Robin Gosens, Profi von Atalanta Bergamo, feierte am Donnerstag sein Debüt in der DFB-Elf – und ärgert sich im Nachhinein.
Robin Gosens, Profi von Atalanta Bergamo, feierte am Donnerstag sein Debüt in der DFB-Elf – und ärgert sich im Nachhinein.
Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann

Er spielte nie bei einem deutschen Profiklub: Das ist Löws Neuling Robin Gosens

05.09.2020, 09:08

Die längste Länderspielpause seit 70 Jahren endete am Donnerstag – mit einer bitteren Wendung in letzter Sekunde: Ein Gegentor in der Nachspielzeit hat die Nationalmannschaft im lange zähen Fußball-Klassiker um den ersten Pflichtspielsieg gegen Spanien seit 32 Jahren gebracht.

Trotz Führung kam die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag nach fast zehn Monaten Auszeit beim Corona-Geisterspiel der Ex-Weltmeister zu einem 1:1 (0:0). Den Treffer von Timo Werner (51. Minute) glich Luis José Gayà (90.+6.) am Donnerstag in Stuttgart noch aus und verhinderte somit noch den ersten Pflichtspielsieg von Löw gegen Spanien.

Für Robin Gosens, der sein Geld in der italienischen Serie A bei Atalanta Bergamo verdient, war es der erste Auftritt in der Nationalelf überhaupt.

Er hatte bei seinem Debüt einen "gigantischen Abend" – mit einem gar nicht mal so kleinen Schönheitsfleck. "Das war ein kleines Wechselbad der Gefühle", sagte der 26-Jährige nach dem Spiel im ZDF: "Ich bin ultrahappy über mein Debüt, aber es geht mir ordentlich auf den Zünder, dass wir in den letzten Sekunden so ein Eiergegentor bekommen haben."

Gosens, der das 1:0 durch Timo Werner (51.) vorbereitet hatte, spielte beim Ausgleich durch Jose Gaya (90.+6) eine unglückliche Rolle: Der Pechvogel hob das Abseits auf. "Ich habe auf jeden Fall wieder was gelernt", sagte der Shootingstar von Atalanta Bergamo: "Ich dachte, wenn ich hinter der Grundlinie bin, bin ich nicht mehr Teil des Spiels, aber scheinbar ist das so.

Robin Gosens: Deutsche Nationalelf war "utopisch weit weg"

Dass der 26-jährige Linksverteidiger überhaupt vom Fußball leben kann und jetzt Nationalspieler ist, daran hat er lange Zeit selbst nicht so recht geglaubt. Die Nationalmannschaft sei "utopisch weit weg" gewesen: "Das Wort habe ich nie realistisch in den Mund genommen", sagt er.

Seine Laufbahn verlief bisher auch etwas anders als zum Beispiel die der anderen beiden Debütanten Baumann und Neuhaus, deren Berufung in die Nationalelf keine sonderlich große Überraschung ist.

Zwei Spieler, zwei Karrieren: Kai Havertz (l.) hat mit 21 Jahren schon über 100 Bundesligaspiele und läuft seit der U16 für Deutschland auf; Robin Gosens debütiert mit 26 in der Nationalelf, in den Juniorenteams des DFB spielte er nie.
Zwei Spieler, zwei Karrieren: Kai Havertz (l.) hat mit 21 Jahren schon über 100 Bundesligaspiele und läuft seit der U16 für Deutschland auf; Robin Gosens debütiert mit 26 in der Nationalelf, in den Juniorenteams des DFB spielte er nie.
Bild: www.imago-images.de / Markus Ulmer

Gosens hat nämlich im Gegensatz zu ihnen nicht mehrere Jugendnationalmannschaften durchlaufen, er stammt aus keinem Nachwuchsleistungszentrum. Und er hat auch noch kein einziges Bundesligaspiel absolviert. Damit ist er nach Robert Huth, Thomas Hitzlsperger und Shkodran Mustafi erst der vierte Nationalelfdebütant, der zuvor noch nie für einen Klub in der höchsten deutschen Spielkasse auflief.

Eigentlich wollte Robin Gosens Polizist werden – doch der Zufall wollte es anders

Gosens' Karriereweg ist ungewöhnlich. Der Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter wurde 1994 in Emmerich am Rhein geboren, das liegt im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen, direkt an der niederländischen Grenze. Über Fortuna Elten und den 1. FC Bocholt kam er als Jugendlicher zum Fünftligisten VfL Rhede. Eine solide Amateurfußballerkarriere bahnte sich an, ein bisschen was dazuverdienen, nach mehr sah es nicht aus. Polizist wollte er werden. Bei einem A-Jugend-Spiel spielte sich der damals 18-Jährige aber zufällig in das Notizbuch eines Scouts des niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim, der eigentlich Spieler des Gegners FC Kleve beobachten sollte.

