Ballett auf der Bühne
Mit einer Aktion der Staatsoper Berlin konnten sechs Wochen lang U30-Jährige zu geringen Preisen Ballett, Oper und Konzerte bestaunen (Symbolbild).Bild: iStockphoto / Nagaiets
Analyse

Kulturgenuss trotz steigender Inzidenzen: Digitale Angebote machen es möglich

27.11.2021, 16:14

Eine Horde Menschen drängelt sich vor dem Eingang der Staatsoper in Berlin. Der Altersdurchschnitt liegt in etwa bei 25 Jahren. Dieser für die altehrwürdige Staatsoper ungewohnt junge Menschenauflauf ist einer Aktion der "Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden e.V." geschuldet: Seit dem 9. Oktober bekamen unter 30-Jährige in der die Staatsoper Unter den Linden für einen Bruchteil des sonstigen Ticketpreises Ballett, Oper und Konzerte geboten. Die sechswöchige Aktion war eine von vielen, die insbesondere die jungen Leute nach einer langen Zeit der Corona-geschuldeten Abstinenz zurück in Kunst- und Kulturstätten bringen sollte.

Die Kulturbranche hat unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie stark gelitten. Einige der Theater und Kinos in ganz Deutschland haben es nicht über die vergangenen eineinhalb Jahre geschafft. Zu geringe Fördergelder, leere Säle und zwei Lockdowns waren zu viel. Nach einigen Monaten des Aufatmens verschärft sich aktuell die Corona-Lage wieder rasant. In Bundesländern wie Brandenburg, Niedersachsen und Hamburg gilt deshalb fast überall flächendeckend die 2G-Regel. In Bayern wurde bereits die höchste Alarmstufe ausgerufen.

Viele Kulturhäuser wollen digitaler und jünger werden

Deutschland bereitet sich also gerade auf den vielleicht schwersten Corona-Winter vor. Ein neuer Lockdown erscheint nicht mehr undenkbar. Für die Theater, Museen und Konzerthäuser wäre das ein weiterer Winter ohne Publikum und ohne nennenswerte Einnahmen.

Dabei hatten sich die Kulturinstitutionen erst vor ein paar Monaten sehr um ein Live-Comeback bemüht. Eines der ersten Modellprojekte war das der Staatsoper Unter den Linden, das Kulturangebote auch für junge Menschen attraktiv und vor allem erschwinglich machen sollte. Die Förderverein-Aktion "Staatsoper zum Kinopreis" fand bereits zum achten Mal statt. Zum ersten Mal bot die Aktion jedoch Kulturgenuss über einen so langen Zeitraum und im großen Saal der Staatsoper an. Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden erklärt auf der Website der Staatsoper den Hintergrund der Aktion:

"Unser Ziel ist es, dass hier jede:r unter 30 Jahren mindestens einmal die Staatsoper besucht und Kontakt zur Oper und uns bekommen hat! Um Oper so zugänglich wie möglich zu machen, bieten wir viel und der Preis darf jedenfalls kein Grund sein, nicht zu uns zu kommen."
Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin

Die Online-Angebote werden schon jetzt für einen etwaigen Lockdown ergänzt

Auch eine andere Aktion, die Kunst und Kultur zu vergünstigten Preisen anbot, war in Berlin schnell ausverkauft: "Erlebe deine Stadt" von visitberlin, die ursprünglich vom ersten November bis zum 12. Dezember 2021 gehen sollte, wird nun aufgrund der hohen Nachfrage um weitere zwei Wochen bis zum Jahresende verlängert. Da, wo Kunst und Kultur bezahlbar werden, herrscht offenbar auch eine große Nachfrage.

Sollte der nächste Lockdown kommen, wird hier nach Angaben von visitberlin auf ein weitreichendes Online-Programm umgesattelt und bereits bezahlte Ticketpreise werden erstattet. Doch das Angebot, von dem vor allem das junge Publikum profitieren soll, entspringt zum großen Teil erst der Krise der Kunst- und Kulturbranche durch Corona. Zum ersten Lockdown entwickelten viele Kultureinrichtungen zum ersten Mal in größerem Maßstab digitale Angebote, damit zumindest virtuell noch Kultur erlebt werden konnte. Nach dem 16. März 2020 sahen sich, neben zahlreichen anderen Gewerben, auch die Kunst-, Theater,- und Ausstellungshäuser zu einem alternativen Angebot gezwungen. Es etablierten sich digital übertragene Shows oder Theaterstücke. Erst versuchten die Theater es mit bereits bestehenden Videos – zunächst mit eher mäßigen Publikumserfolg.

"Hexenjadg" von Arthur Miller, Regie: Mateja Koležnik BE
Nun wieder live auf der Bühne: Hexenjagd von Arthur Miller am Berliner EnsembleMAtthias horn (be)

Diese Erfahrungen wurden nicht nur in der Hauptstadt, sondern bundesweit gemacht. In ganz Deutschland sattelten Theater- und andere Kulturhäuser auf digitale Angebote um. So wendete Hamburg einheitlich als Stadt das Segel in Richtung digital und schloss damit auch Ausstellungen und Rundgänge ein. Das Schauspielhaus Hamburg wartete dabei sogar mit einem reinen Online-Spielplan auf. In Bayerns Hauptstadt München, werden über eine separate Website alle möglichen Angebote der Kulturbranche digital angeboten.

