Viele Kinder in Deutschland wollen schwimmen lernen, können es aber nicht. Die Gründe sind vielfältig.
Viele Kinder in Deutschland wollen schwimmen lernen, können es aber nicht. Die Gründe sind vielfältig. getty images
Analyse

Geschlossene Bäder, fehlendes Personal: Schwimmlehrer warnt vor einer Generation von Nichtschwimmern

22.07.2022, 16:0822.07.2022, 19:20

Die Misere begann mit der Corona-Pandemie und endet damit, dass viele Kinder in nun nicht schwimmen können. Wie bei so vielen Bereichen unseres Lebens, offenbarte das Virus gnadenlos die Schwachstellen und Risse im System, die zu lange ignoriert wurden.

Der ohnehin bestehende Mangel an Bädern und Schwimmkursen verschärfte sich mit ihrer Schließung aufgrund der Corona-Pandemie. Viele Monate lang fiel der Schwimmunterricht aus. Nun sind die Bäder zwar wieder offen, doch vielerorts fehlt es an Personal.

Gasmangel wird zum nächsten Problem

Denn viele Schwimmlehrer, Bademeister und Rettungsschwimmer suchten sich während der Pandemie neue Jobs und wollen wegen der unsicheren Arbeitslage nicht zurückkommen. Die Folge in einigen Städten: weiterhin geschlossene Schwimmbäder.

Doch das ist nicht der einzige Grund für die missliche Lage der Bäderlandschaft. Aktuell treibt der Gasmangel die Heizkosten in die Höhe. Viele Schwimmbäder können sich das Heizen des Wassers nicht mehr leisten und bleiben deshalb geschlossen.

Nicht mal auf den Wartelisten gibt es noch Plätze

Wie gefährlich die Folgen dieses Bädermangels werden könnten, weiß Alexander Gallitz, Schwimmlehrer und Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbands DSLV.

Im Gespräch mit watson sagt er:

"In Baden-Württemberg hab ich mit einer Kollegin von der DLRG telefoniert, da sind 400 Kinder auf der Warteliste. Die haben sogar die Warteliste zugemacht."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz warnt vor immer mehr Nichtschwimmern.
DSLV-Präsident Alexander Gallitz warnt vor immer mehr Nichtschwimmern.bild: privat

Heißt konkret: Es gibt nicht genügend Schwimmkurse für die vielen Kinder, die seit zwei Jahren auf einen Platz warten, um endlich schwimmen zu lernen.

Gallitz sagt:

"Es gilt, was ich auch schon vor zwei Jahren gesagt habe: Wir haben zu wenig Lehrer, wir haben zu wenig Schwimmbäder, um das alles abzubauen. Da bildet sich jetzt ein Riesenstau. Die nächste Generation kommt ja auch schon dazu."
Die Schlange für Schwimmkurse ist meist lang.
Die Schlange für Schwimmkurse ist meist lang.bild: getty images

"Sobald die ersten schönen Tage sind, laufen bei uns die Telefone heiß"

Doch hingeschaut werde laut Gallitz immer erst, wenn es zu spät ist: "Dieses Phänomen haben wir seit 20 Jahren. Sobald die ersten schönen Tage sind, laufen bei uns die Telefone heiß." Vorher werde daran kein Gedanke verschwendet, dass das Kind schwimmen lernen sollte.

"Wenn die Kinder sieben, acht oder neun Jahre alt sind, ist es viel zu spät."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz

Viele Eltern würden meist nicht begreifen, dass sie ihre Kinder schon ein Jahr vorher für den Schwimmkurs anmelden müssen. "Wenn die Kinder sieben, acht oder neun Jahre alt sind, ist es viel zu spät, dann sind die Ängste vor dem Wasser schon gefestigt."

Akuter Bädermangel in Deutschland

Doch es fehlt an ausreichend Bädern in der Bundesrepublik, um Unterricht für alle Kinder anzubieten. "Es war jetzt etwa zwei Jahre Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aber es ist nicht viel passiert beim Bau von Schwimmbädern oder der Restaurierung", sagt Gallitz anklagend. "Selbst wenn wir neue Schwimmbäder bauen, dauert das mindestens zwei, drei Jahre."

