April 23, 2022, Berlin, Germany: Demonstrations in support of Palestinians in the ongoing Israel-Palestinian Conflict have been held across the globe in recent days. Also in Berlin, a large protest wa ...
Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Anti-Israel-Demonstrationen. Bild: PRESSCOV via ZUMA Press Wire / Michael Kuenne
Analyse

Antisemitismus bei jungen Menschen: Wie Social Media das Problem befeuert

30.04.2022, 15:4902.05.2022, 11:11

Antisemitismus ist in Deutschland kein Nischenproblem und leider auch nicht nur den Rechtsradikalen vorbehalten. Viele junge Menschen in Deutschland hegen antisemitische Vorurteile oder werden sogar öffentlich mit antisemitischen Parolen auffällig – wie kürzlich bei einer propalästinensischen Demo in Berlin. Journalisten wurden antisemitisch beschimpft, in Sprechchören judenfeindliche Parolen gerufen. Eine für den Freitag geplante "Protestdemonstration gegen die israelische Aggression in Jerusalem" wurde von der Berliner Polizei aus Angst vor erneuten antisemitischen Vorfällen und Ausschreitungen verboten.

Woher kommt bei in Deutschland aufgewachsenen jungen Menschen diese menschen- und demokratiefeindliche, diskriminierende Haltung? Und was ist dagegen zu tun? Wie der Vorstandsvorsitzende der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Dervis Hizarci gegenüber watson sagte, ist der bei der Kundgebung gezeigte Antisemitismus von den aktuellen Geschehnissen in Jerusalem – den Konflikten und Zusammenstößen – beeinflusst.

Judenhass: Ein Cocktail aus unterschiedlichen toxischen Zutaten

Auch der Vorstandsvorsitzende der jüdisch-deutschen WerteInitiative, Dr. Elio Adler, sieht das familiäre und soziale Umfeld in der Verantwortung. "Niemand wird als Judenhasser geboren. Ihr Umfeld macht sie dazu", äußerte er sich auf Nachfrage von watson.

Zu dem "toxischen Cocktail des Judenhasses" gebe es verschiedene Zutaten, die sich mitunter je nach Herkunft der jungen Menschen unterscheiden. "Während bei deutschen unter anderem die Schuldabwehr eine große Rolle spielt, verbalisiert sich bei (post-)migrantischen Jugendlichen der Antisemitismus meist durch den Nahostkonflikt."

Die Rolle der Sozialen Medien

Die Prägung der Jugendlichen findet dabei auch verstärkt über Soziale Medien statt. So findet man auf Instagram Accounts, auf denen Bilder und Videos mit antiisraelischer Propaganda gezeigt werden. Beispielsweise von einem älteren, verletzten palästinensischen Bauern, der angeblich von israelischen Siedlern angegriffen wurde.

Oder ein Video von einem Kontrollpunkt in Jerusalem, auf dem ein Schüler das Gebäude hinter einem israelischen Soldaten verlässt. In der Beschreibung wird behauptet, das palästinensische Kind sei auf dem Heimweg von der Schule von israelischen Soldaten durchsucht worden. In dem zweisekündigen Video ist dies jedoch nicht ersichtlich.

Screenshot Instagram
Instagram-Accounts betreiben mit nicht verifizierbaren Vorwürfen antiisraelische Propaganda.bild: Screenshot Instagram

In den Tagen vor der Demo war viel Propaganda aus dem Nahen Osten auf Instagram zu beobachten. Der Islamismus-Experte Ahmad Manour sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: "Die Jugendlichen konsumieren das, und dann gehen sie auf die Straße mit einem ganz klaren Anspruch auf die Wahrheit, was da unten passiert."

Judenfeindliche Texte im HipHop

Neben dem Medienkonsum spielt noch ein weiterer Aspekt eine Rolle, wie der Erziehungswissenschaftler Dr. Marc Grimm vom Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter an der Universität Bielefeld, in einer Studie 2021 herausfand. HipHop hat als größte und bedeutendste Jugendkultur, und in diesem Rahmen der deutschsprachige Gangsta-Rap, einen gewichtigen Einfluss auf die Einstellungen Jugendlicher, auch zu politischen und kulturellen Themen.

