ARCHIV - 17.08.2020, Berlin: Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, sitzt zu Beginn eines Prozesses gegen den Chef einer bekannten arabischst

Bushido trat als Zeuge und Nebenkläger vor dem Berliner Landgericht auf. Bild: dpa / Paul Zinken

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Bushido aus Zeugenstand entlassen: "Ich bin gerührt, das meine ich ernst"

"Ich bin sehr gerührt", sagt Bushido zum Richter. Der grinst übers ganze Gesicht. "Ich meine das ernst, das ist ein sehr schöner Moment", beteuert der Zeuge. Was war geschehen? Nun, nach mittlerweile 30 Verhandlungstagen im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder vor dem Landgericht Berlin wurde Bushido am Montag endlich aus dem Zeugenstand entlassen. Nicht nur er selbst atmete da erleichtert auf, hatte sich seine Aussage in den vergangenen Sitzungen doch immer öfter wiederholt und in Schilderungen von – vermeintlich – unwichtigen Details verloren. Natürlich ist das aus juristischer Sicht alles hochrelevant – für den Beobachter dagegen erschließt sich des Öfteren nicht wirklich der Sinn dahinter.

Auch Bushido kommt das Ende seiner Zeugenaussage wohl gelegen. Am vergangenen Verhandlungstag hatte er noch davon gesprochen, wie sehr das Verfahren an seinen Kräften nage. Er berichtete von Panikattacken und Angstzuständen, denen er sich als Folge der psychischen Belastung vor Gericht ausgesetzt sähe.

Darum geht es im Prozess

Laut Anklage soll es zu Straftaten gekommen sein, nachdem Bushido 2017 die geschäftlichen Beziehungen auflösen wollte. Abou-Chaker habe dies nicht akzeptieren wollen und von Bushido eine Millionen-Zahlung sowie die Beteiligung an dessen Musikgeschäften für 15 Jahre gefordert, heißt es in der Anklageschrift. Der Rapper sei bedroht, beschimpft, eingesperrt und verletzt worden. Die Brüder im Alter von 39, 42 und 49 Jahren sind als Gehilfen oder Mittäter angeklagt.

Wann sagt Bushido die Wahrheit – und wann lügt er?

Bevor es soweit war, musste sich Bushido jedoch ein letztes Mal in den Zeugenstand begeben und sich den Fragen der Anwälte des Angeklagten stellen. Der Verteidiger Rubbert stellte eine Frage, die für den Ausgang des Verfahrens sehr entscheidend sein dürfte. Es ging darum, wann Bushido die Wahrheit sagt und wann nicht. Tatsächlich hängt von Bushidos Verhältnis zu Wahrheit sehr viel ab. Schließlich ist er der einzige Augenzeuge des Geschehens, um das es in der Anklageschrift geht. Im Laufe seiner Aussage musste der Rapper jedoch immer wieder einräumen, in zahlreichen Interviews, Videoansagen sowie seiner eigenen Biografie gelogen zu haben. Die Frage ist natürlich, wie glaubwürdig die Aussage von so jemandem vor Gericht ist.

Der Anwalt zitierte dazu eine Äußerung von Bushido, der in einer vorhergehenden Verhandlung gesagt hatte, es sei Teil seines künstlerischen Auftritts, dass man bei Interviews von ihm nicht wisse, was stimme und was nicht. Vor Gericht und bei Behörden sage er aber die Wahrheit. "Ich versuche es", sagte Bushido dazu nun bestätigend. "Gelingt es Ihnen?", fragte Rubbert listig nach. Anstatt im Brustton voller Überzeugung mit "Ja" zu antworten, gab Bushido eine etwas längere, umständlichere Antwort, die auf ein "Ich denke schon" hinauslief.

Ob es denn irgendwelche Kriterien gebe, anhand derer man als neutraler Beobachter die Kunstfigur Bushido vom Menschen trennen könne? Ob man also feststellen könne, wer von den beiden Charakteren denn nun die jeweilige Aussage getroffen hat, und ob sie somit wahr oder gelogen sein müsse? Nein, das gebe es nicht, so der ehemalige Gangster-Rapper offenherzig. "Mal so, mal so." Das hänge von seiner Tageslaune und vom Thema ab.

Interviews meist nicht freigegeben

Rubbert änderte nun den Fokus und fragte nach Bushidos Gepflogenheiten bei der Freigabe von Interviews. Ob er sich die nochmal vorlegen lasse? "Nur in den seltensten Fällen", erwiderte Bushido. Es sei zwar üblich, aber er sehe das so: "Was ich gesagt habe, habe ich gesagt." Nur in Ausnahmefällen seien Interviews von ihm oder seinem Rechtsbeistand abgesegnet worden.

Der Anwalt hatte ein ganz bestimmtes Interview im Sinn: Das, das Bushido und seine Frau im September 2018 dem "Stern" gegeben hatten. Dort hatten sie erstmals öffentlich über die Trennung von Bushidos langjährigem Freund und Geschäftspartner gesprochen – und ihre Sicht der Dinge dargelegt. Er könne sich nicht erinnern, ob er das freigegeben habe, erklärte Bushido. Interessant ist dies natürlich deshalb, weil in dem Artikel erstmals das Narrativ erzählt wird, das dem Rapper als roter Faden seiner Aussage dient.