Schnapp! Robin Gosens (r.) in der Saison 2013/14 beim FC Dordrecht. Hier luchst er dem jetzigen Wolfsburg-Stürmer Wout Weghorst den Ball ab.
Schnapp! Robin Gosens (r.) in der Saison 2013/14 beim FC Dordrecht. Hier luchst er dem jetzigen Wolfsburg-Stürmer Wout Weghorst den Ball ab.
Bild: imago sportfotodienst / VI Images

Gosens stand zu dieser Zeit auch im Fokus von Borussia Dortmund, hatte sogar ein Probetraining beim BVB, wie er der "WAZ" erzählte. Im Gespräch mit der Zeitung verriet er, wie er das Schaulaufen allerdings komplett in den Sand setzte: "Das war eine Katastrophe." Und weiter: "Ich konnte überhaupt nicht mithalten. Ich stand zwar auf dem Platz, aber ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie der Ball wieder von meinen Schuhen verschwunden war. Ich wusste überhaupt nicht, was passiert, ich war komplett überfordert."

Gosens wechselte zu Vitesse Arnheim in die Niederlande, spielte dort in der Reserve. Ein Jahr später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag bei Vitesse, wo damals Peter Bosz Trainer war, der jetzt bei Bayer Leverkusen coacht. Für Einsätze in der Profimannschaft in der Eredivisie reichte es aber noch nicht. Vitesse verlieh Gosens im Januar 2014 in die zweite Liga der Niederlande zum FC Dordecht, mit dem er am Saisonende in die Eredivisie aufstieg. Dordrecht verlängerte daraufhin die Leihe von Gosens um ein weiteres Jahr.

Nach guten Leistungen in der Eredivisie: Schalke-Fan Gosens wechselt nach Italien

Nach der Saison verpflichtete dann Ligakonkurrent Heracles Almelo Robin Gosens, ehe er dann zwei Jahre später, mit 23 Jahren, für 900.000 Euro zu Atalanta Bergamo nach Italien wechselte. Der bekennende Schalke-Fan steigerte sich Schritt für Schritt, in Bergamo etablierte er sich als Stammspieler auf der linken Außenbahn.

Von Dordrecht ging es für den Sohn einer deutschen Mutter und eines niederländischen Vaters zu Heracles Almelo. Dort spielte Gosens von 2015 bis 2017.
Von Dordrecht ging es für den Sohn einer deutschen Mutter und eines niederländischen Vaters zu Heracles Almelo. Dort spielte Gosens von 2015 bis 2017.
Bild: imago sportfotodienst / VI Images

Mit dem Außenseiterklub mischte er erst die Serie A, dann Europa League und Champions League auf. Atalanta macht es anders als die Topklubs der Serie A aus Rom, Mailand, Turin. Die Norditaliener setzen auf eine herausragende Jugendarbeit: Die Nachwuchsmannschaften von Atalanta holten seit 1991 20 Meistertitel. Und der Klub setzt auf gutes Scouting. Dem "Kicker" erklärte Gosen im vergangenen Jahr: "Unser Weg, unbekannte Spieler zu holen, den Marktwert zu steigern und sie teuer zu verkaufen, hat gefruchtet und wird auch weiterhin fruchten."

Gosens ist auch einer dieser Profis, die unter dem Radar fliegen – beziehungsweise war er das. Mittlerweile kennt man den offensiven Außenverteidiger auch hierzulande, mehrere Bundesligisten sollen schon Interesse gezeigt haben. In der abgelaufenen Saison gelangen dem Linksfuß neun Tore und acht Vorlagen in der italienischen Liga. Jetzt glaubt er fest an seine EM-Chance. Er kennt sich im Dreierketten-System, das Löw dem DFB-Team einimpfen will, bestens aus.

Gosens ist selbstbewusst: "Habe die Qualität"

Sein Vorteil gegenüber Konkurrenten wie Marcel Halstenberg, Nico Schulz oder Jonas Hector sei "das Gesamtpaket. Ich habe die Qualität, die ganze linke Seite zu übernehmen, dass ich offensiv wie defensiv einen Wert habe." Welche Rückennummer er bei seinem Debüt tragen wird, ist ihm übrigens "völlig egal, solange auf dem Trikot der Adler ist".