In Berlin folgten aufs digitale Format zugeschnittene Bühnenprogramme und das Online-Publikum zog mehr mit. Das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm (BE) entwickelte das Konzept: "BE at home". Seit März 2020 steht hier ein breit gefächertes Online-Angebot zur Verfügung. Es gibt unter anderem regelmäßig aufgenommene Livestreams, eine Webserie von und mit dem Theaterregisseur Luk Perceval und Backstage-Impressionen zu sehen. Für einen etwaigen weiteren Lockdown wird auch hier bereits jetzt weiter an kreativem Video-Material angereichert.

Bei der Umstellung eines gesamten künstlerischen Zweiges, der sonst von der Präsenz der Darstellenden und des Publikums lebt, auf eine virtuelle Präsentation, kommt die Frage auf, ob nicht mit der Digitalisierung ein Verlust der Kunstvermittlung einhergeht. Der Andrang in den Konzert- und Theaterhäusern im Sommer bestätigt, dass eine Darstellung in Präsenz durchaus gewünscht ist. Jedoch war während der Pandemie nicht die Frage nach einem "wünschenswerten" Theater- oder Museumsbesuch vordergründig, sondern es ging in manchem Fall vielmehr um die Rettung der bloßen Existenz.

Katharina Glögl, Pressesprecherin an der Schaubühne Berlin am Lehniner Platz, erklärt gegenüber watson, wie das Theater durch das Zusammenspiel mehrerer Aktionen sowohl finanziell als auch kulturell gesichert werden konnte:

"Die Schaubühne hat den Lockdown durch das Mittel der Kurzarbeit finanziell weitgehend überstanden. Während der Schließung wurde ein umfassendes Online-Programm gezeigt, eine Spendenaktion für Freie Kunstschaffende umgesetzt, ein Podcast veröffentlicht und die Klimaanlage rundum erneuert."

Auch wenn die Existenz vieler Theater-und Kultureinrichtungen weiterhin gefährdet ist: Die Onlineangebote eröffneten den Kultureinrichtungen die Chance, das jüngere und möglicherweise künftige Publikum verstärkt anzusprechen. Auch ohne Präsenz-Veranstaltungen. Denn die Pandemie führte dazu, dass die Museen und Theater ihr digitales Angebot erweiterten. Für die Aussicht auf einen erneuten Lockdown fühlen sich die Kulturhäuser deshalb schon eher gewappnet.

Mit verschiedensten digitalen Angeboten wie beispielsweise der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und der eigens zugeschnittenen Website "Die Kunst im Digitalen" , mit der Integration von digitalem Storytelling der Stadt Stuttgart durch die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, MFG kreativ, und eigens zugeschnittenen Podcast-Formaten, wie dem Podcast "Beats&Bones" des Berliner Naturkundemuseums ist die Möglichkeit entstanden, Kunst und Kultur ortsunabhängig zu erleben. Darüber hinaus sorgen Rabattaktionen und Vergünstigungen für das junge Publikum dafür, Kulturerlebnisse vor Ort auch finanziell erreichbar zu machen.

Die Kultursparte braucht mehr Förderung

Doch die Digitalisierung und vergünstigte Kulturangebote für junge Menschen kosten viel Geld: In vielen Städten Deutschlands wird bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen Maßnahmen und Förderprogrammen verstärkt daran gearbeitet, die Jungen in die Kulturhäuser zu holen. Noch konsequenter machen es andere Staaten: Großbritannien und Griechenland machen bereits seit Jahren mit dem Angebot kostenloser Museums- und Theaterbesuche erfolgreich vor, wie man Kultur einfacher zugänglich machen kann.

Dort fließen die Gelder in größeren Mengen aus den staatlichen Fördertöpfen in die Kultursparte als in Deutschland. Es scheint, als entfachten die Ideen, die während und nach den Lockdowns für einen regen analogen und auch virtuellen Zulauf in den Museen und Theatern gesorgt haben, einen neuen Wind, der auch in Deutschland bis in die fördernden staatlichen Institutionen vordringen könnte.

Supermarkt: Edeka-Kunden müssen sich bald wieder auf leere Regale einstellen

Lebensmittelhersteller boten sich mit Händlern wie Rewe oder Edeka in den vergangenen Wochen immer wieder harte Preisverhandlungen. Aufgrund der Inflation und steigenden Kosten sind Hersteller gezwungen, ihre Preise zu erhöhen. Preise, die Händler oft nicht zahlen wollen. Wenn die Preisverhandlungen schief laufen und zu keinem Kompromiss führen, kommt es zu Konsequenzen für Supermärkte und Kund:innen. So sind leere Regale keine Seltenheit mehr.

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