Menschen nördlich von Athen auf der Flucht vor Waldbränden.
Menschen nördlich von Athen auf der Flucht vor Waldbränden.Bild: dpa / Angelos Tzortzinis
Analyse

"Mit Südeuropa nicht zu vergleichen": Experten erklären, wie Katastrophenschützer in Deutschland auf Waldbrände vorbereitet sind

13.08.2021, 07:4313.08.2021, 08:25

Die apokalyptischen Bilder von Waldbränden in der Mittelmeerregion haben Menschen in aller Welt berührt. Während die Feuer in der Türkei und Griechenland nun langsam schrumpfen und der enorme Schaden begutachtet wird, ist in Italien noch kein Ende in Sicht. Wie aber steht es eigentlich in Deutschland um die Gefahr einer solchen Katastrophe? Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung führt in ihrer Waldbrandstatistik 1523 Waldbrände für das Jahr 2019 und 1360 für das Jahr 2020 auf. Watson hat bei Brandexperten nachgefragt, welche Maßnahmen Einsatzkräfte präventiv treffen können und wie sie auf den Ernstfall vorbereitet sind.

Das Technische Hilfswerk ist bereit für den Ernstfall

Eine der wichtigsten Organisationen im Katastrophenfall ist das Technische Hilfswerk (THW), das auch bei der Flutkatastrophe im Juli zur Stelle war. Das THW sieht sich auf Extremwetterlagen und ihre Folgen in Deutschland gut eingestellt. "Mit rund 80.000 Ehrenamtlichen mit einheitlicher Ausbildung und Ausstattung können auch langfristige Großlagen wie zum Beispiel jetzt in der Flutkatastrophe bewältigt werden", erklärt eine Sprecherin des Hilfswerks gegenüber watson. Das beziehe sich aber nicht nur auf Hochwasser, stellte die Organisation klar: "Ebenso können langfristig Brandeinsätze abgewickelt werden."

Das THW löscht dabei selbst keine Brände, vielmehr unterstützt es die Feuerwehren bei Brandeinsätzen. "Zum Beispiel bei der Logistik von Kraftstoffen, Materialinstandhaltung, Bereiten von Wegen oder Abstützen und Begutachten von strukturellen Schäden nach Bränden", zählt die Sprecherin des THW auf.

"Man versucht wegzugehen von (Fichten-)Monokulturen und hin zu Mischwäldern."
Ulrich Cimolino, Deutscher Feuerwehrverband, über die präventive Forstarbeit

Der Deutsche Feuerwehrverband gründete unterdessen nach massiven Bränden Anfang der 2000er Jahre im Jahr 2006 den Arbeitskreis Waldbrand. "Seit der Zeit geben wir eine mehrfach aktualisierte Fachempfehlung heraus, die sich vor allem an die anwendenden Feuerwehren richtet", sagt Ulrich Cimolino, der Leiter des AK Waldbrand, gegenüber watson. Darin werden die "operativen taktischen und technischen Maßnahmen für die Einsatzlagen zur Vegetationsbrandbekämpfung" erläutert, heißt es in dem Bericht.

Wichtig sei die richtige Ausrüstung der Einsatzkräfte und das nötige Wissen. "Der richtige Einsatz von Luftfahrzeugen wird immer mehr zur Regel werden müssen", schreibt Cimolino in der Feuerwehr-Fachzeitschrift "Brandschutz". Natürlich müsse auch die Planung und Koordinierung der Fachkräfte stimmen, heißt es dort. Das bezieht sich auch auf die "ausreichende Erschließung" der Brandregionen mit Wegen und der frühzeitigen Branderkennung.

Brände bekämpfen, bevor sie entstehen

Cimolino sagt, diese Empfehlungen und der Umgang mit Waldbränden würden Führungskräften und Aufsichtsbehörden durch Veröffentlichungen, Vorträge und Ausbildungen nähergebracht. "Mitglieder aus den Feuerwehren engagieren sich seit Jahren und meistens ehrenamtlich darin", lobt er.

