Wie viele inklusive Spielplätze in Deutschland überhaupt existieren, ist unklar. "Aktion Mensch" hat 2023 mit dem FIBS (Deutsche Sporthochschule Köln) eine Studie erstellt, laut der rund 80 Prozent der 1000 begutachteten öffentlichen Spielplätze so gestaltet waren, dass Kinder mit Behinderung sie NICHT nutzen können.
Die restlichen 20 Prozent verfügen zwar über "einzelne inklusive Elemente" – das bedeutet aber noch keinen großen Gewinn, da zum Beispiel nur ein Prozent der Spielplätze befahrbare Wege zu allen Geräten aufweisen, nur fünf Prozent sind nahe barrierefreier Toiletten.
Kurzum: wirklich inklusive Spielplätze in Deutschland sind selten. Warum das ein Problem ist, hat watson mit Maike Dieckmann und Andrea Häfele besprochen. Sie beraten unter anderem die Spielplatzkommission Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin.
watson: Was habt ihr mit inklusiven Spielplätzen zu tun?
Andrea: Ich habe drei Kinder, eines davon mit Down-Syndrom. Mein Sohn ist jetzt neunzehn Jahre alt, motorisch ziemlich fit, aber spielt immer noch gern mit Spielplatz-Elementen, die sonst Zweijährige nutzen.
Meike: Ich bin Mutter von einem 14-Jährigen mit Infantiler Zerebralparese. Er hat eine starke Körperbehinderung, nutzt einen Elektrorollstuhl. Früher waren wir viel auf Spielplätzen und ich habe da so gut wie nie andere Kinder mit Behinderung gesehen. Das hat mich beschäftigt. Über "Eltern beraten Eltern e.V." habe ich dann Andrea kennengelernt.
Andrea: Das ist ein Netzwerk Betroffener, das Eltern von Kindern mit Behinderungen oder Fachkräfte zum Thema Inklusion beraten. Wir wollen unseren Alltag zeigen. Zum Beispiel, damit Spielplatzbauende unsere typischen Probleme erkennen.
Was denn zum Beispiel?
Andrea: Sand. Die meisten Spielplätze haben überall Sandboden. Da brauchst du als Rollstuhlfahrer nicht hinzuschauen, solche Spielplätze sind unbefahrbar.
Auch Eltern im Rollstuhl können ihre Kinder nicht auf der Schaukel anschubsen, wenn Sand liegt.
Andrea: Absolut. Ich erinnere mich an die Einweihung eines privaten, inklusiven Spielplatzes, da freute sich eine Oma: "Toll! Jetzt kann ich endlich mal mit meinem Enkel auf den Spielplatz gehen", weil sie selbst Barrierefreiheit brauchte.
Warum sind inklusive Spielplätze noch wichtig?
Maike: Weil Kinder mit Behinderungen sehr wenig gesehen werden. Meistens wachsen sie in separaten Kitas und Schulen auf. Auf Spielplätzen besteht die Chance auf Zusammenkunft. Mein Sohn und ich werden dann ständig gefragt: "Warum sabbert der? Warum kannst du nicht laufen?" Nicht immer haben wir Lust zu antworten, klar. Aber grundsätzlich doch am ehesten im Freizeitkontext. Inklusion entsteht auf Spielplätzen mit Spaß und durch die Eltern und Kinder, dafür braucht es keine Fachkräfte, sondern nur die richtigen Rahmenbedingungen. Ein Riesengewinn!
Was sind denn – neben dem Sand – Probleme auf dem Standard-Spielplatz?
Andrea: Rutschen sind oft zu schmal oder schwer zugänglich, vor allem, wenn man als Elternteil assistieren muss. Dasselbe gilt für Klettergerüste. Zudem sollten Spielplätze eingezäunt seien, da einige Kinder "Fluchttendenzen" haben.
Was bräuchte ein inklusiver Spielplatz?
Maike: Mein Traum wäre ein Spielplatz, auf dem jedes Kind mindestens 50 bis 80 Prozent aller Spielgeräte nutzen kann. Viele Inklusionsspielplätze sind ein Witz. Die haben genau ein Spielgerät für Rollstuhlfahrer und die sind manchmal noch unsinnig, wie ein Sitzplatz mitten im Klettergerüst, aus dem man hinausfallen kann. Außerdem: Was ist mit kognitiven oder sensorischen Beeinträchtigungen? Autismus? Kindern, die an Beatmungsgeräten sein müssen?
