Insgesamt dreimal ist das Goethe-Institut in Russland vertreten (hier das Gebäude in Moskau).
Insgesamt dreimal ist das Goethe-Institut in Russland vertreten (hier das Gebäude in Moskau).Bild: dpa / Federico Gambarini
Analyse

"Auf dem Prüfstand": Wie das Goethe-Institut in Moskau mit dem Ukraine-Krieg umgeht

25.04.2022, 12:3308.06.2022, 17:08

Russisch lernen und dabei Land und Leute kennenlernen: Noch bis vor Kurzem war das für viele Menschen ein reizvoller Gedanke. Doch seit Beginn des Kriegs in der Ukraine ist die Zusammenarbeit zwischen westlichen Ländern und der Russischen Föderation in vielen Bereichen abgebrochen.

Bildungszentren, Sprachschulen und anderen kulturellen Stätten des internationalen Austauschs bringt das in eine schwierige Lage. Wie sollen sie weiterarbeiten? Und: Sollte man den freundschaftlichen Austausch der Zivilbevölkerung nicht gerade jetzt weiter unterstützen?

Einige Sprachreisen-Anbieter, wie zum Beispiel das GLS, sind bereits dazu übergegangen, ihre Russisch-Kurse nach Lettland zu verlegen, um dem Konflikt einigermaßen aus dem Weg zu gehen. Auch das bekannte Goethe-Institut ist von der Krise betroffen, wie Sprecherin Viola Noll gegenüber watson erklärt. Es könne angesichts der Invasion in der Ukraine am 24. Februar "kein 'Weiter so' geben", sagt sie. "Sämtliche öffentliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Grundsätzlich ist alles auf dem Prüfstand."

Das Goethe-Institut hat zahlreiche Kooperationen mit Russland abgebrochen

Das Goethe-Institut ist in Russland an drei Standorten vertreten: In Moskau seit 1992, in St. Petersburg seit 1993 und in Nowosibirsk seit 2009. Doch die Arbeit dort ist durch die Spannungen extrem erschwert: "Man kann angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands nicht mehr mit staatlichen oder auch öffentlich-repräsentativen Stellen zusammenarbeiten", so Noll. Das Goethe-Institut unterstützt auch die politischen Entscheidungen aus Deutschland: "Wirtschaftliche Sanktionen gegenüber Russland sind aus unserer Sicht unerlässlich."

"Als Goethe-Institut gilt unsere uneingeschränkte Solidarität der Ukraine und unseren dortigen Partnern."
Viola Noll vom Goethe-Institut

Im Kulturbereich hat das Goethe-Institut bereits sämtliche Filmveranstaltungen abgesagt und "wir leihen bis auf Weiteres auch keine Filme an Partner aus", berichtet Noll weiter. Auch die Teilnahme an der Bildungsmesse EDUfair in Moskau, die Teilnahme am Moskauer Bildungssalon und der Infotag an der Mendelejew-Universität wurden gestrichen.

Das Goethe-Institut in Moskau war viele Jahre lang Ort kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und Russland.
Das Goethe-Institut in Moskau war viele Jahre lang Ort kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und Russland.Bild: Goethe-Institut / Anastasia Tsayder

"Als Goethe-Institut gilt unsere uneingeschränkte Solidarität der Ukraine und unseren dortigen Partnern", betont sie. Für das kriegsgebeutelte Land und ihre Bevölkerung wurden sogar eigens Hilfsprogramme ins Leben gerufen. Darunter zum Beispiel ein Förderangebot für Kulturschaffende aus der Ukraine und Hilfestellungen speziell für ukrainische Geflüchtete, die sich in Deutschland zurechtfinden müssen (Mein Weg nach Deutschland).

In der Ukraine selbst ist das Goethe-Institut seit 1993 mit einem großen Institut in Kiew vertreten. Dort arbeiten insgesamt 115 Menschen, die das Land zum Teil bereits verlassen mussten.

Weiter Sprachkurse für die russische Bevölkerung

Alle Brücken abbrechen wolle man dennoch nicht, gibt Noll zu bedenken. Denn: Auch jetzt gibt es unter den Menschen in Russland noch viele, die gerne Deutsch lernen würden, am kulturellen Austausch interessiert sind oder weiter freundschaftliche Beziehungen pflegen möchten. Sie sollten nicht aufgrund der Politik ihres Landes bestraft werden.

"Es gibt viele Personen in der Kunst- und Kulturszene, die sich auch unter großer persönlicher Gefahr öffentlich äußern", so Noll über die Situation in Russland. Sie dürfen nicht hängen gelassen werden. Die russische Zivilgesellschaft brauche "weiter Ansprechpartner". Daher würden Sprachkurse und Prüfungen an den russischen Instituten fortgeführt. "In unseren Kursen sitzen Schüler*innen und Studierende, die sich für Deutschland interessieren – auch sie gehören zur russischen Zivilgesellschaft und eine Fremdsprache lernen heißt immer auch eine andere Kultur kennenlernen", sagt sie.

"Es gibt viele Personen in der Kunst- und Kulturszene, die sich auch unter großer persönlicher Gefahr öffentlich äußern."
Viola Noll vom Goethe-Institut

Die Bibliothek des Goethe-Instituts sei weiterhin zugänglich. "Dadurch wird Interessierten Zugang zu Literatur und aktuellen Medien gewährt." Schüler und Lehrer würden zudem weiter per Online-Seminar in Sachen Medienkompetenz unterrichtet. Kooperation im Kleinen, Kontaktabbruch im Großen: Es ist ein Drahtseilakt, den Bildungsinstitutionen in diesem internationalen Konflikt ertragen müssen.

Für Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, ist jedenfalls klar, dass auch und gerade in Kriegszeiten "der zivilgesellschaftliche Austausch wichtiger ist denn je". Vor allem, wenn man irgendwann wieder eine Chance auf Frieden haben möchte.

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