Interview
Relationship problems, autumn park

Oft entstehen Konflikte mit dem Partner, weil einer von beiden unzufrieden ist. Bild: Getty Images/Constantinis/E+

Interview

Expertin: Achtung, wenn andere von ihrer Beziehung und dem Sex schwärmen, wird es heikel

Eigentlich läuft die Beziehung super: Kein Streit, interessante Gespräche und guter Sex – alles passt wunderbar. Doch dann kommen andere Pärchen und irgendwie wirken sie glücklicher. Das führt zu Unsicherheiten: Lachen sie häufiger miteinander? Unternehmen mehr? Ist der Sex besser? Passen sie vielleicht sogar besser zusammen?

"Werfen uns Vergleiche mit anderen Paaren aus der Bahn, gibt es in der Regel ein grundsätzliches Problem in der Beziehung", sagt die Paartherapeutin Diana Boettcher, "dass einem erst dann bewusst wird".

Seit 2004 hilft Boettcher Menschen in ihrer Praxis, Beziehungsprobleme zu lösen. Im Gespräch mit watson erklärt sie, warum wir dazu neigen, uns mit anderen Paaren zu vergleichen und was wir tun sollten, wenn wir dadurch verunsichert werden.

Watson: Viele Menschen glauben, sie würden die perfekte Beziehung führen. Gibt es sowas überhaupt?

Diana Boettcher: Nicht direkt. Vielmehr gibt es einen Rahmen, in dem sich beide Parteien wohlfühlen. Wie dieser aussieht, hängt von den jeweiligen Partnern ab. In der Regel erkennt man es daran, dass beide eine exklusive Rolle füreinander haben.

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Diana Boettcher ist Paartherapeutin. Bild: Bernhardt Link - Farbtonwerk

Das bedeutet?

Dass sich beide in einer sicheren Verbindung mit dem anderen erleben. Von außen betrachtet kann das sehr unterschiedlich aussehen. Beispielsweise können Paare viel Zeit miteinander verbringen und viele Hobbies teilen. Es kann aber auch sein, dass sie sich weniger sehen und zum Beispiel getrennte Schlafzimmer haben. Trotzdem können sie glücklich sein.

Jetzt treibe ich leidenschaftlich Sport und meine Freundin verbringt ihre Zeit gern auf der Couch. Wie gehe ich mit solchen individuellen Unterschieden um?

Da kommt es darauf an, wie gut Sie diese Unterschiede in Ihre Beziehung integrieren können. Der Grad der Unterschiedlichkeit sagt allerdings nichts darüber aus, wie glücklich ein Paar ist. Wichtig ist, dass sich niemand unter Druck gesetzt fühlt, seine Eigenschaften zu ändern, um so zu sein wie der andere.

Das Beziehungsverhalten unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Wieso vergleichen wir unsere Beziehungen trotzdem?

Weil wir schlicht alles vergleichen. Alles, was wir neu erleben, stellen wir in Relation zu unseren Erfahrungswerten. Entsprechend subjektiv fallen derlei Vergleiche aus. Die Frage ist, wie wir sie bewerten. Und was wir daraus ziehen können.

Manchmal stören wir uns an ihnen.

Da sollten wir uns fragen, wieso uns ein Vergleich stört. Bin ich etwa mit meinem Sexualverhalten zufrieden, sollte es mir nichts ausmachen, wenn jemand mir erzählt, wie viel häufiger er Sex hat oder wie ausgefallen sein Liebesleben ist. Stört es mich hingegen, scheint da irgendwas nicht zu stimmen. Vielleicht ist es der Wunsch nach mehr oder ich bin grundsätzlich unzufrieden mit dem Thema.

Auf Facebook oder Instagram kriegen wir häufig Bilder von scheinbar perfekten Pärchen zu sehen. Kann das dazu führen, dass wir uns häufiger vergleichen?

Hier muss zwischen verschiedenen Typen von Menschen unterschieden werden. Einmal wären da die Optimisten. Sobald sie Bilder von vermeintlich perfekten Paaren sehen, denken sie, dass die Beziehung dieser Paare immer positiv ist. Daraus folgern sie häufig, dass alle Beziehungen so sind – oder sein sollten. Dann gibt es die Pessimisten, die für solche Bilder und Vergleiche weniger empfänglich sind und sie negativ bewerten. Dadurch kommen sie zu dem Schluss, dass sich diese Paare in Wirklichkeit nur streiten und die Bilder zur Show dienen.

Klingt ziemlich nach Schwarz-Weiß-Denken...

Es gibt noch einen weiteren Typ: den Realisten. Er neigt dazu, solche Bilder zu betrachten und sich für das Paar zu freuen. Ihm ist bewusst, dass dieses Paar sowohl seine guten als auch seine schlechten Zeiten hat. Letzteres posten wir ja in der Regel nicht. Das ist dem Realisten bewusst.

Kann es meiner Beziehung schaden, sobald ich mich mit anderen vergleiche?

Nur, wenn uns der Vergleich emotional triggert. Das ungute Gefühl kann dazu führen, dass wir unseren Partner etwa aufgrund des Sexlebens fordernd zu Rede stellen. Dieser wird im ersten Moment überrascht sein und sich angegriffen fühlen. Besonders problematisch: Wenn wir emotional getriggert werden, reagieren wir in der Regel verärgert oder ablehnend. Diese Emotionen verpacken wir dann oft in einen Vorwurf. Ein vernünftiges Gespräch kann so kaum zustande kommen.

Sad unhappy african wife avoiding talk ignoring husband after couple fight feels indifferent offended, upset frustrated black girlfriend tired of problems, thinking of divorce with selfish boyfriend

Wenn ein Gespräch schiefgeht...(Symbolbild) Bild: Getty Images/iStockphoto/fizkes

Wann bemerke ich, dass mir ein Vergleich nahegeht?

Also erstmal muss uns bewusst sein, dass wir auf bestimmte Dinge empfindlich reagieren. Ein Zeichen ist etwa, dass sich unser Herzschlag beschleunigt und Ärger aufkommt, wenn jemand etwas sagt, dass uns nicht passt.

Wie gehe ich damit um?

In der Regel folgt auf die erste Reaktion ein Gedanke, den wir aktiv wahrnehmen müssen. Dann können wir auf die Gefühlsebene gehen und fragen, was dieser Gedanke für Emotionen auslöst. Haben wir uns das klargemacht, können wir mit unserem Partner besser darüber sprechen.

Und wie sähe so ein Gespräch aus?

Wir können ihm erzählen, dass es ein Gespräch etwa über Sexualität gab und sagen, dass wir uns seitdem unsicher fühlen. So kann er nochmal selbst ergründen, wie es ihm mit dem Thema geht. Ist er auch unzufrieden oder nicht? Wenn es beide Parteien schaffen, offen darüber zu reden, kann das Problem schnell geklärt werden.

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