Leben
Bild

Bild: www.imago-images.de

Streit in Kitas – Erzieherin: Darum müssen wir Schweinefleisch in Kindergärten abschaffen

Heike Schwarz*

Heike Schwarz (Name geändert) arbeitet seit 40 Jahren als Erzieherin in verschiedenen Kindergärten im Ruhrgebiet, viele davon in Brennpunktvierteln. Hier berichtet sie darüber, warum Fleisch in Kindergärten nichts zu suchen hat.

Es ist ein Thema, das wir Erzieherinnen nicht mehr hören können: Schweinefleisch in Kitas.

In Leipzig sollte in zwei Einrichtungen jetzt Schweinefleisch vom Menüplan genommen werden und halb Deutschland regt sich darüber auf. CDU-Politiker vor Ort nennen es inakzeptabel. Die Betreiber erhielten Drohungen, die Polizei nahm Kontakt mit den Kitas auf. Und schließlich gaben die Kitas auf und zogen die Speiseplanänderung zurück.

Ich bin seit über 40 Jahren Erzieherin in Brennpunktvierteln im Ruhrgebiet und das Essen ist immer ein Thema. Bei diesen Debatten geht es jedoch nur um Stimmungsmache und Politik – und nicht um das Kindeswohl oder die Arbeit von uns Erzieherinnen. Denn wenn es nach uns gehen würde, wären Schweinefleisch, ach generell Fleisch und Wurst, in Kitas schon lange abgeschafft.

Schweinefleisch, Halal, vegetarisch: Essen ist in Kitas immer ein Problem

In einer Brennpunkt-Kita in Herne war es zum Beispiel so, dass wir für fast jedes Kind ein eigenes Essen bestellen mussten. Da gab es die Kinder, die kein Schweinefleisch essen sollten, Vegetarier, Allergiker, die Kinder, die besondere Wurst von einem Halal-Metzger bekommen sollten, und dann natürlich auch die Kinder ohne besondere Essenswünsche.

Das sieht dann in der Praxis so aus, dass wir ihnen einzelne Teller vorbereiten, denn jeder darf nur sein Essen essen. Schweinefleisch und anderes haben wir markiert mit zum Beispiel einer Schweinefigur. Manche Teller standen auch höher, damit die Kinder nicht an alles so leicht rankamen.

Und dann sitzt man da mit 25 Kindern, die alle besondere Essensbedürfnisse haben und was passiert? Sie tauschen untereinander ihr Essen und greifen nach dem, was lecker aussieht.

Da muss man dann höllisch aufpassen, was bei der Anzahl nicht wirklich möglich ist. Man springt also von Kind zu Kind und erklärt ihnen, warum sie die eine Wurst nicht essen dürfen, sondern nur die andere. Warum sie mit ihrem besten Freund nicht tauschen können, weil der eine andere Religion hat. Und trotz alldem kommt es natürlich vor, dass man etwas nicht mitbekommt und Kinder etwas essen, das sie eigentlich nicht essen sollten. Oder dürften, wenn es nach ihren Eltern ginge.

Zu Hause erzählen die Kinder dann, dass sie ihr Mittagessen mit Max getauscht haben und wie "witzig" es geschmeckt habe.

Am kommenden Tag stehen wütende Eltern in der Kita. Das ganze Verfahren bedeutet also Stress für Erzieherinnen und – was noch schlimmer ist – Ausgrenzung für die Kinder.

Fleisch in Kitas sorgt dafür, dass wir die Kinder nicht gleich behandeln

Statt, dass man fröhlich zusammen isst, geht es die ganze Zeit um Verbote und Einschränkungen.

Wir Erzieherinnen wollen alle Kinder gleich behandeln und stattdessen gibt es Sonderwünsche.
Extrawürste im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein gemeinsames Essen sollte eigentlich verbinden und die Gemeinschaft stärken. Stattdessen sagt man den Kleinen, du bist nicht wie der neben dir. Du bist Christ, du darfst das essen. Du bist jüdisch, daher darfst du nur das hier. Du bist Moslem, hier ist dein Teller.

Bild

Bild: imago stock&people

Dabei geht es doch auch ganz anders. Vor 15 Jahren habe ich in einem Kindergarten gearbeitet, wo wir Erzieherinnen entscheiden konnten, was es als Mahlzeit gibt.

Und was haben wir gemacht? Vegetarisches Essen angeboten.

Es war für uns einfacher und die Kinder konnten sich alles nehmen, was sie wollten. Sie konnten untereinander tauschen und alle waren entspannter und glücklicher.

Natürlich gibt es Kinder mit Allergien, auf die muss man dann achten, aber abseits davon war Essen kein Thema.

Und ja, Kinder mögen nicht jedes Gemüse. Einer findet den Brokkoli doof oder mag kein Spinat. Kinder müssen ja auch erst lernen, was sie mögen. Aber vegetarisch ist so vielfältig. Beim Frühstück können wir zig Sorten Joghurt, Brot, Käse, Müslis und Aufstriche anbieten. Beim Mittagessen viele Variationen von Gemüse und Gebackenem.