Gäbe es Lösungen?
Maike: Ja. Es gibt Seilbahnen, die statt Tellersitzen eine richtige Sitzschale haben. Karusselle, in die man hineinrollen kann. Es gibt Variationen an Schaukeln. Leitsysteme zum Ertasten. Ein Konzept zu entwickeln, bei dem jedes Kind etwa acht von zehn Geräten nutzen kann, das wäre für mich wahrhaft inklusiv.
Andrea: Das Thema der pflegerischen Versorgung ist auch wichtig. Manche älteren Kinder brauchen Windeln, es gibt aber keine Rückzugsorte für sie, nicht einmal Hinweisschilder zur nächsten öffentlichen Toilette.
Maike: Hinweisschilder wären sowieso nützlich, um zu kennzeichnen, welche Geräte benutzbar sind für Kinder mit Behinderungen. Für das gegenseitige Verständnis.
Wie meinst du das?
Maike: Mein Sohn geht zum Beispiel noch gerne auf den Spielplatz bei uns. Da gibt es genau eine einzige Schaukel, die er verwenden kann. Natürlich ist die oft besetzt und er wechselt sich mit Kindern ab, aber im Gegensatz zu diesen kann er kein anderes Gerät in der Wartezeit verwenden. Wenn da ein Schild wäre, wie bei einigen Sitzen im Bus, wüssten alle: "Aha, dieses Gerät ist seine einzige Option. Dann nehme ich die daneben".
Andrea: Hinweise zu Inklusion am Eingang wären eh gut, denn gerade Eltern neurodiverser Kinder geraten oft in Konflikte mit anderen Eltern, wenn es heißt: "Warum ist ihr Kind so laut und anstrengend?" Ihre Behinderungen sind unsichtbar. Ein Schild würde betroffenen Eltern und Kindern die Last nehmen, sich ständig zu erklären.
Warum wird das nicht gemacht?
Andrea: In erster Linie fehlt das Bewusstsein, weil die Spielplatz-Planenden oft nicht selbst betroffen sind. Und solange es wenig Inklusion gibt, gibt es wenig Austausch. Ich kenne das – mein erster Kontakt zu einem Menschen mit Beeinträchtigung war mein eigener Sohn.
Maike: Mehrere Nutzer:innengruppen mitzudenken, erfordert auch etwas Anstrengung. Andererseits gibt es ja Elterninitiativen und Expert:innen, die gerne beraten, man könnte sich viel vom Ausland abgucken. Das Geld-Argument lasse ich nur bedingt zählen. Ich erlebe oft genug, dass Spielplätze für teures Geld neu gemacht werden – und zwar ohne inklusive Elemente.
Andrea: Das Problem ist auch, dass Anträge, Förderungen und Planungen oft durch mehrere Abteilungen wandern und auf irgendeinem Tisch geht der inklusive Gedanke verloren. Manchmal ist sogar Geld, Zeit und eine tolle Idee da, aber dann fehlt Platz, das umzusetzen.
Verzwickt. Habt ihr eine Lösung?
Andrea: Ich glaube, dass es manchmal simpler ist als gedacht. Ich war letztens mit einigen aus dem Verein auf dem Gelände einer Grundschule, auf dem ein kleiner Wasserspielplatz war. Da war an einigen Stellen Sand und an anderen nicht und schon das war für sehr viele Kinder zugänglich, unabhängig von ihren Beeinträchtigungen. Zudem gab es zugängliche Waschräume und eine entspannte Atmosphäre, wir wurden endlich mal nicht angestarrt.
Was wäre euer Wunsch für die Zukunft?
Andrea: Mein Wunsch wäre, dass bei allen Entscheidungen, die Menschen einbezogen werden, um die es geht. Bei Spielplätzen wären das die Eltern von Kindern mit und ohne Behinderungen. Die wissen doch genau, welche Fragen im Alltag auftauchen: Wie kann ich hier wickeln? Wo könnten Kinder weglaufen?
Maike: Mein Appell an alle Eltern ist, sich bewusst zu machen, was inklusives Spielen für Kinder bedeutet. Und an alle, die Gelder für Spielplätze haben oder verwalten, immer zu prüfen: Ist das nachhaltig? Ist das inklusiv? Wenn nicht, machen wir es nicht. Damit ab jetzt nur noch Geld ausgegeben wird, wenn es wirklich für alle ist.