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Die Auswanderin

Auswanderin: Englisch sprechen im Ausland – ist der deutsche Akzent peinlich?

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Dass jemand durch ihren Akzent direkt merkt, dass sie aus Deutschland kommt, ist kein Problem für unsere Kolumnistin Franzi.Bild: Shutterstock / studiostoks
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Warum schämen Deutsche sich so sehr für ihren Akzent?

25.03.2024, 07:32
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Deutsch klingt hart, aggressiv und unsexy. Das wird einem zumindest immer von allen Seiten eingetrichtert.

Jahrelang hatte ich deshalb Angst, dass man beim Englischsprechen meinen deutschen Akzent heraushören könnte. Ob im Englischunterricht, im Urlaub oder während meiner Australienreise nach dem Abi: Ich wollte auf keinen Fall deutsch klingen.

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Inzwischen lebe ich in Down Under, in meinem Alltag spreche ich fast ausschließlich Englisch und meine Einstellung zum deutschen Akzent hat sich radikal gewandelt.

Die deutsche Sprache hat keinen guten Ruf

In den 2010er Jahren schwirrten auf Facebook einige Memes umher, in denen sich über die deutsche Sprache lustig gemacht wurde. Besonders beliebt waren jene, in denen unterschiedliche Übersetzungen desselben Wortes miteinander verglichen wurden. Deutsch war dabei immer am Ende der Wortreihe und sollte damit die Pointe des Witzes bilden: "butterfly", "papillon", "farfalla" und "SCHMETTERLING".

Damals waren es auffällig oft Deutsche, die diese Art von Memes teilten und sich auf selbstironische Art und Weise über ihre eigene Sprache lustig machten. Und ich war eine von ihnen.

Lange Zeit schämte ich mich dafür, Deutsch zu sprechen und witzelte über die komplizierte und harte Aussprache vieler deutscher Worte. Viel lieber wollte ich klingen wie die ganzen amerikanischen oder britischen Schauspieler:innen aus dem Fernsehen: Gelassen und elegant statt wütend und schroff.

Hartes Urteil im Englischunterricht

Die Kritik an der deutschen Sprache beschränkte sich nicht nur auf das Internet. In meiner Klasse wurde sich damals über all diejenigen lustig gemacht, die beim Vorsprechen im Englischunterricht einen starken deutschen Akzent hatten. Auch wenn die Grammatik und Vokabeln stimmten, wurde einem direkt vorgeworfen, kein Englisch sprechen zu können.

"Man darf keinen deutschen Akzent haben, aber gleichzeitig darf es sich auch nicht so klingen, als würde man versuchen, keinen deutschen Akzent zu haben."

Auf der anderen Seite wurde gleichzeitig auch über jene getuschelt, die zwanghaft versuchten, einen britischen oder US-amerikanischen Akzent aufzusetzen. Sogar die Aussprache der Lehrer:innen wurde von den Schüler:innen auf dem Pausenhof kritisiert, weil sie sich angeblich "zu gekünstelt" anhörte. Niemand blieb vom harten Urteil pubertierender 14-Jähriger verschont.

Deutsche Schulkinder sind die härtesten Kritiker:innen ihrer eigenen Sprache.
Deutsche Schulkinder sind die härtesten Kritiker:innen ihrer eigenen Sprache.bild: pexels/RDNE Stock project

Halten wir also fest: Man darf keinen deutschen Akzent haben, aber gleichzeitig darf es auch nicht so klingen, als würde man versuchen, keinen deutschen Akzent zu haben.

Mitlachen und Klappe halten

Während meiner ersten Australienreise saß ich einmal mit einer Gruppe an Muttersprachler:innen zusammen. Wir unterhielten uns ganz locker miteinander, lachten zusammen und ich dachte nicht einmal darüber nach, wie sich mein Akzent anhörte – bis ich ein Wort falsch aussprach. Mein Fauxpas fiel mir erst auf, als mich jemand aus der Gruppe kichernd nachahmte. Statt einfach über meinen Fehler hinwegzusehen, oder ihn zumindest zu korrigieren, machte man sich über ihn lustig.

Kommentare über den eigenen Akzent sind nicht immer nett.
Kommentare über den eigenen Akzent sind nicht immer nett. bild: pexels/Ketut Subiyanto

Wenn Leute meinen Akzent kommentierten oder über meine Aussprache witzelten, sorgte das lange Zeit bei mir für Unsicherheit. Auch wenn solche Bemerkungen oft nicht böse gemeint waren, ließen sie mich gekränkt und grübelnd zurück.

