Missbrauchs-Skandal im Erzbistum Köln: Kardinal setzt Amtsträger ab – Hinweise auf 314 Opfer

18.03.2021, 11:5918.03.2021, 13:14
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, nimmt an einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch teil.
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, nimmt an einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch teil.
Bild: dpa / Ina Fassbender

Der Strafrechtler Björn Gercke, der in den vergangenen Monaten den Umgang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln untersucht hat, hat die Aktenführung des Bistums als äußerst mangelhaft kritisiert. "Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestands sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt. Wir haben bei einigen Akten den Eindruck gewonnen, dass Aktenbestandteile fehlten, da die Verfahrensführung nicht nachvollziehbar war", sagte er.

Gercke stellte am Donnerstag sein 800 Seiten starkes Gutachten vor. Die Auswertung der Akten von 1975 bis 2018 habe unter anderem ergeben, "dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen", kritisierte Gercke.

Gutachten gibt Hinweise auf schweren Missbrauch im Erzbistum Köln

Gercke sagte, auf Grundlage der Aktenprüfung hätten sich 202 Beschuldigte ergeben und 314 Opfer sexuellen Missbrauchs. Von den mutmaßlichen Tätern seien 63 Prozent Kleriker gewesen - das heißt, 127 Priester machten sich im größten deutschen Bistum des Missbrauchs schuldig. Mehr als die Hälfte der Opfer seien Kinder im Alter unter 14 Jahren gewesen, ein mit 57 Prozent größerer Anteil der Opfer seien Jungen gewesen. In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ist im Gutachten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im größten deutschen Bistum entlastet worden. Es seien keine Pflichtverletzungen bei Woelki feststellbar gewesen, sagte der Strafrechtler Björn Gercke am Donnerstag bei der Vorstellung seines Gutachtens. Gercke sagte, zu derselben Einschätzung sei auch das von Woelki unter Verschluss gehaltene Münchner Gutachten gekommen, ebenso der Vatikan.

Missbrauchs-Vorwürfe: Erzbischof Heße schwer belastet

Dieses erste Gutachten war vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki unter Verschluss gehalten worden, wofür er rechtliche Bedenken anführte. Dieses Verhalten Woelkis hatte eine Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum ausgelöst.

In ihrer Untersuchung erhoben die Gutachter aber schwere Vorwürfe gegen den Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der früher in Köln tätig und lange Personalverantwortlicher war. Bei Heße hätten sich aus den Akten insgesamt elf Pflichtverletzungen ergeben. Davon seien sieben Pflichtverletzungen nicht ordnungsgemäß bearbeitete Missbrauchsfälle gewesen.

Kölner Erzbistum: Kardinal entbindet zwei hochrangige Amtsträger

Als Reaktion auf die schweren Vorwürfe entbindet Woelki nur Stunden nach der Veröffentlichung des Gutachtens zwei Kölner Würdenträger von ihren Aufgaben. Dabei handelt es sich um Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und Offizial Günter Assenmacher. Er habe auf diesen Tag hingelebt und ihn "gefürchtet, wie nichts anderes", erklärt der Kardinal vor laufenden Kameras. "Wir wissen seit Jahren, dass sich Geistliche in vielen Fällen schuldig gemacht haben, ohne dafür bestraft zu werde."

Die Opfer seien oft nicht ernst genommen worden. Höchste Veranwortungsträger hätten vertuscht. "Sie haben nicht sanktioniert und den Schutz der Betroffenen nicht wahrgenommen. Auch meine Vorgänger haben sich schuldig gemacht." Schwere Pflichtverletzungen habe es nur in Fällen gegeben, in denen Priester betroffen gewesen seien. "Handeln muss auch für Kleriker Konsequenzen haben."

(jab/dpa)

Halbes Jahr Corona in Deutschland – ein Arzt zieht Bilanz: "Eine Systemerkrankung"

Vor den Apotheken standen Menschen Schlange. Atemmasken waren ausverkauft. Wer Glück hatte, ergatterte noch Desinfektionsmittel. Cafés waren wie ausgestorben. Spätnachts am 27. Januar hatte das bayerische Gesundheitsministerium den bundesweit ersten Corona-Fall bekannt gegeben. Es handelte sich um einen Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto in Stockdorf bei München. An den Tagen darauf herrschte in diesem Ortsteil von Gauting Ausnahmezustand.

Arztpraxen in Stockdorf mit seinen rund …

Artikel lesen
Link zum Artikel