Genervt und erschöpft, so fühlen sich viele Menschen nach mehreren Tagen Hochsommer.
Genervt und erschöpft, so fühlen sich viele Menschen nach mehreren Tagen Hochsommer. Bild: getty images / Biserka Stojanovic
Analyse

Faul, gestresst – oder gar aggressiv? Was die Hitze tatsächlich mit unserem Gemüt macht

26.07.2022, 15:02

In weiten Teilen Deutschlands ist zu Beginn der neuen Woche wieder Schwitzen angesagt: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet Temperaturen zwischen 31 und 36 Grad. In der Nacht zum Dienstag soll zumindest der Nordwesten eine Abkühlung durch Regenschauer und kurze Gewitter erfahren, in den übrigen Regionen bleibt es bei 26 bis 29 Grad.

In Warnemünde suchten zahlreiche Menschen Abkühlung im Wasser – bei 37 Grad am Wochenende.
In Warnemünde suchten zahlreiche Menschen Abkühlung im Wasser – bei 37 Grad am Wochenende. Bild: www.imago-images.de

Am Wochenende mit einem Eis in der Hand war dieser stete Sonnenschein noch gut zu ertragen, doch während der Arbeitswoche quält man sich morgens oft nur noch aus den Laken, um dann in Schneckentempo auf der Arbeit vor sich hin zu transpirieren. Das Hirn scheint wie benebelt. Die Laune strapaziert.

Geht das allen so? Oder ist diese leicht genervte Lethargie, die an ewig lange Autofahrten in der Kindheit erinnert, gar kein echtes Phänomen des Hochsommers, sondern dient vor allem als Ausrede?

Aggression und Müdigkeit: Hohe Temperaturen können verstärkend wirken

Gerhard Reese, Professor an der Universität Koblenz-Landau, sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen Temperaturen und der Psyche der Menschen, wie er gegenüber watson erklärt. Er ist Leiter des Studiengangs "Mensch und Umwelt: Psychologie, Kommunikation, Ökonomie".

"Wenn Menschen zu große Hitze verspüren, dann hat das verschiedene Konsequenzen", sagt er. "Manche Menschen werden aggressiv, andere niedergeschlagen und müde, wieder andere juckt es gar nicht. Manche denken in diesen Situationen vielleicht auch daran, dass es noch schlimmer werden könnte."

"Manche Menschen werden aggressiv, andere niedergeschlagen und müde, wieder andere juckt es gar nicht."

Von Wut bis Sorge, über Faulheit bis zu Freude kann der heiße Sommer demnach so ziemlich jede Emotion verstärken. Welche man gerade selbst durchlebt, ist aber nicht nur eine Charakterfrage, sondern auch abhängig von den sonstigen Umständen. "Was Hitze mit jedem und jeder von uns macht, ist tatsächlich sehr individuell. Es ist aber wichtig zu betonen, dass Hitze allein uns zum Beispiel nicht per se aggressiv macht, da spielen noch andere Faktoren eine Rolle", erklärt Reese weiter.

Auf Mallorca wird Alkohol und heißes Wetter seit jeher gerne miteinander kombiniert.
Auf Mallorca wird Alkohol und heißes Wetter seit jeher gerne miteinander kombiniert. Bild: dpa / Clara Margais

Im Sommer ist die Bevölkerung zum Beispiel häufiger im Freien unterwegs, trifft also – besonders in Großstädten – eher aufeinander und damit auch auf potenzielle Konfliktsituationen. Vermehrter Alkoholkonsum im öffentlichen Raum verstärkt in der klassischen Ferienzeit das Aggressionspotential der "Hitzköpfe".

Übrigens: Alkohol und Hitze vertragen sich sowieso nicht besonders gut, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnt. Alkohol könne nicht ausgeschwitzt werden, entziehe dem Körper aber noch zusätzlich Flüssigkeit – Kreislaufprobleme könnten die Folge sein.

Hitze strengt den Körper an – und auch die Psyche

Extreme Hitze sei an sich schon ein "allgemeiner Stressfaktor" mahnte auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) dieses Jahr und berief sich dabei auf eine im März 2022 veröffentlichte Studie von Forschenden der Boston University, die Daten von über zwei Millionen in den USA Krankenversicherten aus den Jahren 2010 bis 2019 auswerteten.

Das Ergebnis der Studie: An Tagen mit Temperaturen über 30 Grad waren deutlich mehr Menschen mit psychischen Störungen (darunter Drogen- und Suchtprobleme, Angst- und somatoforme Störungen, depressive und bipolare Störungen sowie schizophrene Erkrankungen) in der Notaufnahme gelandet. "Auch Kinder erkrankten an heißen Tagen häufiger an psychischen Störungen wie beispielsweise ADHS, Angst, Depression oder neigten zu Wutanfällen und aggressivem Verhalten", so die BPtK.

Natürlich muss ein heißer Sommertag nicht automatisch mit gesteigerten Aggressionen einhergehen, Hitze wirkt sich aber in jedem Fall auf den Körper aus. Das bestätigt Umweltpsychologe Reese und erklärt den physischen Vorgang: "Zu große Hitze ist zuallererst anstrengend für unseren Körper, weil dieser energieintensive Regulationsmechanismen einsetzt – Schweiß zur Kühlung, ein höherer Puls, dann fehlt Energie an anderer Stelle – wir können uns schlechter konzentrieren, bei vielen nimmt die Handlungsmotivation ab."

Bester Rat: Den Hitzkopf abkühlen

Ein Lernmarathon inmitten der heißesten Wetterphase der Sommer-Semesterferien ist also tatsächlich eine unglückliche Kombination. Auch sich zum Sport aufzuraffen oder ein großes Projekt zu starten, könnte sich bei hohen Temperaturen deutlich beschwerlicher anfühlen als sonst.

Da hilft nur eines, sagt Reese: "Wie heißt es so schön: Einen kühlen Kopf bewahren." Er rät dazu, stressige Situationen bei sehr heißem Wetter zu meiden, viel zu trinken und "gerade in der heißesten Zeit des Tages versuchen, eine Siesta einzulegen – was allerdings in den wenigsten Berufen möglich ist."

Wer kann, sollte anstrengende Aufgaben also vielleicht noch ein paar Tage aufschieben: Zum Ende der Woche erwartet der DWD sommerlich zwar weiter warmes Wetter, allerdings ohne größere Hitzewellen.

(mit Material der dpa)

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