Die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für das Badwesen (DGfdB) sagt auf Nachfrage von watson:

"Was Corona bewirkt hat, ist, dass es teilweise zu Verzögerungen bei Bauprojekten kam, unter anderem aufgrund von Personalausfall und Materialknappheit."
Viele Bäder können nicht öffnen, weil sie renovierungsbedürftig sind.
Viele Bäder können nicht öffnen, weil sie renovierungsbedürftig sind.picture alliance/KEYSTONE | ANTHONY ANEX

In Bayern, erzählt Gallitz, sollen 250 Bäder renoviert werden. Dafür seien 120 Millionen Euro für sechs Jahre zur Verfügung gestellt worden. "Das sind jedes Jahr 20 Millionen, davon können gerade mal drei Bäder renoviert werden."

"Es ist nicht viel passiert beim Bau von Schwimmbädern oder der Restaurierung."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz

Renovierungsbedarf haben deutlich mehr Bäder. Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) zur Infrastruktur der Bäder im Jahr 2019 wird bei fast einem Drittel (32 Prozent) der Bäder der bauliche Zustand als höchstens "ausreichend" oder sogar als "mangelhaft" bezeichnet.

Schwimmbäder sind mit Reinigung, Unterhalt, Personal und Beheizung oft ein Minusgeschäft für den Betreiber. Bereits 2019 wurde zu jedem zehnten Bad (9,9 Prozent) eine Schließungsdiskussion geführt. Denn die oft günstigen Ticketpreise decken nur einen Bruchteil der Kosten.

Auf der Website der DGfdB heißt es: "Die von den Kommunen direkt oder indirekt betriebenen Bäder [...] in Deutschland arbeiten praktisch ausnahmslos nicht kostendeckend." Der Zuschussbedarf der Bäder beträgt ungefähr zwischen vier und fünf Euro pro Besucher.

"Das ist eigentlich ein Witz. Selbst in Bayern gibt es Regionen, da ist innerhalb von 50 Kilometern kein Schwimmbad."

Dabei braucht Deutschland mehr Schwimmbäder und nicht weniger. "Das ist eigentlich ein Witz. Selbst in Bayern gibt es Regionen, da ist innerhalb von 50 Kilometern kein Schwimmbad. Wie soll das funktionieren?", fragt Gallitz und hat gleich einen Vorschlag parat.

Deutschland braucht mehr Schwimmbäder, fordert DSLV-Präsident Alexander Gallitz.
Deutschland braucht mehr Schwimmbäder, fordert DSLV-Präsident Alexander Gallitz.picture alliance / Jan Woitas/dpa-Zentralbild/ZB

Eine Taskforce brauche es, die sich überlegt, wie man das Geld sinnvoller einsetzen könne und um "Möglichkeiten zu finden, wie wir auch Leuten das Schwimmen lehren können, die aus strukturschwachen Gebieten kommen". Diese Taskforce könne beispielsweise auch Intensiv-Schwimmerwochen in den Ferien anbieten. "Dann fährt man eine Woche ins Schwimmcamp und nicht an die Ostsee", sagt Gallitz.

Ein Seepferdchen-Abzeichen ist kein Garant für sicheres Schwimmen

Nach zwölf Unterrichtseinheiten seien "die Kinder zumindest so weit, dass sie nicht mehr untergehen." Hoffentlich. Denn es komme durchaus auch vor, "dass Seepferdchen verschenkt werden", so der DSLV-Präsident.

"Ich warne schon seit Jahren davor, dass das [Seepferdchen-Abzeichen] nicht bedeutet, dass das Kind sicher schwimmen kann."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz

Wenn der Schwimmunterricht als Seepferdchenkurs ausgeschrieben würde, erwarteten die Eltern auch, dass ihre Kinder am Ende das Abzeichen erhielten – egal ob es fünf Meter schwimmen könne, zehn oder 20 Meter. Die Realität aber sieht anders aus: "Ich warne schon seit Jahren davor, dass das [Seepferdchen-Abzeichen] nicht bedeutet, dass das Kind sicher schwimmen kann."

