Rainer Koch, DFB-Vizepräsident, sitzt im Landgericht vor Beginn der Verhandlung im Sitzungssaal auf seinem Platz. Das Landgericht München I verhandelt in einer mündlichen Sitzung über den Widerspruch des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) gegen eine von Türkgücü München erwirkte Einstweilige Verfügung. Türkgücü pocht auf das Startrecht gegen Schalke im DFB-Pokal. Ein während der Corona-Unterbrechung gefällter Kompromiss besagte, dass Türkgücü als Regionalliga-Spitzenreiter in die 3. Liga aufsteigt, die zu dem Zeitpunkt zweitplatzierten Schweinfurter aber dafür im Pokal antreten dürfen. Damit sind nicht alle einverstanden, jetzt muss das Gericht entscheiden.

Rainer Koch ist seit über 20 Jahren Sportfunktionär. Bild: dpa / Sven Hoppe

Von DFB-Präsident Keller mit Nazi-Richter verglichen: Das ist Vizepräsident Rainer Koch

Nachdem DFB-Präsident Fritz Keller seinen Vizepräsidenten Rainer Koch vor einige Wochen mit dem Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hatte, ist klar, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in einigen Wochen einen neuen Präsidenten brauchen wird. Auch wenn Keller sich noch sträubt, ein Rücktritt ist unumgänglich. Wieder mal. Es wäre der dritte Chef des Fußballbunds in den vergangenen neun Jahren, der mehr oder weniger freiwillig zurücktritt.

Während die wichtigsten Männer im größten Sportverband der Welt also regelmäßig scheitern, gibt es eine Konstante beim DFB: Rainer Koch. Der 63-jährige Jurist ist seit über 20 Jahren in verschiedensten Funktionärstätigkeiten beim DFB tätig, seit 2007 ist er Vizepräsident des DFB. Und er schafft es, aus jedem Skandal beinahe unbeschadet herauszukommen.

"Koch und Osnabrügge bleiben schließlich unbehelligt, und wenn sie erneut die Strippen für den nächsten Neuanfang ziehen, ist das aus meiner Sicht alles andere als ein ermutigendes Zeichen."

Dagmar Freitag, Sportausschuss-Vorsitzende im Deutschen Bundestag zur aktuellen Lage beim DFB

ARCHIV - 21.08.2019, Berlin: Fußball: Bundesliga, Generalversammlung der Deutschen Fußball Liga im Maritim Hotel Berlin, mit Wahlen für das DFL-Präsidium. DFB-Vizepräsident Rainer Koch (l) und DFB-Präsident Fritz Keller.  (zu dpa

Rainer Koch (l.) und Fritz Keller kurz nach der Wahl zum DFB-Präsidenten 2019. Bild: dpa / Andreas Gora

Nach all den Rücktritten in den vergangenen Jahren wurde stets bekannt, dass auch Koch mit allen Ex-Präsidenten seine Unstimmigkeiten hatte oder sogar einen gewissen Anteil an den Rücktrittserklärungen. So erzählt beispielsweise Ex-Präsident Reinhard Grindel im Rahmen einer ZDF-Doku, dass ein Streit in Sachen Kollektivstrafen für Fans, das Verhältnis der beiden "nachhaltig zerstört" habe. Grindel war für den offenen Dialog, Koch für harte Strafen. Beide liefern sich bis heute einen Schlagabtausch über die Medien.

Koch ist dreifacher Präsident und
Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee

In seinen Jahren als Fußballfunktionär hat Koch einiges an Macht und Entscheidungshoheit bei sich konzentriert. Sein Einfluss im Amateurfußball und im Profi-Bereich ist dank der Vielzahl seiner Ämter enorm.

Er ist 1. DFB-Vize-Präsident für Amateurfußball und Angelegenheiten der Regional- und Landesverbände, Präsident des Bayerischen Fußballverbandes (BFV), seit 2011 Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes, seit 2020 einziges deutsches Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee und 2017 wurde er von der UEFA als einer von zwei europäischen Vertretern in die FIFA Governance-Kommission entsandt.

Natürlich ist er dort auch nicht ohne Grund. Er sorgte als Vorsitzender des DFB-Sportgerichts für die Aufklärung im Fall Robert Hoyzer, verhängte harte Strafen gegen rassistische Ausfälle von Fußball-Fans und versucht sich für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Profi- und Amateurfußball einzusetzen. Zudem sorgte er im Februar 2018 dafür, dass sich der DFB gegenüber dem eSport öffnet.

Koch weiß aber auch genau, wie er Macht an sich zieht und sie am Ende auch behält. Obwohl er immer wieder selbst Teil der Skandale des DFB war – und davon gab und gibt es einige – schaffte er es, ohne erheblichen Schaden davonzukommen.

