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Essen bestellen ohne Plastik? Möglich ist es. Bild: Recup

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Müllberg durch To-Go-Gerichte? Diese Mehrweg-Pfandboxen sollen helfen

Ein Sushi-Menü XXL, das sind 28 Röllchen, 15 Euro, 840 Kalorien – und fünf Plastikbehälter. Zwei Plastikboxen für das Sushi und je ein Plastikeimerchen für Wasabi, Ingwer und Soja-Sauce. Sobald wir satt sind, haben sie ausgedient und wandern auf den Berg aus 280.000 Tonnen Einweggeschirr, der laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktfoschung jedes Jahr in Deutschland entsteht. Ganz vorne mit dabei: Menüschalen, Nudelboxen und Pizzakartons.

Es ist kein Geheimnis, dass Essen vom Lieferservice weder umweltfreundlich noch nachhaltig ist. Doch seit der Corona-Pandemie wächst der Berg an Verpackungsmüll noch rasanter als sonst: Die Pizza vom Italiener um die Ecke wird auf dem heimischen Sofa verdrückt statt im Restaurant, das Curry vom Thailänder wandert in der Mittagspause in den Styropor-Mitnahmebehälter statt auf den Porzellanteller.

Wichtiger denn je also, Alternativen zum Einweggeschirr zu finden. Zwar ersetzen mittlerweile häufig umweltfreundlichere Behälter aus Pappe oder Gabeln aus Maisstärke ihre Vorgänger aus Plastik. Auf dem Müll landen sie aber trotzdem. In mehreren deutschen Großstädten werden deshalb derzeit Pfandsysteme für Mitnahmebehälter in Restaurants, Cafés oder Catering-Unternehmen erprobt, in Stuttgart etwa, in Berlin, Köln und München. Ihr gemeinsames Ziel: Den Take-away-Bereich müllfreier gestalten und Einwegverpackungen durch Mehrweg ersetzen.

Corona als Wake-up-Call

Das Konzept ist denkbar simpel: Der Kunde bekommt zusammen mit der Pasta to Go oder dem Linsencurry zum Mitnehmen gegen eine Pfandgebühr zwischen 10 und 15 Euro eine Mehrwegbox aus Kunststoff oder Edelstahl, isst sein Essen und gibt sie dann – anschließend oder Tage später – wieder in einem der teilnehmenden Restaurants ab.

"Wir glauben, dass die Corona-Pandemie ein wichtiger Wake-up-Call ist", sagt Stefanie Ullrich vom Münchner Unternehmen Recup, das momentan in der zweiten Testphase Mehrwegbowls in München, Köln und Berlin im Umlauf hat, gegenüber watson. "Viele Menschen informieren sich in dieser Zeit vermehrt über nachhaltige Alternativen." Weil es momentan einen absoluten Run auf Take-away-Essen gebe, kämen viele Anfragen von Gastronomie-Betrieben, die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen sei groß.

Aber was bedeutet nachhaltig? Verschiedene Unternehmen setzen auf unterschiedliche Materialien, nur eins müssen die Mitnahmebehälter sein: robust und möglichst häufig wiederverwendbar. Die Behälter von Recup – die sogenannte Rebowl – ist aus BPA-freiem Kunststoff, laut eigenen Angaben jedoch zu hundert Prozent recyclebar. Das Berliner Unternehmen Tiffin Loop dagegen bietet eine Mitnahmebox aus Edelstahl an. "Wir wollten einen hochwertigen plastikfreien Behälter, der sowohl für die Gesundheit als auch für die Umwelt unbedenklich ist", sagt Geschäftsführer Mustafa Demirtas gegenüber watson. "Edelstahl wird in der Gastronomie sowieso verwendet, daher bietet sich das an."

Box muss mindestens fünf mal zirkulieren

Egal ob Kunststoff oder Edelstahl – in der Herstellung sind die Mehrwegboxen natürlich erst einmal teurer und auch die CO2-Bilanz ist schlechter als bei der Produktion eines Wegwerfbehälters. "Aber schon wenn die Behälter fünf Mal zirkuliert sind, ist das wieder ausgeglichen", sagt Demirtas. Auch für die Gastronomen soll die Mehrwegbox auf Dauer günstiger sein als der Kauf von Einwegbehältern.

