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Siva Sivatharsanan vor seiner Wirtschaft: Er räumte Tische zur Seite, um Platz für Rettungskräfte zu machen. (

Bild: Jonas Schaible

Dieser Gastwirt half den Opfern nach der Amokfahrt in Münster 

jonas Schaible 

Wenige Meter vor Siva Sivatharsanans Lokal tötete Jens R. zwei Menschen. Der Gastwirt eilte zum Tatort, um zu helfen. Angst habe er nicht gehabt, sagt er – auch wegen seiner Vergangenheit.

Zuerst hörte Siva Sivatharsanan einen Knall

Da wusste er: Irgendetwas ist passiert. Er lief nach draußen, blickte sich um, sah wenige Meter links von ihm: schreiende Menschen, laufende Menschen, blutende Menschen. Sivatharsanan eilte hinüber, um zu helfen.

Gerade war der 49-jährige Jens R. mit seinem Campingbus auf den Platz vor dem Restaurant "Großer Kiepenkerl" in Münster gerast. Absichtlich wohl, um möglichst viele Menschen zu töten, bevor er sich im Führerhaus seines Wagens selbst erschoss. Sivatharsanan hat das nicht gehört, sagt er, zu viel Lärm, zu unübersichtlich alles.

Er erzählt:

"Aber ich habe ihn im Auto liegen sehen"

Siva Sivatharsanan

Dann legt er den Kopf auf die Seite, um zu zeigen, wie der Attentäter aussah. Am Tag danach steht Sivatharsanan, 42 Jahre alt, vor seiner Gaststätte und schaut hinüber zum Tatort, um den sich Kamerateams und Reporter drängen.

Menschen legen Blumen nieder. Eben waren Innenminister Horst Seehofer und Ministerpräsident Armin Laschet da. Was, wenn noch mehr Angreifer unterwegs sind? Trauerarbeit durch Symbole, wie immer. Der Täter ist bekannt, die Identität der Toten auch.

Als Sivatharsanan zum Tatort lief, war noch gar nichts bekannt. Er konnte nicht wissen, ob er sich in Lebensgefahr begab. Zeugen wollten zwei Menschen gesehen haben, die aus dem Campingbus herausgesprungen waren. Vielleicht waren weitere Täter unterwegs?

"Daran habe ich nicht gedacht", sagt Sivatharsanan, "ich wollte einfach nur helfen." Er sah Verletzte, Hemden voller Blut, Menschen, die geschockt wirkten. Dazwischen Glasscherben.

Fotos machen oder helfen?

In Notsituationen kommt es auch darauf an, wie die reagieren, die nur zufällig vor Ort sind und keine Ausbildung haben. Sie können Panik schüren oder die Situation beruhigen. Sie können im Weg stehen oder anpacken. Sivatharsanan packte mit an. Andere leisteten erste Hilfe, er räumte Stühle und Tische beiseite, um vor dem Restaurant und in den schmalen Gassen Platz für die Rettungskräfte zu schaffen.

"Manche machen da Fotos",

sagt er und schüttelt den Kopf.Nach kurzer Zeit fuhr die Polizei vor. Wegen einer Demonstration war ein Großaufgebot in der Nähe. "Die haben dann alles abgesperrt und die Menschen sollten weg", sagt Sivatharsanan. Er brachte einen Teil der Leute zu sich ins Restaurant. Gab Korn aus. Redete beruhigend auf die Leute ein. Bat sie, keine Gerüchte zu verbreiten.

So erinnert er sich. In der Zwischenzeit schrieben ihm Freunde und Bekannte: Ob alles in Ordnung sei? "Einigen habe ich geantwortet, wenn ich kurz Zeit hatte", sagt er.

Wie hat er es geschafft, so ruhig zu bleiben?

Wie schafft er es, keine 24 Stunden danach so ruhig und unaufgeregt zu erzählen?Als Jugendlicher floh er vor dem Bürgerkrieg. "Ich habe als Kind ähnliche Situationen erlebt", erzählt er. Er wuchs auf Pungudutivu auf, einer kleinen Insel im Norden Sri Lankas, das er noch Ceylon nennt. Damals bekämpften sich tamilische Rebellen und das Militär.

Ein Bürgerkrieg, der erst 2009 endete. "Mit 13 habe ich das Land verlassen." Er flog nach Deutschland, seine Tante holte ihn in Frankfurt vom Flughafen ab. Kurz danach kam er nach Münster. Das war 1989. "Lange her", sagt er. Was gestern passierte, habe ihn trotzdem geschockt.

In Münster arbeitete er in mehreren Restaurants. Seit einem Jahr führt er die "Köpi Stuben". "Echt Münster!" steht auf dem Schild, ein dunkles Lokal, Fliesen, viel Holz, eine lange Theke, das Gebäude gehört der Studentenverbindung, die im Stockwerk darüber sitzt, erzählt er.

Für kurze Zeit wird dieses altdeutsche Gasthaus zur Herberge für Erschrockene und Verletzte.

Nach einer Weile kommt die Polizei. Sie vermutet Sprengstoff im Tatfahrzeug. Die Gegend wird geräumt. "Sie müssen jetzt hier weg, bitte bleiben Sie ruhig", habe er seinen Gästen gesagt, und die Menschen durch den Hinterausgang herausgeführt, weg vom Tatort.

Dann schließt er ab, lässt alles, wie es war. Ruft endlich zu Hause an, wo die älteren Kinder längst wissen, was in der Stadt passiert ist. Er komme jetzt nach Hause, sagt er ihnen.Wie erzählt man Kindern, sechs Jahre der Jüngste, 17 der Älteste, was man erlebt hat? Gar nicht, sagt Sivatharsanan. Oder jedenfalls nicht in allen Details.

"Ich habe nicht alles erzählt, was ich gemacht und gesehen habe"

Siva Sivatharsanan

Stattdessen spielt er mit drei der Kinder Monopoly. 

 "Mein Jüngster liebt das." Erst nachts im Bett habe er wirklich nachgedacht.

Am nächsten Tag kommt er am Vormittag zur Arbeit, um aufzuräumen. Das Lokal bleibt geschlossen. "Ich würde das menschlich nie machen, heute zu öffnen", sagt Sivatharsanan. Am Montag will er aber wieder aufmachen. Dann muss es weitergehen.

Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen. 

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