisse mit nüchterner Gelassenheit, wählt seine Worte mit Bedacht und spricht mit klarer Stimme, den Blick nach vorne gerichtet. Arafat folgt Flers Ausführungen gespannt. Bushido wirkt eher weniger interessiert, runzelt die Stirn und zupft an seiner Maske. Und der Vorsitzende Richter: hat jetzt ein Thema seines Interesses gefunden – die MTV-Geschichte.

"Wenn du Bushido disst, kriegst du auf die Fresse, das war das Erfolgskonzept."
Fler über die Rolle von Arafat bei Bushido

Ob Fler denn wisse, dass Arafat hinter dem Angriff steckte und ob das mit dem zerissenen Poster zu tun habe, will er wissen. Fler bejaht. Aber woher weiß er das? Fler weicht jetzt aus, sagt, er glaube schon, dass Arafat davon etwas mitbekommen haben muss. Das sei naheliegend. Es habe danach ja auch ein klärendes Gespräch gegeben. Zwischen dem eingeschrittenen Bodyguard und Mitgliedern der Abou-Chaker-Familie. Dass Arafat in einem öffentlichen Gespräch mit Fler auf Tiktok bereits zugegeben hat, die Angreifer geschickt zu haben, erzählt Fler nicht.

Mittlerweile ist auch Oberstaatsanwältin Leister hoch interessiert an der Geschichte, lässt sich den Namen des Bodyguards buchstabieren und tippt eilig auf die Tastatur. Fler ist währenddessen in Fahrt gekommen. "Wenn du Bushido disst, kriegst du auf die Fresse, das war das Erfolgskonzept." Er ist sich sicher: "Bushido wäre niemals so erfolgreich gewesen, wäre nicht so eine Power dahinter." Damit meint er Bushidos "Rücken", also den Schutz und Rückhalt durch Arafat.

Fler: Arafat hat mir gesagt, die Vorwürfe sind eine Lüge

Die Versöhnung mit Bushido hielt nicht lange. "Drei, vier Jahre haben wir es miteinander ausgehalten", erzählt Fler weiter. Nach der Trennung von Bushido und Arafat habe er durchaus Schadenfreude empfunden, sagt er. Der Kontakt zu Arafat wurde dann enger. Die Feindschaft zu Bushido blieb.

So bekam Fler die Vorwürfe gegen Arafat auch eher aus dessen Perspektive mit. Ob er mit Arafat über den Gerichtsprozess geredet habe, fragt Richte Mrosk. Ja – und Arafat habe ihm gesagt, die Vorwürfe seien "Blödsinn", ein "Lüge", "konstruiert", so Fler. Er schiebt hinterher: "Selbst wenn es so wäre, ist es lächerlich. Das macht für mich keinen Sinn." Aber das sei nur seine persönliche Meinung.

Als Fler aus dem Zeugenstand entlassen wird, trottet er wieder aus dem Saal, an Bushido vorbei. Dann twittert er – offenbar erleichtert: "Mission completed". Allerdings wird er sich in zwei Tagen erneut im Gerichtsgebäude einfinden müssen. In einer anderen Sache. Gegen den 39-Jährigen soll am Freitag ein Prozess wegen einer Reihe mutmaßlicher Straftaten beginnen. So soll er im März 2020 ein Fernsehteam, das ihn beim Verlassen eines Geschäfts interviewen wollte, angegriffen, bedroht und beleidigt haben.

Veysel K. wird wohl doch nicht im Bushido-Prozess aussagen

Auch der Prozess gegen Arafat Abou-Chaker ist noch nicht beendet, er nimmt erneut Fahrt auf. Die Audiodatei, die vom "stern" veröffentlicht wurde und die Anklageschrift widerlegen soll, wird nun vom Frauenhofer-Institut untersucht und auf Authentizität geprüft.

Außerdem wird Veysel K. wohl doch nicht als Zeuge vor Gericht aussagen können. Der Intensivstraftäter galt als Vollstrecker im Clan-Milieu und einer der wichtigsten Zeugen. Allerdings wurde er im März letzten Jahres abgeschoben – mitten im laufenden Prozess, was bei den Prozessbeteiligten für Unmut und Unverständnis sorgte. Nun teilte der Richter mit, dass eine Betretungserlaubnis für K. von der Ausländerbehörde abgelehnt wurde.

Weiter geht es am Montag, den 28.2.

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Bushido sagt ohne Anwalt aus – und das zu einem heiklen Thema

Der 77. Prozesstag und Bushido wird seit langem mal wieder im Zeugenstand erwartet. Es könnte seine wichtigste Aussage in diesem sich ziehenden Verfahren gegen Arafat Abou-Chaker werden. Er soll zu einer geleakten Tonaufnahme befragt werden. Eine Tonaufnahme, die Bushidos Aussagen widerlegen soll. Ein Gespräch zwischen ihm und Arafat, das heimlich aufgezeichnet wurde, könnte ihm zum Verhängnis werden – sollte sie denn echt sein.

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