Deshalb war mein erster Instinkt in solchen Momenten immer: Mitlachen und Klappe halten. Man möchte ja neben dem deutschen Akzent nicht auch noch das Klischee der Spielverderberin erfüllen.

Als Deutsche erkannt werden – ein Albtraum

Der deutsche Akzent ging bei immer mit einer gewissen Scham einher, weshalb ich es lange Zeit als persönliches Versagen betrachtete, wenn man mich im Ausland anhand meines Akzents als Deutsche enttarnte. Insbesondere wenn ich nicht einmal die Chance bekam mich vorzustellen und sofort mit dem "kommst du aus Deutschland?" überrumpelt wurde.

"Nicht als Deutsche erkannt zu werden, war für mich das größte Kompliment, was man mir machen konnte."

Andersherum strahlte ich jedes Mal vor Stolz, wenn mich Leute für eine Muttersprachlerin hielten oder mir sagten, dass ich mich "nicht deutsch" anhörte. Nicht als Deutsche erkannt zu werden, war für mich das größte Kompliment, was man mir machen konnte.

Heute bekomme ich diese Art des Kompliments immer öfter zu hören. Dadurch, dass ich in Australien lebe und seit fast sechs Jahren meine Beziehung auf Englisch führe, erkennen Leute oft nicht immer auf Anhieb, dass ich aus Deutschland komme. Und das sage ich nicht, um mir selbst auf die Schulter zu klopfen. Denn meine Einstellung zu Akzenten hat sich inzwischen so weit gewandelt, dass diese Aussage für mich weder besonders positiv noch negativ ist.

Es gibt kein "neutrales" Englisch

Wir alle haben einen Akzent – auch Leute, die Englisch als Muttersprache sprechen. Wer in den USA aufgewachsen ist, hat dann eben einen kalifornischen oder texanischen Akzent. Und auch wer in England wohnt, hat je nach Region auch eine unterschiedliche Aussprache.

"Was wir als 'guten' oder 'schlechten' Akzent betrachten, ist grundlegend beeinflusst von Stereotypen, Rassismus und Klassismus."
Stereotype beeinflussen die Wahrnehmung von Akzenten.
Stereotype beeinflussen die Wahrnehmung von Akzenten.bild: pexels/Brett Sayles

Es gibt kein neutrales Englisch. Was wir als "guten" oder "schlechten" Akzent betrachten, ist grundlegend beeinflusst von Stereotypen, Rassismus und Klassismus. Ob man einen Akzent also als attraktiv oder unattraktiv einstuft, hat weniger etwas mit der eigentlichen Aussprache, sondern vielmehr mit der Voreingenommenheit gegenüber den Sprecher:innen zu tun. Deswegen stufen viele den klassischen britischen Akzent beispielsweise als intellektuell, den französischen Akzent als romantisch und den deutschen eben als hart ein.

Mein Appell: Seid stolz auf euren Akzent

Seitdem ich diese Erkenntnis verinnerlicht habe, mache ich mir viel weniger Gedanken über meinen Akzent. Wenn mir jemand sagt, dass ich mich "nicht deutsch" anhöre, bedanke ich mich nicht mehr, denn für mich ist es kein Kompliment, sondern eine Feststellung. Und andersrum versuche ich, es nicht als persönlichen Angriff zu betrachten, wenn jemand meinen Akzent bemerkt und kommentiert. Schließlich bin ich nun mal Deutsche und es hat keinen Zweck, so zu tun, als wäre das nicht der Fall.

Akzente sind für viele wichtiger Bestandteile der kulturellen Identität, ein Teil der eigenen Geschichte und sie sind ein super Gesprächsaufhänger, um das Eis zu brechen. Außerdem beweisen Sie, dass man sich die Mühe gemacht hat, eine neue Fremdsprache zu lernen – etwas, was viele Leute, vor allem in englischsprachigen Ländern, nicht von sich behaupten können.

Wenn sich also jemand das nächste Mal über meine Aussprache lustig macht, dann soll die Person doch bitte einmal versuchen "tschechisches Streichholzschächtelchen" auszusprechen. Dann habe ich zumindest auch mal etwas zum Lachen.

(fw)

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