In jedem DFB-Skandal der vergangenen Jahre war auch Rainer Koch beteiligt

Laut Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" soll Koch schon vor der Veröffentlichung von den Enthüllungen des "Spiegel" in der Sommermärchen-Affäre gewusst haben. Am Rande eines Länderspiels im Oktober 2015 habe Koch bei einem Treffen mit hohen Amateurvertretern auffällige Andeutungen gemacht, dass demnächst eine "Spiegel"-Story veröffentlicht wird, die auch erhebliche Auswirkungen auf den damaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach haben könnte. Laut der "SZ" sollen die Andeutungen so markant gewesen sein, dass DFB-Vertreter sogar beim Nachrichtenmagazin anfragten, ob etwas in diese Richtung geplant sei.

Laut der "SZ" habe Koch in einer damals eilig einberufenen Telefonkonferenz, die nach kurz nach Veröffentlichung stattfand, aber zu Protokoll gegeben, dass er auch erst durch die Spiegel-Veröffentlichungen von diesem Thema erfuhr.

Ex-Präsident Reinhard Grindel, der zu diesem Zeitpunkt Schatzmeister beim DFB war, behauptet in einem ZDF-Interview jedoch, dass Koch von den Recherchen wusste und "nicht das Präsidium oder zumindest den Präsidenten unterrichtet hat". Grindel erklärte, dass dadurch eine Chance vertan wurde, den Sachverhalt selbstständig aufzuklären und Maßnahmen zu treffen. "Das hätte der Glaubwürdigkeit des DFB sicher geholfen." Der DFB rutschte schließlich in eine tiefe Krise, die Wolfgang Niersbach nie meistern konnte und am Ende zurücktrat.

Koch hingegen stellte am Samstag in einer Mitteilung über den Bayerischen Verband klar, dass "die Aussagen von Reinhard Grindel nicht der Wahrheit entsprechen."

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Ex-DFB-Präsident Reinhard Grindel ist bis heute mit Rainer Koch verfeindet. Bild: imago sportfotodienst

Koch und Curtius wollen
Berater-Vertrag vor Fritz Keller verstecken

Die Informationen über die "Spiegel"-Veröffentlichung hatte Koch laut "SZ" zuvor wohl von Kommunikationsberater Kurt Diekmann. Der spielt gemeinsam mit dem DFB-Vizepräsidenten auch eine nicht ganz unerhebliche Rolle beim Rücktritt Reinhard Grindels im Jahr 2019.

Diekmann und Koch kennen sich seit vielen Jahren und trafen sich immer wieder – auch 2015, kurz, nachdem die Sommermärchen-Affäre bekannt wurde und Koch interimsmäßig DFB-Präsident war. Dabei prahlte Diekmann, der schon zuvor von der "Spiegel"-Geschichte wusste, gegenüber Koch, dass er noch viel mehr Klarnamen und Geldflüsse kenne, die dem DFB bei der Aufklärung helfen könnten.

Drei Jahre vor der Europameisterschaft im eigenen Land gibt der DFB ein katastrophales Bild ab, das von jahrelangen Machtkämpfen und Intrigen geprägt ist.

2019 tritt Reinhard Grindel vom Amt des DFB-Präsidenten zurück, unter anderem, weil er eine Rolex-Uhr als Geschenk annahm. Und nach Recherchen des "Spiegel" war bekannt geworden, dass er als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB-Medien Verwaltungsgesellschaft zusätzlich 78.000 Euro im Zeitraum Juli 2016 bis Juli 2017 verdiente. Ohne, dass die Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Der Informant für den "Spiegel" soll dabei Koch-Freund Kurt Diekmann gewesen sein.

Wie die "SZ" berichtet, schrieb Diekmann kurze Zeit später eine Mail an den Redakteur des "Spiegel": "Chapeau! Mit dieser Grosskalibersalve habt (haben wir) die Munitionskammer des Grinch erwischt." Der Grinch ist dabei Reinhard Grindel.

Kurz nach Grindels Rücktritt erhält Diekmann dann beim DFB einen gut dotierten Beratervertrag. Er solle dabei helfen, die Sommermärchen-Affäre aufzuklären. DFB-Präsident Fritz Keller war laut "SZ" nicht in diesen Vorgang eingebunden, sondern lediglich sein Generalsekretär Friedrich Curtius. Zwischen ihm und Keller gibt es seit Monaten einen erbitterten Machtkampf.

Keller selbst musste in den Archiven des DFB nach dem Vertrag suchen, weil Koch und Curtius diesen vor ihm geheim halten wollten. "Allein die Tatsache, dass ein Medienberater nicht nur für die Außenwelt, sondern auch für den Chef der Organisation bis heute eine unsichtbare Person ist, zeigt, wie dringend der Klärungsbedarf ist", sagte SZ-Fußball-Experte Thomas Kistner dem Deutschlandfunk im Februar.

Koch plante Video-Lizenzgebühren
für Amateurspiele in Bayern

Nun ist Koch als 1. Vize-Präsident für eigentlich der Vertreter der Amateure. Dass er es auch mit ihnen nicht immer gut meint, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2015.

Koch war schon seit 11 Jahren Präsident des Bayrischen Fußball-Verbandes und wollte nun, dass Videoaufnahmen der Amateurspiele dem Verband für seine Webseite Kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Wer das nicht tat, sollte Strafe zahlen: 500 Euro Lizenzgebühr pro Spiel für die 5. und 6. Liga, 1000 Euro für die 4. Liga.