Dr. Marc Grimm ist Mitherausgeber des Sammelbandes "Antisemitismus in Jugendkulturen. Erscheinungsformen und Gegenstrategien".
Dr. Marc Grimm ist Mitherausgeber des Sammelbandes "Antisemitismus in Jugendkulturen. Erscheinungsformen und Gegenstrategien".Bild: Marc Grimm

Spätestens seit dem Eklat bei der Verleihung des Echo-Musikpreises 2018 an die Rapper Farid Bang und Kollegah ist bekannt, dass auch judenfeindliche Stereotype in manchen Raptexten bedient werden. Die beiden Musiker wurden für ein Album ausgezeichnet, auf dem antisemitische Zeilen, unter anderem auch ein Auschwitz-Vergleich, gerappt werden. In der Folge gaben viele bekannte Musiker ihre Auszeichnung zurück, darunter auch der Pianist Igor Levit, der seiner Entrüstung auf Twitter Luft machte.

Wie Marc Grimm und seine Kollegen in der Zusammenfassung ihrer Studie herausstellen, zeigt sich bereits seit über zehn Jahren, "dass antisemitische Motive und Narrative sowohl offen als auch subtil in die meist hypermaskuline und misogyne Selbstinszenierung von bekannten, hauptsächlich männlichen Vertretern des Gangsta-Rap eingebunden sind".

watson hat mit Marc Grimm über die möglichen Ursachen einer judenfeindlichen Prägung von Jugendlichen gesprochen.

"Kinder lernen gruppenbezogene Vorurteile bereits sehr früh in ihrem sozialen Umfeld."

watson: Bei der Demo vergangenes Wochenende in Berlin waren es vor allem junge Menschen, die durch antisemitische Äußerungen auffielen. Warum gerade die Jungen?

Grimm: Es hat sich eine Kultur des Protests etabliert, die in Europa eine Form des kollektiven Widerstandes, vor allem für muslimische Minderheiten, anbietet. Ich habe den Eindruck, dass die Jugendlichen Proteste wie in Berlin als Ausdruck eines politischen Bewusstseins empfinden und sich hier als unbeugsame Rebellen erleben können, die vor niemandem das Haupt beugen. Zu dieser Identität des unbeugsamen Rebellen gehört eine allgemeine Kritik an ungerechten Lebensverhältnissen sowie das Gefühl, es auch mit Mühe zu nichts bringen zu können, wie auch eine diffuse, mal religiös, mal politisch konnotierte Verbundenheit mit Palästinensern. Integriert werden diese in einem antisemitischen Weltbild, in dem Juden als gesellschaftliche Strippenzieher fungieren.

Ihre Studienergebnisse von 2021 zusammenfassend: Welche Rolle spielt die HipHop-Jugendkultur bei der Entwicklung antisemitischer Einstellung bei Jugendlichen?

Wir haben in unserer Studie erstmals einen messbaren Zusammenhang zwischen Gangsta-Rap-Konsum und antisemitischen Einstellungen feststellen können, sowie auch zwischen dem Gangsta-Rap und frauenfeindlichen Einstellungen. Über die Frage, mit welchen Wirkungen wir es zu tun haben, können wir auf Grundlage der Daten keine Aussagen machen. Es bleibt also offen, ob die Jugendlichen zu antisemitischen Einstellungen neigen, weil sie Rap hören, oder sich Jugendliche mit solchen Neigungen besonders vom Gangsta-Rap angezogen fühlen.

Sind Rapper denn so oft antisemitisch?

Viele Gangsta-Rapper präsentieren sich als Rebellen, die mutig ihre Stimme erheben, um unangenehme Wahrheiten auszusprechen. In Wirklichkeit handelt es sich beim Gangsta-Rap jedoch meist um hassvolle Angriffe gegen Minderheiten und die Inszenierungen von Männern als stark, ökonomisch und (hetero)sexuell erfolgreich.

Die meisten Jugendlichen geben im Rahmen Ihrer Studie an, wenig über Israel, die jüdische Kultur und assoziierte Klischees zu wissen, zum Beispiel der Name Rothschild oder die Bilderberger-Konferenz. Wenn sie die Anspielungen in den Rap-Texten gar nicht verstehen, wie können sie die antisemitischen Botschaften dann dechiffrieren?

