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 Christian Drosten, Direktor am Institut fuer Virologie der Charite Berlin, aufgenommen im Rahmen einer Presseunterrichtung des Bundesgesundheitsministeriums zur Ausbreitung des Coronavirus. In der Bundespressekonferenz in Berlin, 09.03.2020. Berlin Deutschland *** Christian Drosten, Director at the Institute of Virology of the Charite Berlin, recorded during a press briefing of the Federal Ministry of Health on the spread of the coronavirus At the Federal Press Conference in Berlin, 09 03 2020 Berlin Germany Copyright: xJaninexSchmitz/photothek.netx

Christian Drosten informiert in seinem Podcast über das Coronavirus. Bild: imago-images / Janine Schmitz/photothek.net

Warum die breite Öffnung des Lockdowns der Wirtschaft eher schadet, als nützt

Man hört es immer wieder: "Wenn der Lockdown noch lange weitergeht, dann geht es bergab mit unserer Wirtschaft!" Eine neue Studie, die von Wirtschafts- und Pandemieforschern gemeinsam erarbeitet wurde, kommt allerdings zu einem ganz anderen, überraschenden Ergebnis: Die Öffnung des Lockdowns kann auch für die Wirtschaft richtig teuer werden.

Im NDR-Podcast "Coronavirus Update" sprach Christian Drosten ausgiebig über die am Mittwoch veröffentlichte Studie, die er für "qualitativ robust" hält, und was wir daraus lernen können.

Die interdisziplinäre Studie

Die Studie entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und dem ifo-Institut in München. Beide Arbeitsgruppen würden "auf Simulationsrechnung basierte Forschung" betreiben, erklärt Drosten. Nur eben für die ganz unterschiedlichen Bereiche Wirtschaft und Infektionen.

"Das ist wirklich etwas Neues in Deutschland und ich glaube, dass es auch etwas Neues weltweit ist, dass in dieser Art und Weise Forschungsdaten und Simulationsergebnisse aus diesen zwei Wissenschaftszweigen zusammengeführt werden. Das ist genau das, was wir in der jetzigen Situation brauchen."

Christian Drosten

Basierend auf Wirtschaftskenngrößen komme die Simulation der Autoren zu einem interessanten Schluss, nämlich, dass ein sanfter Lockdown, in dem sich die Wirtschaft Stück für Stück bis etwa zum Herbst 2021 erholt, besser sei, als steigende Fallzahlen und damit einhergehende Kontrollmechanismen. Denn wer Corona hat, muss nicht nur selbst in Quarantäne, auch Kontakte wie Familie, Freunde und Kollegen müssen sich sozial isolieren – das kann die Schließung ganzer Firmen verursachen.

"Das schädigt dann natürlich wieder die Wirtschaft im Kleinen und bei vielen Infektionen, auch die Wirtschaft im Großen", so der Virologe. Doch nicht nur Quarantäne kann für die Wirtschaft teuer werden, sondern auch die Kosten im Gesundheitsbereich durch ein hohes Patientenaufkommen.

"Krankheit allgemein hat wirtschaftliche Folgeschäden."

Christian Drosten

Die Reproduktionszahl sollte bei 0,75 bleiben

In der Simulation wurden all diese Aspekte mit einberechnet, um ein realistisches Bild zu erhalten, wann und unter welchen Bedingungen sich die Wirtschaft in Deutschland unter Corona erholen könnte. Und das Ergebnis läuft auf eine, unter den Simulationsumständen "ideale" Reproduktionszahl hinaus.

"Es gibt einen goldenen Mittelweg, projiziert bei einer R-Zahl von 0,75. Da ist ein guter Kompromiss gefunden zwischen der Tiefe des Absinkens der Wirtschaftsleistung und der daraus folgenden Dauer der Erholung."

Christian Drosten

Rechnerisch wäre eine so geringe Reproduktionszahl für die Wirtschaft sogar günstiger als beispielsweise eine R von 1, die bei breiten Lockerungen zu erwarten wäre. "Natürlich unter den Kriterien, die die Studienautoren nennen", so der Experte weiter. Momentan liegt Deutschland laut dem Robert-Koch-Institut übrigens bei einer R von 0,81.

"Der beste Wert ist bei (R) 0,75 und das ist ein Wert, bei dem auch die Zahl der Verstorbenen auf einem recht erträglichen Niveau bleibt, deutlich unter 10.000."

Christian Drosten

Für ihn ist das eine interessante Beobachtung, die gesellschaftlich relevant scheint. Denn: Wenn die Autoren recht haben, muss es keinen Streit zwischen Unternehmen-Interessen und der Gesundheitspolitik geben. Ganz im Gegenteil, so Drosten abschließend.

"Es gibt nicht kollidierende Interessen zwischen Wirtschaft und Gesundheit. Es ist ein gemeinsames Interesse. Die Wirtschaft erkennt vollkommen an, dass es gar nichts bringt, alles gleich aufzumachen, denn das fällt auf sie zurück."

Christian Drosten

Oder wie es die Studienautoren abschließend selbst sagen: "Die Strategie, umsichtiger, schrittweiser Lockerungen ist nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich vorzuziehen."

(jd)

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