Seit 2017 ackert Robin Gosens (r.) auf der linken Außenbahn von Atalanta Bergamo. Mit dem italienischen Erstligisten zog er in der Saison 2019/20 bis ins Viertelfinale der Champions League.
Seit 2017 ackert Robin Gosens (r.) auf der linken Außenbahn von Atalanta Bergamo. Mit dem italienischen Erstligisten zog er in der Saison 2019/20 bis ins Viertelfinale der Champions League.
Bild: www.imago-images.de / David Blunsden

Das mit dem Adler auf der Brust hätte übrigens beinahe nicht geklappt – stattdessen wäre es fast ein orangefarbener Löwe geworden. Denn Joachim Löw war spät dran bei Gosens, eigentlich zu spät. Als der Bundestrainer bei ihm durchklingelte, hatte der längst mit dem niederländischen Bondscoach Ronald Koeman gesprochen. "Er hat versucht, mich von den Niederlanden zu überzeugen", berichtete Gosens, der seit seiner Zeit im holländischen Vereinsfußball auch die Staatsbürgerschaft der Niederlande besitzt, im "Kicker".

Doch der Senkrechtstarter sagte "nee" zu Koeman – und nur wenige Tage später "ja" zu Löw. "Für mich war es einfach eine Entscheidung des Herzens, zu welchem Land ich mich mehr hingezogen fühle. Und das ist Deutschland, schließlich bin ich hier aufgewachsen, und meine Bindungen sind einfach stärker", erklärte Gosens seine Entscheidung der "Bild am Sonntag".

Robin Gosens (r.) ist immer voll dabei. Hier schreit er vor Freude Atalanta-Torwart Pierluigi Gollini an, der gerade im Champions-League-Spiel gegen Valencia einen Ball pariert hat.
Robin Gosens (r.) ist immer voll dabei. Hier schreit er vor Freude Atalanta-Torwart Pierluigi Gollini an, der gerade im Champions-League-Spiel gegen Valencia einen Ball pariert hat.
Bild: www.imago-images.de / ESPA Photo Agency

Beim Profi mit dem nicht ganz so stromlinienförmigen Karriereweg ist selbst die Geschichte, wie es zu seiner Nominierung durch Löw kam, irgendwie ungewöhnlich. Nach einer ersten Kontaktaufnahme per SMS vor etwa einem Monat erreichte der Bundestrainer ihn kürzlich im Urlaub in den Dolomiten "auf einer Serpentinen-Straße", wie er berichtete. Gosens hatte kaum Empfang, steuerte auf einen Tunnel zu. Er habe nur gedacht: "Was passiert, wenn ich das Gespräch annehme und das Signal geht weg?" Wäre es das dann gewesen mit dem Traum von der Nationalmannschaft?

Löw erreichte Gosens beim Autofahren: "Vor Freude alles und jeden angehupt"

Gosens fuhr mit eingeschaltetem Warnblinker auf den Standstreifen, wo er die frohe Botschaft erhielt – ein "Wahnsinnsgefühl, ein magischer Moment für mich. Ich war sprachlos." Nach dem Telefonat mit dem Bundestrainer habe er "das Auto beschleunigt und im Tunnel vor Freude alles und jeden angehupt", berichtete er.

Wirklich gerechnet habe er nicht mit seiner Nominierung, betonte Gosens, obwohl Löw ihn schon für die wegen Corona abgesagten März-Länderspiele gegen Spanien und Italien auf dem Zettel hatte. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Löwe auf Gosens setzt. Und beim nächsten Mal dürfte der 26-Jährige gewiss auch die Abseitsregeln drauf haben...

(as/mit material von sid und dpa)

PSG-Abgang: Mbappé macht offenbar Ernst – Mega-Deal abgelehnt

Der Messi-Wechsel von Barcelona nach Paris war bis jetzt wohl die größte Sensation der diesjährigen Transferperiode, doch nun könnte es wohl noch zu weiteren Star-Transfern kommen. Schon am 31. August schließt offiziell das Transfer-Fenster. Höchste Zeit also für letzte Wechsel bei den europäischen Spitzen-Klubs.

Eigentlich sollte der Messi-Wechsel bei PSG zum perfekten Star-Ensemble von Messi, Neymar und Kylian Mbappé führen. Dadurch möchte Paris endlich den langersehnten …

Artikel lesen
Link zum Artikel