Wir wissen aus der Forschung zur Ausbildung von Vorurteilen, dass Kinder gruppenbezogene Vorurteile bereits sehr früh in ihrem sozialen Umfeld durch das Sprechen über Minderheiten erlernen. Sie können diese Minderheiten nicht beschreiben und auch die Mitglieder dieser Gruppen nicht korrekt zuordnen, aber die Gruppen sind negativ assoziiert. In unserer Studie hat sich gezeigt, dass Jugendliche antisemitische Chiffren häufig nicht verstehen. Diese Diagnose kann unterschiedlich gedeutet werden.

DRESDEN, GERMANY - JUNE 09: Peace activists with a banner that reads: "Why aren't we allowed to know? Bilderberger - amongst themselves and silent since 1954" maintain a vigil near the venue ...
Banner von Friedensaktivisten in der Nähe des Veranstaltungsortes der Bilderberg-Konferenz am 9. Juni 2016 in Dresden.Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

Inwiefern?

Man könnte Entwarnung geben, weil die antisemitischen Inhalte nicht verstanden werden. Ich gehe jedoch eher davon aus, dass die positiv assoziierten Bilder von dominanten, aggressiven Männern, vermeintlich heroisch kämpfenden Palästinenser wie auch die negativen Bilder von israelischen Soldaten oder "den Rothschilds" verfangen und damit abrufbar bleiben. Später können solche ressentimentgeladenen Bilder mit diversen Inhalte aus den sozialen Medien aufgefüllt und aktiviert werden.

Die meisten Jugendlichen in Ihrer Befragung geben an, keine Abneigung gegenüber Personen jüdischen Glaubens zu besitzen. Dennoch existieren bei etwa 10 Prozent klassische antisemitische Vorurteile. Was unterscheidet diese Jugendlichen von der Mehrheit ihrer Altersgenossen?

Wenn wir auf die Gruppen der von uns als "sehr antisemitisch" identifizierten Gangsta-Rap-HörerInnen sehen, zeigt sich, dass jüngere und männliche Befragte sowie Befragte, die einen nicht-gymnasialen Bildungsweg wählen, stärker zur Befürwortung antisemitischer Aussagen neigen.

Haftbefehl live beim Autokultur-Konzert auf dem Sch
Auch der Rapper Haftbefehl rappt über antijüdische Klischees wie die "Rothschild-Theorie".Bild: www.imago-images.de / Torsten Gadegast

Jeder zweite Jugendliche ärgert sich laut Ihrer Studie darüber, dass den Deutschen heute immer noch NS-Verbrechen an Jüdinnen und Juden angelastet werden. Dennoch sieht auch fast die Hälfte der Jugendlichen eine besondere Verantwortung der Deutschen gegenüber den Juden. Wie passt das zusammen?

Die kollektive und die familiäre Erinnerung an die Shoah fällt in Deutschland auseinander. An die Stelle der Schuldfrage ist heute ein kollektives Bekenntnis zu Verantwortung getreten. Dies drückt sich in diversen, wiederkehrenden Maximen aus: Die Deutschen haben Verantwortung dafür, dass sich der Nationalsozialismus nicht wiederholt, Verantwortung für das jüdische Volk und wahlweise auch für Israel. Ich denke, dieses Bild ist attraktiv, weil Verantwortung sehr viel einfacher zu schultern ist als die bis dahin dominante Schuldfrage. Zudem sind Bekenntnisse zu Verantwortung meist abstrakt. In der empirischen Forschung sehen wir, dass die Zustimmung zu abstrakten Bekenntnissen stärker ausfällt als zu konkreten politischen Maßnahmen, etwa zur Unterstützung Israels. Dass in unserer Studie die Hälfte der Jugendlichen eine besondere Verantwortung gegenüber den Juden sieht, würde ich hier einordnen: Jugendliche wissen, was der Holocaust war und leiten daraus – in Übereinstimmung mit dem aktuellen erinnerungspolitischen Diskurs – eine besondere Verantwortung ab.

Und die familiäre Erinnerung?

