Mein ganz normaler Mindfuck
Mindfuck Kolumne

Bild: unsplash montage

Meine Freundin hat Familie und interessiert sich nicht für meine Arbeit. Und nun?

Bianca Xenia Jankovska
Bianca Xenia Jankovska

Liebe Bianca! 

Meine beste Freundin und ich haben uns ziemlich auseinander gelebt. Während ich in der Großstadt vor mich hinschaffe, ist sie auf dem Dorf geblieben und hat gerade eine Familie gegründet. Ich habe das Gefühl, sie interessiert sich gar nicht für meine Arbeit. Hast du so einen Fall auch schon erlebt?

Verletzt und Unbeachtet​

Liebe Verletzt und Unbeachtet,

selbst, wenn meine alten MySpace-Fotos auf Gegenteiliges hindeuten: Ich komme nicht vom Dorf. Und doch kenne ich das, was du beschreibst, ziemlich gut. Wider Erwartens kann man sich auch auseinanderleben, wenn die eine in Dublin und die andere in Hamburg husselt.  

Ich muss an dieser Stelle vermutlich gar nicht zu weit ausholen und die zwischenmenschlichen Stationen durchkauen, die jeder durchmacht, der umzieht. Die Phase, in der alles rosarot scheint und man seine Heimat verteufelt wie das Ergebnis der letzten österreichischen Nationalratswahl. Die erste Ernüchterung, wenn dann doch nicht so viele Leute zu Besuch kommen wie erwartet und schon gar nicht den Tag, an dem man merkt: 

Fuck. Das mit dem "Freunde für immer" hat man sich in der Umsetzung auch kreativer vorgestellt als die letzte Steuererklärung – und warum muss eigentlich ich immer anrufen?

Nochmal zu deiner Frage zurück: Sie klingt ein bisschen so, als hättest du erwartet, dass sich dein altes Umfeld schon auf dein neues Leben einstellen wird, wie du dich an die Neuanordnung der Regale im lokalen Supermarkt und den Gang zur Bank gewöhnen musstest. Das Ding ist nur: nicht jeder hat seine Arbeit zum höchsten aller Ziele erklärt, weswegen er um die halbe Welt zieht und spärliche Freizeit dank Überstunden im Großraumbüro in Kauf nimmt und sich dabei auch noch für den Größten hält.

Und ich muss sagen: Ich finde das inzwischen sogar ganz gut so.

Vielleicht bist du noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass es deine beste Freundin genauso langweilen könnte, wie du über diesen Pitch für Luxus-Damenbinden sprichst, wie es dich langweilt, wenn sie von Paulas erster Nudelsuppe erzählt?

Ich hab auch schon einmal den Fehler begangen und eine Freundschaft danach bewertet, wie aktiv mein Gegenüber meine Texte studiert, als ob es dafür ein Konto gäbe. Das Ergebnis war, nun ja, ernüchternd. Es war komisch, zu merken, dass sich meine Freundin überhaupt nicht für das interessierte, was ich so in dieses Internet schrieb und im letzten halben Jahr keinen einzigen Text gelesen hatte.  

Ich nahm es wie alles vor meinem 25. Lebensjahr: persönlich.

Vor allem auch deshalb, weil ich mich so über meinen Job und meine Arbeit definierte, dass ich ganz vergaß, dass es auch noch andere Dinge gab, die an mir wertvoll waren.

Ich bemaß mich als Mensch am Level meiner Produktivität und erwartete von meinem Gegenüber, egal welchem, dass er das gefälligst zu wertschätzen und lobpreisen hatte.

Dabei schuldete mir mein Umfeld gar nichts. 

Keine Komplimente, keine Lobpreisungen, kein devotes Fan-Girl-Dasein.

Klar ist es angenehm, wenn man mit seinen Freunden über die Arbeit sprechen kann und sie sich ein bisschen mit dem auskennen, was man tut. Aber: Es sollte nicht alles sein. Wer Freunde möchte, die ständig Beifall klatschen und die eigenen Bedürfnisse ignorieren, fährt am besten nach Tokyo und mietet sich welche für 100 Euro das Stück auf Zeit.

Freundschaft braucht eine Art Symmetrie, die Diskrepanz und Unterschiede aushält, weil den Kern der Sache eine tiefe Verbundenheit zum anderen bildet. Vielleicht geht es bei dem Konflikt mit deiner Freundin aber auch gar nicht um Arbeit, dafür kenne ich dich zu wenig. Frag doch das nächste Mal einmal öfter nach, wenn der Moment stimmt.  

Und such dir schon mal für die Zukunft deiner Karriere einen Sparringspartner: jemanden, mit dem man sich nach Bedarf trifft, um all die nervigen Slack-Nachrichten, Feierabendbiere und Networking-Events zu besprechen.

Dann musst du deine Freunde auch nicht mehr abends zusätzlich mit dem belasten, was dich selbst schon tagsüber nervt.  

Give it a try.      

Bianca

Bianca Xenia Jankovska

hat bisher in vier Städten in drei Ländern gewohnt, die Sicherheit einer Festanstellung gegen konstante Ungewissheit getauscht und dabei unter anderem gelernt, dass man nicht ewig gegen seine inneren Neigungen arbeiten kann, ohne unglücklich zu werden. Als freie Autorin und Bloggerin schreibt sie über Machtstrukturen und persönliche Kämpfe auf dem Arbeitsmarkt und Privilegien, die manchmal selbst enge Freunde entzweien. Ihr erstes Buch "Das Millennial Manifest" erscheint im Herbst 2018.

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