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Kommentar

Die schleichende Almanisierung des Abendlandes 

23.06.2018, 09:3924.06.2018, 09:06

Einigkeit und Recht und Freiheit! 

ZDF-Journalist Jochen Breyer hat in seinem kürzlich ausgestrahlten Doku-Film "Am Puls Deutschlands – #wasfuermichdeutschist" die Nation vor dem Fernseher gefragt, was eigentlich noch Deutsch ist.

Und Fußballfans vor Stadien. Einer der Befragten antwortet: "Deutsch ist ein Gefühl, das 2006 wieder entstanden ist, wo die Welt auf uns geschaut hat und wir ganz begeistert waren von unserem Land".

Jaja. Mindestens alle vier Jahre zur WM fragt sich der Deutsche: 

Wer bin ich? Und was definiert eigentlich meine Kultur?

Sich selbst definieren bedeutet oft, sich vom vermeintlich "anderen" abzugrenzen. Und das "andere" der deutschen Gesellschaft ist seit Jahren schon "der Islam" mit "den Muslimen".

Nur was können Positionierungs-bedürftige Deutschen "dem Islam" und "den Muslimen" hierzulande überhaupt entgegensetzen? Schweinefleisch, Vereinsheime und Kegelclubs? Schwierig. 

Verständlich, dass manch einer Angst bekommt, "der Türke" oder "der Araber" könnten möglicherweise die interessanteren Kultur-Klischees im Angebot haben.

Dieser grauenhafte Verdacht und der daraus resultierende Komplex, im Vergleich viel langweiliger zu sein und keinerlei sympathische Kultur-Attribute vorweisen zu können, treiben den Nationalstolz-hungrigen Deutschen regelmäßig in die Identitätskrise.

"Krise" ist ein schönes deutsches Wort

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"Wer bin ich, was heißt das, sieht das gut aus im internationalen Vergleich?"

Pünktlichkeit, Ordnung und Nörgelei kann es ja nicht gewesen sein. "Der Spanier ist so heißblütig, der Italiener hat so gutes Essen und ich kann einfach nur gut Papierkram abarbeiten?", denkt sich der Deutsche. "Niemals!"

Und dann kommt die WM!

Endlich Folklore! Endlich wieder an deutsche Fähnchen klammern, mit aufblasbaren Stäbchen klatschen, die von Essenslieferservices gesponsert sind und seinen eigenen Wert an der Spielleistung der Fußballnationalmannschaft festmachen. Da kann einem keiner was! Der kleinste gemeinsame Nenner ist die Leistung von Neuer und Co. mit der man sich gern identifiziert.

Fair enough. Aber ist das etwa diese gefürchtete Islamisierung des Abendlandes? Davor scheinen ja immer mehr Deutsche so viel Angst zu haben wie vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und einem Supermarktlaufband ohne Warentrenner.

Gerade zur WM sieht man doch eher eine Almanisierung des Abendlandes.

Eine was?

Das Wort "alman" ist türkisch und heißt übersetzt ganz einfach: Deutsch. 

Online wird der Begriff folgendermaßen definiert:

Als "alman" werden Personen bezeichnet, die besonders "deutsch" sind, deutsche Klischees leben und sich besonders "deutsch" verhalten. Der Ausdruck wird spöttisch und scherzhaft-abwertend verwendet. Er tauchte zunächst in migrantischen Kreisen auf und verbreitete sich über das Internet.

Dabei muss man nicht einmal deutscher Staatsbürger sein, um sich wie ein Alman zu verhalten. Klar, deutsche Eltern zu haben, hilft. 

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Wenn also von Almans die Rede ist, sind das nicht einfach Deutsche. Alman zu sein, ist vielmehr ein soziales Phänomen, als eine Nationalität.

Alman ist vor allem jemand, der sich seiner (weißen) Geschichte und Privilegien nicht bewusst ist.

Übrigens: Es hat doch etwas tröstliches, dass neben "çüş" und "Döner" nach fast 60 Jahren der ersten Gastarbeitergeneration noch ein weiteres türkisches Wort Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gefunden hat. Mit Alman hat der Deutsche zudem keine schwierigen Sonderzeichen oder Vokale, es ist einfach auszusprechen und klingt ganz lustig. 

Da können auch Deutsche mal über sich selbst lachen.

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Früher nannte man Deutsche (mehr oder weniger liebevoll) "Kartoffeln", vorrangig um Schimpfworten wie "Schwarzkopf" oder "Kanake" etwas entgegenzusetzen.

Mittlerweile sind aus Kartoffeln Almans geworden. Und sie werden gefühlt immer mehr. Jetzt zur WM schleichen sich auch die letzten Nationalstolz-Unentschlossenen mit Drogerie-Schminke in Schwarz-Rot-Gelb auf die Straßen. Alman ist ein Lifestyle!

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, sich dafür zu schämen, deutsch zu sein. Warum auch? 

Es geht eher darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, mit welchen Privilegien man geboren wurde und diese zumindest ab und an zu hinterfragen.

Almans sind sich aber ihrer gesellschaftlichen Vorteile nicht bewusst und wollen es auch nicht sein. Die Opferrolle tragen sie genau so gern, wie ihre praktischen Übergangsjacken.

Dabei sind sie keine Opfer, sie sind in der Überzahl, genießen teils bessere Chancen in der Gesellschaft und können eben ungestraft Socken mit Sandalen tragen. 

Zu einer finalen Antwort, was es nun bedeutet, deutsch zu sein, kommt Jochen Breyer in seiner ZDF-Doku nicht.

Aber er stellt fest: "Der Fußball bringt uns zusammen, wie kaum etwas anderes. Wir sind dann Deutschland".

Was deutsch ist? Die ständige Frage danach.

Ihr Almans.

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