Akuter Personalmangel im Bäderbetrieb

Für mehr Kurse wie den von Gallitz vorgeschlagenen Sommer-Intensivkurs braucht es aber mehr Schwimmlehrer. Und diese haben den Beruf nicht nur während der Pandemie verlassen. Auch der Nachwuchs fehlt, weil es zu wenige Ausbildungen für Rettungsschwimmer gibt: "In einer riesigen Stadt wie Nürnberg findet genau ein Ausbildungslehrgang statt, mit 20 Leuten", erzählt Gallitz.

"Wir müssen die Bäder wieder gesellschaftspolitisch in den Fokus stellen."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz

Wenn es keine Rettungsschwimmer gibt, können auch keine Schwimmlehrer ausgebildet werden: Der Rettungsschwimmer-Schein ist die Voraussetzung dafür, Schwimmlehrer zu werden. "Das macht einen riesigen Teufelskreislauf auf."

Schwimmenlernen ist ein wichtiger Meilenstein für viele Kinder.
Schwimmenlernen ist ein wichtiger Meilenstein für viele Kinder.getty/dimarik

Denn mehr Kurse für Rettungsschwimmer können wiederum nicht angeboten werden, weil selbst das Personal zur Ausbildung von neuem Personal fehlt: "Wir haben nicht einmal die Möglichkeit, Leute auszubilden, weil wir wiederum die Ehrenamtlichen nicht haben", erzählt der Schwimmlehrer. Der Großteil der Helfer bei Vereinen wie der Wasserwacht und DRLG sind Ehrenamtliche. Nach Feierabend mehrere Stunden lang am Becken zu stehen, wolle sich aber kaum einer mehr zumuten.

Hilflosigkeit seitens der Politik

Die Politik will helfen, weiß scheinbar aber nicht, wie. In Bayern verteilte die Regierung im Herbst 2021 über 200.000 Gutscheine für Seepferdchen-Schwimmkurse an die Schüler und Schülerinnen. Gallitz spricht von "einem Tropfen auf dem heißen Stein".

Nur zehn Prozent dieser Gutscheine seien eingelöst worden. Zum einen, weil sie nur für Erstklässler galten, obwohl selbst ältere Schulkinder noch nicht schwimmen können. Zum anderen waren sie nicht in allen Schwimmschulen einlösbar und die Schwimmkurse sind sowieso ausgebucht. Da helfen auch Gutscheine nicht.

"Selbst wenn wir neue Schwimmbäder bauen, dauert das mindestens zwei, drei Jahre."
DSLV-Präsident Alexander Gallitz

Das Problem sei vielschichtig, sagt Gallitz:

"Wir müssen viel mehr Geld in die Bildung investieren, damit Schwimmlehrer ausgebildet werden und damit viel mehr Wasserflächen zur Verfügung stehen."
Um Schwimmlehrer zu werden, braucht man erst einmal den Rettungsschwimmer.
Um Schwimmlehrer zu werden, braucht man erst einmal den Rettungsschwimmer.getty images

Uneinigkeit bei den Schwimmvereinen

Dabei sind politische Initiativen wie in Bayern noch die Ausnahme. Meist ignoriere die Politik das Problem:

"Die Politik sagt: 'Wir haben doch genügend Institutionen, die machen das für uns.' Und das stimmt nicht, weil sich die Institutionen untereinander nicht einig sind."

In Deutschland gibt es mehrere Schwimmverbände, die seit Jahren zerstritten seien, wie Gallitz erzählt. In anderen Ländern wie der Schweiz und Spanien gebe es dagegen nur einen Schwimmverband "und die haben alle wesentlich weniger Probleme".

Einfach ist das alles nicht zu lösen. Gallitz' Prognosen für die kommenden Jahrzehnte sind düster, obwohl er sich selbst als Optimist bezeichnet. Sollten die Kinder des aktuellen Jahrgangs allerdings in zehn Jahren nicht richtig schwimmen können, würde das Personal in den Bädern und an den Badeseen mit Rettungseinsätzen überfordert werden.

Aus diesem Grund fordert Gallitz letztlich: "Wir müssen die Bäder wieder gesellschaftspolitisch in den Fokus stellen."

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