Lokale Medienunternehmen, die sich an Amateur-Videoplattformen wie fupa.net oder Hartplatzhelden beteiligen und oft eigene Teams zu den Spielen schickten, protestierten dagegen. Teilweise wurde ihnen ohne gültige Akkreditierung des bayerischen Verbandes der Zutritt zu den Spielen verwehrt.

Koch beteuerte damals, dass man dem Amateurfußball lediglich mehr Reichweite verschaffen und sich niemand im Verband bereichern wolle. Das Oberlandesgericht München entschied nach einem zweijährigen Rechtsstreit 2017 zugunsten Kochs und des Verbandes.

Dr. Stephan OSNABRUEGGE, Osnabrügge, neu gewaehlter DFB Schatzmeister, bekommt BLumen von Dr. Rainer KOCH (1. DFB-Vizepraesident) Ausserordentlicher DFB-Bundestag am 15.04.2016. Â

Dr Stephan  Osnabrügge New  DFB Treasurer gets Flowers from Dr Rainer Cook 1 DFB Vice President Extraordinary DFB Bundestag at 15 04 2016 Â

Rainer Koch (r.) gratuliert Stephan Osnabrügge (l.) bei seiner Wahl zum Schatzmeister 2016. Bild: imago sportfotodienst / Sven Simon

Öffentlicher Streit zwischen Koch und DFL-Chef Seifert

Doch nicht nur mit den Präsidenten des DFB hat Koch so seine Probleme. Am Dienstagabend wurde ein achtseitiges Antwortschreiben von Koch an den Chef der deutschen Fußball-Liga (DFL), Christian Seifert, geleakt. Als DFL-Chef vertritt Seifert die Interessen der 36 Profiklubs der 1. und 2. Bundesliga.

Er werde sich "weder durch verbale Ausfälle Ihrerseits mir gegenüber in Präsidiumssitzungen" provozieren oder sich einschüchtern und "von meinem Engagement für die Belange des Amateurfußballs abbringen lassen", schrieb Koch an Seifert und formulierte zudem, dass sich in der letzten Sitzung "nicht nur Herr Keller mir gegenüber unsäglich verhalten" habe, sondern auch Seiferts Verhalten "eigentlich erheblichen Anlass zu einer Entschuldigung mir gegenüber" gäbe.

Zuvor hatte der "Kicker" Auszüge aus Seiferts Schreiben veröffentlicht, in der der DFL-Boss gegenüber Koch klarstellte, dass es keine Pläne innerhalb der DFL gäbe, "den DFB strukturell zu zerschlagen". Zudem regte er "seit Langem überfällige strukturelle und personelle Reformen."

Koch wiederum, der sich mit dem Profilager und Präsident Keller akut im Clinch befindet, wies die Anschuldigungen Seiferts zurück und schrieb: "Ich bitte Sie, diese Behauptung nicht weiter zu erheben und wäre dankbar für eine baldige Richtigstellung."

Politik fordert auch Rücktritt von Vizepräsident Koch

Beim Verbandstag in Potsdam am vergangenen Wochenende waren eigentlich Keller und Curtius durch das entzogene Vertrauen der Landesfürsten die großen Verlierer. Doch auch Vizepräsident und Schatzmeister Stephan Osnabrügge erhielten einige Gegenstimmen der Amateurverbände. Und nun mischt sich selbst die Politik ein.

"Koch und Osnabrügge bleiben schließlich unbehelligt, und wenn sie erneut die Strippen für den nächsten Neuanfang ziehen, ist das aus meiner Sicht alles andere als ein ermutigendes Zeichen", sagte Dagmar Freitag, Sportausschuss-Vorsitzende im Deutschen Bundestag. Schatzmeister Osnabrügge erklärte bereits am Dienstag, beim nächsten DFB-Bundestag 2022 nicht erneut zur Wahl anzutreten.

Doch all das scheint Koch nicht allzu sehr zu schaden. Schließlich sicherte er seine Funktionärskarriere vor drei Wochen nachhaltig ab. Er ließ sich als einziger deutscher Vertreter vor wenigen Wochen ins UEFA-Exekutivkomitee wählen.

Auch, wenn Fritz Keller einen Rücktritt aktuell noch ausschließt, wird er wohl nicht mehr allzu lang das Sagen über den größten Sportverband der Welt haben. Drei Jahre vor der Europameisterschaft im eigenen Land gibt der DFB ein katastrophales Bild ab, das von Machtkämpfen und Intrigen geprägt ist.

Wer dachte, dass der Verband seinen Tiefpunkt bereits in der Sommermärchen-Affäre erreicht hatte, sieht sich getäuscht. Bleibt nur zu hoffen, dass ein neuer Präsident es endlich schafft, den DFB wieder in die richtige Spur zu bringen – auch wenn, oder obwohl sein Vize-Präsident dann wohl immer noch Rainer Koch heißen wird.

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