Olaf Scholz war Gastgeber des G7-Gipfels in Bayern.
Olaf Scholz war Gastgeber des G7-Gipfels in Bayern.Bild: www.imago-images.de / imago images
Gastbeitrag

Fridays for Future: "Die G7 sind keine Anführer – Anführerin ist die Klimabewegung"

01.07.2022, 16:2301.07.2022, 16:49
Line Niedeggen und Darya Sotoodeh, gastautorinnen

Am vergangenen Wochenende kamen die Staats- und Regierungschefs von sieben der reichsten Industriestaaten auf Schloss Elmau in Bayern zum jährlichen G7-Gipfel zusammen. Unter Abschottung der Zivilgesellschaft wurde unter anderem über Klimapolitik und Aufrüstung verhandelt. Die eigene Machtposition und sogenannte demokratische Werte sollen gesichert werden. Begleitet wurde das Treffen von zahlreichen Protesten, deren Teilnehmende größtenteils weit angereist waren und trotz massiver polizeilicher Einschränkungen gegen das elitäre Treffen und für globale Gerechtigkeit demonstrierten.

Unsere traurige Hoffnung ist manchmal, dass Scholz, Trudeau und Macron einfach keine Klimawissenschaft verstehen und nicht wissen, dass sie Milliarden Menschen in die Katastrophe führen. Doch das wäre genauso naiv zu glauben, wie, dass die Gletscher bei Schloss Elmau von alleine aufhören zu schmelzen.

Die Zeit drängt – und die G7 spielen bei der Klimapolitik eine entscheidende Rolle

Wir befinden uns seit längerer Zeit in der entscheidenden Phase der Klimapolitik, die Zeit drängt und notwendige Entscheidungen müssen schnell getroffen werden – denn globale Emissionen steigen bis heute. Die G7 spielen dabei eine entscheidende Rolle: Zwar stehen die sieben Mitgliedstaaten (Japan, Italien, Frankreich, USA, UK, Kanada und Deutschland) nicht mehr allein an der Spitze der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. Sie haben allerdings weiterhin einen großen wirtschaftspolitischen Einfluss, und tragen die historische Verantwortung für die Klimakrise, die allein in diesem Jahr die Lebensgrundlage von Millionen Menschen durch Fluten oder extreme Hitze (oder beides zusammen) zerstört.

Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.
Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.

Die meisten der G7-Staaten gehören weiterhin zu den weltweit führenden Industrienationen und profitieren global betrachtet von der ungleichen wirtschaftlichen Lage. Ihr Wohlstand entsteht nicht nur aus der gegenwärtigen Situation, aus oft gelobten und angeblich selbst erarbeiteten Errungenschaften wie Bildung und Innovation. Er beruht auf jahrhundertelanger Geschichte, auf aggressivem Imperialismus und kolonialer Ausbeutung.

"Der Wohlstand der G7-Staaten beruht auf jahrhundertelanger Geschichte, auf aggressivem Imperialismus und kolonialer Ausbeutung."

Diese Ausbeutung hält bis heute an. Beispielsweise, wenn große europäische Unternehmen wie Total Energies in Uganda und Tansania Menschen und Natur ausbeuten – und die Klimakrise auf die Spitze treiben, beispielsweise durch den Bau der EACOP (East African Crude Oil Pipeline). Die Konsequenzen tragen in erster Linie nicht die Reichen der G7, sondern diejenigen, die am wenigsten dazu beitragen und zum Beispiel in Ostafrika durch anhaltende Dürre Hungersnot erleiden.

Die G7 verbrachten ein Wochenende in einem 5-Sterne-Hotel an einem der idyllischsten Orte, die Deutschland zu bieten hat, während im selben Zeitraum Tausende Menschen aufgrund der Klimakatastrophe ihr Zuhause verlieren, ihre Existenz oder ihr Leben. Isaac Ssentumbwe, ein Klimaaktivist von "Rise Up Uganda" sagte in seiner Rede direkt vor dem Schloss Elmau: "Während sie dort sitzen und die Klimakrise wie 'Business as usual' behandeln, gibt es Dörfer und Menschen, die versuchen zu überleben."