Es gibt eine intergenerationale Tradierung familiärer Erinnerungen, in der die Tätergeneration von ihren Nachfahren immer nur als "Opfer" des Zweiten Weltkrieges, der Alliierten, oder aber als Helfer bei der Rettung von Juden, nicht aber als aktiver Teil der deutschen Vernichtungs- und Kriegsanstrengungen verhandelt werden. In der Studie fällt die Zurückweisung, dass den Deutschen kollektiv etwas vorgehalten wird, deswegen so stark aus, weil die Jugendlichen sich nicht angesprochen fühlen. Sie verwehren sich dagegen, dass ihnen "die Verbrechen an den Juden vorgehalten" werden.

"Die Mehrheit derer, die hier Videos posteten, verfügt noch nicht einmal über ein Basiswissen des Konflikts. Aber was hängenbleibt ist: Israel ist ein Terror-, Apartheid- und Unrechtsstaat."

Welche Rolle spielen die israelische Politik oder aktuelle politische Entwicklungen in Nahost bei der Einstellung der Jugendlichen?

Aktuelle politische Ereignisse spielen für die Einstellungen nicht per se eine Rolle. Wohl aber spielt die Art und Weise, wie Jugendliche mit den Ereignissen medial konfrontiert werden, eine wesentliche Rolle. Auf TikTok konnte beim Israel-Gaza-Konflikt 2021 beobachtet werden, dass antiisraelische Positionierungen die Norm waren. Das Thema trendete und erreichte auch Jugendliche, die TikTok aus Unterhaltungsgründen, nicht aber wegen der politischen Inhalte folgten.

"Er ist das älteste Vorurteil und man sollte sich keine Illusionen machen: Der Antisemitismus lässt sich nicht so einfach aus der Welt schaffen."

Problematisch war hierbei nicht nur, dass komplexe politische Verhältnisse dabei stark vereinfacht dargestellt und letztlich trivialisiert werden, sondern vor allem die moralischen Zwänge, die wir hier erkennen konnten: Eine Parteinahme in Form von antiisraelischen Beiträgen wurde als moralische Pflicht und Bekenntnis zu den Menschenrechten verhandelt. Wir können davon ausgehen, dass die Mehrheit derer, die hier Videos posteten, noch nicht einmal über ein Basiswissen des Konflikts verfügt. Aber was hängenbleibt ist: Israel ist ein Terror-, Apartheid- und Unrechtsstaat.

Was könnte man gegen Antisemitismus bei Jugendlichen tun?

Antisemitismus ist eine Form der Komplexitätsreduktion, eine Weltsicht, die nach einfachen Wirkzusammenhängen, nach Schuldigen, nach Drahtziehern sucht und damit ein wohliges Gefühl verspricht: Das Gefühl, gegen die als mächtig phantasierten Juden die Stimme zu erheben und gegen die Macht zu rebellieren.

"Ich würde vermuten, dass ein Lied der Antilopengang mehr Jugendliche erreicht als eine Publikation der Bundeszentrale für Politische Bildung."

Er ist das älteste Vorurteil und man sollte sich keine Illusionen machen: Der Antisemitismus lässt sich nicht so einfach aus der Welt schaffen. Wo nötig, muss dem Antisemitismus unter Jugendlichen mit Repression begegnet werden. Wo möglich, muss über ihn aufgeklärt werden. Und hier stellen sich nun viele Fragen, die alle auf einen Punkt zulaufen, zu dem wir aktuell leider noch zu wenig wissen: was wirkt wie, wann, bei welchen Zielgruppen und unter welchen Umständen? Und was wirkt eventuell nicht oder zeigt gegenteilige Effekte? Hier bedarf es weiter Forschung.

Wenn man nicht weiß, was wirklich hilft, wie kann man dann etwas gegen Antisemitismus tun?

Allgemein gesprochen, lässt sich die Ausweitung der Aufklärung über Antisemitismus jedoch gut begründen: Der Antisemitismus ist eine wirkmächtige Ideologie, eine Bedrohung für Jüdinnen und Juden, und Jugendliche haben ein Recht darauf, über diese Ideologie aufgeklärt zu werden. Aufklärung über den Antisemitismus kann in vielen Kontexten geschehen. Ich würde vermuten, dass ein Lied der Antilopengang mehr Jugendliche erreicht als eine Publikation der Bundeszentrale für Politische Bildung.

(mit Material der dpa)

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