Die Rebowl der Konkurrenz aus Kunststoff hält derzeit etwa 50 bis 70 Nutzungen stand – das Problem seien nicht die Waschgänge, sondern das Zerkratzen durch Besteck. "Das ist für uns auf keinen Fall ausreichend, wenn wir auf die Ökobilanz schauen und ein wirklich nachhaltiges Produkt verbreiten wollen", sagt Ullrich. "Die Bowl der Zukunft soll deshalb mehr als 200 Durchläufe, sowohl in der Spülmaschine als auch beim Attackieren durch Messerklingen und Gabelspitzen, standhalten."

Noch wird also getestet und nachjustiert, die Pfandsysteme befinden sich in der Aufbauphase. Tiffin Loop will nach einer ersten Pilotphase im Juni mit 5000 Behältern in Berlin, Hamburg und Köln starten. Mustafa Demirtas sagt:

"Je mehr Behälter im Umlauf sind, desto weniger Einwegverpackungen kommen zum Einsatz und desto weniger Müll wird produziert."

Auch Rebowl bringt Mitte Juni 3000 neue Bowls in Umlauf und weitet sein Gebiet auf Hannover aus. Im November soll dann eine neue, optimierte Bowl kommen.

Einwegplastik ist ab 2021 verboten – eigentlich

Sicher ist jedenfalls: Die Nachfrage wird nicht weniger. Denn auch der politische Aspekt spielt eine Rolle. Schließlich hat die EU bereits im vergangenen Jahr dafür gestimmt, Einwegprodukte aus Plastik ab 2021 zu verbieten – dazu zählen Strohhalme, aber auch Plastikbesteck, Wattestäbchen und eben Essensverpackungen. Doch Demirtas sagt:

"Wir wissen, dass die Lobby für Plastikbehälter versucht, diesen Beschluss wegen Corona auszuhebeln. Sie sagt, dass Einweg hygienischer ist. Wir müssen schauen, wie sich die Bundesregierung und die EU positionieren."

Die Sorge ist nicht unbegründet, in den USA war die Plastiklobby bereits erfolgreich. Während der Corona-Pandemie kamen in einigen Städten eigentlich verbotene Einweg-Plastikprodukte zumindest vorübergehend zurück – offiziell aus Hygienegründen.

Tatsächlich verunsichert die Corona-Pandemie auch Gastronomen, die eigentlich gerne Mehrwegbehälter anbieten würden. Ist der Gebrauch wirklich sicher, oder können Viren an den Behältern kleben bleiben und sich so weiterverbreiten? "Mit den To-Go-Kaffeebechern gab es zu Beginn die gleichen Berührungsängste", sagt Demirtas, dessen Unternehmen – ebenso wie Recup – bereits seit Jahren Mehrwegbecher im Umlauf hat. "Da hätte theoretisch auch jemand seinen Noro-Virus übertragen können, wenn die Hygienevorschriften nicht genau befolgt worden wären. Aber das ist nicht passiert, weil es genaue Vorgaben gibt", sagt er.

Mehrweg funktioniert trotz Corona

Auch Recup sieht kein hygienisches Risiko und verweist auf einen Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung, nach dem Coronaviren "empfindlich auf fettlösende Substanzen wie Alkohole oder Tenside reagieren, die als Fettlöser in Seifen und Geschirrspülmitteln enthalten sind". Gleichzeitig wird den Partnern in der Gastronomie geraten, Ausgabe und Rücknahme der Bowls räumlich zu trennen, zum Beispiel auf einem Servierwagen oder Tablett.

Bis sich die Mehrwegboxen flächendeckend durchgesetzt haben, gibt es für das To-Go-Essen noch eine andere umweltfreundliche Alternative: Einfach eine eigene Box mitbringen und in der Mittagspause auffüllen lassen. In vielen Restaurants ist das kein Problem – und auch in der Pandemie laut Lebensmittelverband weiterhin offiziell erlaubt. "Mehr denn je sind deshalb hygienegesicherte Abläufe in den Betrieben und im Umgang mit Kundenbehältnissen wichtig", heißt es dort. Aber dass es unserem Lieblingsrestaurant hygienisch zugeht, davon gehen wir ja ohnehin aus.

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