Line Niedeggen ist seit 2018 in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Bei Fridays for Future bringt sie sich in der Ortsgruppe Heidelberg sowie bundesweit und international ein. Sie studiert Physik im Master.
Line Niedeggen ist seit 2018 in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Bei Fridays for Future bringt sie sich in der Ortsgruppe Heidelberg sowie bundesweit und international ein. Sie studiert Physik im Master.

Mehr als nur leere Versprechungen?

Auf diesem G7-Gipfel wurden auch Regierungschefs aus beispielsweise Indonesien und dem Senegal eingeladen, um einander gegenseitige Unterstützung zu versprechen. In erster Linie ging es dabei jedoch darum, statt aus Russland jetzt aus anderen Ländern zum Beispiel fossiles Gas kaufen zu können. Doch vor Ort stellten Klimaaktivistinnen aus afrikanischen Ländern klar, dass sie die fortschreitende Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen als Weiterführung des Kolonialismus ablehnen. Während die G7 Schlagzeilen mit einem "Klimaclub" machten, hörte man auf den Straßen die Forderung "Climate Justice is our right, not just for the rich and white" (‘Klimagerechtigkeit ist unser Recht, nicht nur für die Reichen und Weißen).

"Der G7-Gipfel reiht sich ein in leere Versprechungen und Scheinheiligkeiten derjenigen, die die globalen Krisen täglich weiter befeuern."

Der G7-Gipfel reiht sich ein in leere Versprechungen und Scheinheiligkeiten derjenigen, die die globalen Krisen täglich weiter befeuern. Für diesen Gipfel gab es, wie so oft, einige Versprechungen und Erwartungen. Bei vergangenen Zusammenkünften einflussreicher Staaten (wie bei 26 Klimakonferenzen) wollte man entscheidende Schritte gegen die Klimakrise beschließen. 2009 wurden 100 Milliarden Euro jährlich für internationale Klimafinanzierung versprochen.

Die G7 behaupten, an der 1,5 Grad-Grenze für globale Erhitzung festzuhalten, während sie weiter fossile Energien ausbauen und uns offenkundig belügen. Das Versprechen der letzten Klimakonferenz, bis 2023 keine fossilen Energien mehr zu finanzieren, ist die direkte physikalische Konsequenz, um Emissionen zu reduzieren. Doch Scholz und von der Leyen machen dieses Vorhaben gleich wieder zunichte, indem sie etwa neue Investitionen in dreckiges Gas durch die EU-Taxonomie grün anmalen wollen.

Darya Sotoodeh ist bei Fridays for Future Heidelberg und bundesweit aktiv und engagiert sich unter anderem für anti-rassistische Bildungsarbeit. Außerdem studiert sie Übersetzungswissenschaft in Heidelberg.
Darya Sotoodeh ist bei Fridays for Future Heidelberg und bundesweit aktiv und engagiert sich unter anderem für anti-rassistische Bildungsarbeit. Außerdem studiert sie Übersetzungswissenschaft in Heidelberg.

Die Klimabewegung ist die Anführerin der dringend notwendigen Veränderungen

Die massive Polizeipräsenz bei den G7-Demonstrationen hat internationales Zusammenstehen für einen konsequenten Systemwandel versucht einzuschränken. Doch genau dort sehen wir, wer tatsächlich globale Veränderungen anführt – es sind Aktivistinnen wie Ina-Maria Shikongo. Evelyn Acham. Bettina Cruz Velasquez. Und Tausende weitere, die in ihrer Heimat gegen anhaltende Ausbeutung und Ausuferungen der Klimakatastrophe kämpfen. Sie haben die Lösungen in der Hand, doch werden ignoriert oder verhaftet.

Die G7 halten sich nicht von alleine an ihre Klimaziele, doch die 1,5 Grad-Grenze ist keine politische Frage, sondern brutale Realität. Die politische Frage, die von den Anführenden beantwortet werden muss, ist, wie man das noch verbleibende Emissionsbudget einhält. Bisher kommt die Antwort allerdings von der globalen Klimabewegung, die sich zusammenschließt für soziale Gerechtigkeit, radikale Emissionsreduktionen und Solidarität mit den Arbeitenden, die unsere Wirtschaft transformieren. Sie ist die Anführerin der dringend notwendigen Veränderungen, die an allen Ecken wartet.

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