BERLIN, GERMANY - AUGUST 17: A general view in court on the first day of Arafat Abou-Chaker's, former manager of rapper Bushido trial on August 17, 2020 in Berlin, Germany. Abou-Chaker, as well his three brothers Yasser, Nasser and Rommel, stand accused of violent intimidation and other acts against Bushido following the rapper's announcement to end his business relationship with Abou-Chaker. (Photo by Rainer Keuenhof - Pool/Getty Images)

Im Gerichtssaal: Die Verhandlung geht mittlerweile schon 30 Tage. Bild: Getty Images Europe / Pool

Wie gut kennen sich Bushido und die Staatsanwältin?

Schließlich stellte der Verteidiger einige Fragen, die sich mit Bushidos Verhältnis zur Staatsanwältin Petra Leister befassten. Schon öfter während des Prozesses hatte die Verteidigung angedeutet, dass die Chemie zwischen den beiden sehr gut sei. "Sie legen dem Zeugen die Antworten auf unangenehme Fragen ja in den Mund", hatte sich Rechtsanwalt Nöding einmal in einer Stellungnahme beschwert. Hört man sich auf den Fluren des Gerichtsgebäudes um, bestätigen dort einige, dass Bushido und Leister tatsächlich befreundet seien.

Wäre das wirklich so, wäre es ein klarer Bruch mit den Verfahrensregeln. Rubbert ging konkret auf die Treffen von Bushido mit der Staatsanwältin ein. Eins soll kurz vor Weihnachten 2018 stattgefunden haben. Laut Kenntnisstand des Verteidigers soll es an einem Samstag, also außerhalb der üblichen Arbeits- und Dienstzeiten gewesen sein. Das allerdings verneinte Bushido. Es ging ein wenig hin und her, schlussendlich konnte die Frage, wann genau es nun stattgefunden habe, nicht abschließend geklärt werden.

Abschiebung von Veysel K. weiter ein Thema – Richter: "Sie haben seine Nummer"

Nachdem Rubbert mit seinen Fragen durch war, meldete sich dann noch Rechtsanwalt Franke zu Wort. Er verteidigt Arafats Bruder Yassir Abou-Chaker. Ob Bushido Kontakt zu einem weiteren wichtigen Zeugen gehabt hätte, will er wissen. Es geht um Veysel K.. Der war laut Bushidos Aussage bei dem angeblichen Vorfall im Januar 2018, bei dem der Rapper eingesperrt, beleidigt, bedroht und geschlagen worden sein will, zumindest zeitweise dabei. Unglücklicherweise wurde K. jedoch kürzlich in die Türkei abgeschoben – ein Umstand, über den sich der Richter sehr verärgert gezeigt hatte. Eine Erklärung von Staatsanwältin Leister, wie es dazu kommen konnte, dass ein so wichtiger Zeuge einfach außer Landes und damit außerhalb der Reichweite des Gerichts verbracht wird, steht noch aus.

Bushido erklärte nun, er habe mit Veysel K. nach dessen Abschiebung einmal telefoniert, der Kontakt sei aufgrund der Initiative von K. zustande gekommen. Dabei sei es jedoch nicht um das laufende Verfahren, sondern um die Umstände seiner Ausweisung gegangen. Den Richter jedoch interessierte an dieser Stelle etwas ganz anderes: "Er hat sie zuerst angerufen?", fragte er ganz aufgeregt nach. Und als Bushido das bestätigte, hatte der Vorsitzende ein ausgesprochen breites Grinsen im Gesicht: "Das heißt, sie haben seine Nummer", erklärte er triumphierend.

Nun schaltete sich noch Rechtsanwalt Birkhoff ein. Ob Veysel K. ihm auch vom "musikalischen Programm" seiner Abschiebung erzählt habe, wollte er von Bushido wissen. Dieser bestätigte das, und gab dann zum Besten, dass die Beamten es offenbar witzig fanden, im Auto den Song "Mephisto" von Bushido laufen zu lassen, während sie K. zum Flughafen brachten. Der Song erschien im September 2018 und ist Bushidos musikalische Abrechnung mit seinem ehemaligen Freund und Geschäftspartner.

Die kommenden Zeugen haben es in sich

Mit dieser Anekdote endete dann schließlich die Befragung Bushidos. Anschließend entließ ihn der Richter aus dem Zeugenstand – natürlich auf Widerruf, falls sich durch die Aussagen weiterer Zeugen neue Fragen ergeben sollten. Was weitere Zeugen angeht, lieferte das Gericht außerdem schon mal einen Ausblick: Zum nächsten Termin am kommenden Mittwoch wird Ashraf Rammo geladen. Nach dessen Aussage sind dann die ehemalige Sekretärin Caro W. sowie Bushidos Ehefrau Anna-Maria Ferchichi an der Reihe. Für alle Beteiligten dürfte es eine ziemliche Umstellung bedeuten, dann tatsächlich mal jemand anderen im Saal sprechen zu hören als Bushido.

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