Die Kinder haben gar nicht gemerkt, dass etwas "fehlt". Es hat nie ein Kind nach Wurst gefragt. Fleisch macht einen so geringen Teil unseres Essens aus, warum sollten sie es da vermissen?

Wir werden gezwungen, die Kinder in Moslems, Juden und Christen einzuteilen

Wo wir in anderen Kindergärten gezwungen waren, die Kinder beim Essen in Schubladen zu stecken – Moslem, Christ, Jude, Vegetarier... – konnten hier alle einfach Kinder sein.

Doch nicht nur das zeigt, dass es bei dem Aufschrei in Leipzig nur um Politik geht. Vor 30 Jahren gab es in vielen Kindergärten Initiativen für gesundes Essen. Da haben wir Erzieherinnen den Eltern gesagt, was sie ihren Kindern in den Brotboxen mitgeben dürfen und was nicht.

Es hat einfach niemanden interessiert, dass es Vorschriften von den Kindergärten gab. Die Eltern fanden es sogar gut, obwohl wir sehr stark mitbestimmt haben, was ihre Kinder essen.

Kita-Kinder werden für politische Interessen ausgenutzt

Ich bin mir sicher, wenn die Kitas in Leipzig sich für ihre Entscheidung, kein Schweinefleisch anzubieten, einfach auf gesunde Ernährung berufen hätten, hätte es weder Politiker noch Medien interessiert. Aber da es mit Rücksichtnahme auf andere Kulturen begründet wurde, folgte ein Aufschrei. Weil es sich für Stimmungsmache gut ausnutzen lässt. Und Kinder für eine politische Agenda auszunutzen ist der wahre Skandal.

Was bei solchen Debatten auch immer vergessen wird: Die Kinder sind acht Stunden im Kindergarten. Davor und danach können die Eltern den Kindern so viel Fleisch geben, wie sie wollen.

Die einzige Debatte, die wir führen sollten, ist, wie wir Multikulti besser leben können. Und fleischlose Kitas können da viel erreichen.

16 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Jan Maier
24.07.2019 20:02registriert July 2019
Sorry, aber das ist doch wohl ein schlechter Witz?
Nur weil man es irgendwelchen Religionen recht machen will wird einfach der kleinste gemeinsame Nenner gesucht?
Die religiöse Differenzierung entsteht dabei NICHT durch die Kindergärten, sondern durch die Eltern. Wie absurd das ganze ist zeigt alleine schon, dass die Kinder das nicht verstehen - es ergibt nämlich keinen Sinn.
Wenn ein Kind besondere Nahrung aus nicht medizinischen Gründen braucht dann sollen die Eltern eben selber kochen. Ich mag keine Möhren, als Kind hätte ich mir wohl besser eine passende Religion zugelegt.
24749
Melden
Zum Kommentar
Eike Ziehe
25.07.2019 12:02registriert July 2019
Kinder zu politisieren und zu polarisieren, das ist gegen jedes demokratische Recht. Verbote von Essensangeboten dergleichen. Eine religiöse Differenzierung ist hier vollkommen fehl am Platze. Was ist denn wenn morgen Frutarieer in die Kita kommen? Kinder sollten grundsätzlich vielmehr lernen zu essen was gibt, evtl. erleben die dann den Effekt der Wertschätzung der Nahrung.
10514
Melden
Zum Kommentar
Falk82
26.07.2019 13:04registriert July 2019
Der kleinste gemeinsame Nenner (vegetarische Speisen) kann wohl kaum die Lösung sein - zumal dann wieder die Veganer außen vor sind. Ich verstehe, dass es für die Kitas leichter wäre, aber dann müssen die ach so besonderen Kinder halt in besondere Einrichtungen. Dann sollen die Eltern für die geforderte Spezialbehandlung auch den entsprechenden Preis bezahlen und dann werden wir sehen wer aus religiösen Gründen oder aus persönlicher Überzeugung tatsächlich bereit dazu ist. Solange dieses Zinober auch noch von der Öffentlichkeit bezahlt werden muss, tut es den wahren Verantwortlichen nicht weh.
5710
Melden
Zum Kommentar
16

Alltagsfrage

Kleidung stinkt nach dem Waschen: Das braucht deine Waschmaschine jetzt

Sie ist der Lebensretter, wenn du Rotwein über dein Hemd gekippt hast, das Eintrittstor ins Paralleluniversum der Single-Socken, der Sehnsuchtsort sexueller Fantasien: die Waschmaschine. Meist an einem dezenten Ort im Haushalt platziert, schürt doch kaum ein anderes Gerät so hohe Erwartungen wie sie. Umso größer die Enttäuschung, wenn die Waschmaschine nicht so funktioniert, wie sie eigentlich sollte.

Dabei ist das Prinzip denkbar simpel: Dreckige Wäsche rein, Knopf drücken, warten – saubere …

Artikel lesen
Link zum Artikel