Bei der Brandbekämpfung geht es aber auch teils um präventive Maßnahmen. "Seit Jahren läuft der Waldumbau im Rahmen der Möglichkeiten", sagt Cimolino und fügt hinzu: "Man versucht weg zu gehen von (Fichten-)Monokulturen und hin zu Mischwäldern." Diese Monokulturen – also der Anbau der immer gleichen Pflanzenart – erhöhen das Risiko für Waldbrände. Der Waldumbau erfordere jedoch "Zeit, Geld und Aufwand in der Betreuung", betont Cimolino.

"Insgesamt ist also mit Sicherheit der Mensch der größte Verursacher von Vegetationsbränden – und hat damit deren Minimierung in Anzahl und Größe selbst in der Hand."
Ulrich Cimolino über Brandursachen

Der Brandexperte erläutert eine weitere Maßnahme zur Risikoverminderung: "Dazu benötigen wir bei größeren Waldflächen vor allem in eher trockenen Gebieten mit Nadelholzbeständen (vor allem Ostdeutschland) Brandriegel". Damit sind mehrere Meter breite Streifen in Wäldern und Wiesen gemeint, in denen möglichst wenig brennbares Material wächst.

Das Risiko gehe vor allem aus leicht brennbaren Vegetationsbeständen, liegengebliebenem Restholz und Totholzbeständen, beispielsweise durch Borkenkäferbefall, aus.

"Deutschland mit Südeuropa nicht vergleichbar"

Auch hohe Temperaturen, geringe Luftfeuchtigkeit und starker Wind spielen eine Rolle. Der Brandexperte weist darauf hin, dass regelmäßig neue Temperaturrekorde gebrochen werden. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden also immer häufiger beziehungsweise über mehrere Jahre neue Rekorde zu erleben sein, was die Trockenheit und die Wärme angeht", schlussfolgert Cimolino in seinem Bericht.

Doch der Arbeitskreisleiter gibt auch ein wenig Entwarnung: "Die Waldbrandgefahr ist in Deutschland klimatisch und vegetationsbedingt mit der in Südeuropa nicht zu vergleichen." Zum einen seien in Deutschland andere Umweltbedingungen gegeben, also eine geringere Lufttemperatur, eine höhere Luftfeuchtigkeit und andere Vegetation. Zum anderen funktioniere die Erstbekämpfung der Feuer sehr gut, die Feuerwehr könne sich gut gegenseitig unterstützen und sei einigermaßen gut ausgestattet. "Natürlich werden trotzdem je nach Wetterlage immer wieder Brände entstehen, die dann schnell bekämpft werden müssen", betont er.

Wichtig sei es, die Bevölkerung zum richtigen Verhalten aufzuklären. Laut Umweltbundesamt sind "im Wesentlichen zwei Faktorenkomplexe von besonderer Bedeutung für das Waldbrandgeschehen". Zum einen geht es hier um menschliches Handeln, also Brandstiftung und Fahrlässigkeit. Zum anderen spielen das Klima und die Witterungsverhältnisse eine Rolle. Zwar konnten für 52 Prozent der Waldbrände im Jahr 2020 keine Ursache ermittelt werden, für ganze 41 Prozent waren jedoch Fahrlässigkeit und Vorsatz verantwortlich.

Neben mutwilliger Brandstiftung sind oft heiße Abgasanlagen von Fahrzeugen für die Brandentstehung verantwortlich. Auch Funkenflug von landwirtschaftlichen Maschinen kann zum Brand führen.

In den Worten von Cimolino: "Insgesamt ist also mit Sicherheit der Mensch der größte Verursacher von Vegetationsbränden – und hat damit deren Minimierung in Anzahl und Größe selbst in der Hand."

"Stille Stunde" im Supermarkt – Pilotprojekt für autistische Menschen trifft auf positive Resonanz

Grelle Lichter, laute Musik, unverständliche Lautsprecherdurchsagen: Für viele Leute kann der Wocheneinkauf zur echten Stresssituation werden – doch noch viel überwältigender ist die Erfahrung für Menschen, die Autismus haben. Um genau diesen Personen den Alltag zu erleichtern, hat die Schweizer Supermarktkette "Spar" die sogenannte "Stille Stunde" eingeführt.

Zur Story