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Doppelinterview

"Boys Club"-Podcast: Macherinnen erzählen von ihren Recherchen über "Bild"

Die beiden Journalistinnen Pia Stendera (li.) und Lena von Holt (re.) haben mehr als ein Jahr lang über den Machtmissbrauch im Axel-Springer-Verlag recherchiert.
Die beiden Journalistinnen Pia Stendera (li.) und Lena von Holt (re.) haben mehr als ein Jahr lang über den Machtmissbrauch im Axel-Springer-Verlag recherchiert.bild: Livia Kappler
Doppelinterview

"Boys Club"-Podcast: Macherinnen erzählen Hintergründe zu ihren Recherchen über "Bild"

22.04.2023, 15:4725.04.2023, 11:20
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Normalerweise entscheidet die "Bild" mit ihren Skandal-Schlagzeilen, worüber Millionen Deutsche sprechen. Doch das Blatt hat sich gewendet: Derzeit steht sie und auch der gesamte Axel-Springer-Verlag selbst in der Überschrift der Schocknachrichten.

Nach der Affäre um den Machtmissbrauch junger Frauen durch Julian Reichelt und dem Leak brisanter SMS von Springer-Chef Döpfner, veröffentliche gerade Benjamin von Stuckrad-Barre einen Roman zum Thema mit dem Titel "Noch wach?". Außerdem startete Mitte April die investigative Podcast-Serie "Boys Club: Macht und Missbrauch bei Axel Springer".

Watson hat mit den beiden Redakteurinnen dahinter, Pia Stendera und Lena von Holt, gesprochen. Sie haben für diesen Podcast eineinhalb Jahre recherchiert und mit Betroffenen gesprochen.

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Watson: Warum habt ihr euch dafür entschieden, eure Recherche als Podcast zu veröffentlichen?

Pia Stendera: Weil man bei Podcasts die Stimmen von Menschen hört, das ist einfach etwas anderes. Wenn man Kopfhörer aufhat, mit sich alleine ist und den Menschen zuhört, hat man einen ganz anderen Zugang zu Themen. Das ist bei so einem intensiven Thema einfach ein tolles Medium.

Lena von Holt: Und dann kommt noch hinzu, dass du mit dem Podcast viel mehr und auch viele verschiedene Menschen erreichen kannst, als wenn wir jetzt in ein Buch rausbringen. Der Zugang ist viel einfacher.

Inwiefern war Jan Böhmermann in den Podcast involviert? Pia, du hast dich bei ihm "für kluge Gedanken und Rücken" bedankst.

Pia: Der Podcast wurde von TRZ-Media ermöglicht. Das ist die Podcast-Produktionsfirma von Robin Droemer, Hanna Herbst und Jan Böhmermann. Jan Böhmermann hatte mit der Recherche, dem Inhalt und mit der Umsetzung nichts zu tun. Nichtsdestotrotz haben er und vor allem auch Hanna Herbst eine wahnsinnige Erfahrung darin, investigative Inhalte so zu erzählen, dass viele Leute sie mitkriegen und sich darüber Gedanken machen.

"Wir haben um Wörter gerungen."
Lena von Holt

Sie kennen ein paar Tricks und Kniffe und sind manchmal einfach ein Beistand. Rücken bedeutet, dass man als freie Journalistinnen, die wir sind, mit einem Jan Böhmermann, mit Spotify, mit TRZ im Rücken, anders agieren kann. Aber es bedeutet auch, in der Arbeit gestärkt zu werden.

Gab es einen Grund dafür, dass ihr den Titel aufgeteilt habt, also Macht und Missbrauch statt Machtmissbrauch, denn das impliziert ja auch anderen Arten des Missbrauchs...

Pia: Da geht es eher darum, die Macht herauszustellen. Wir beschäftigen uns nicht nur mit Machtmissbrauch, sondern auch mit der Frage: Was ist Macht überhaupt und in welchen Rollen wirkt Macht.

War die Veröffentlichung rechtlich gesehen sehr kompliziert?

Lena: Wir haben um Wörter gerungen.

Pia: Es wird in dem Moment schwierig, wo man die Geschichten schön oder gut erzählen will – so erzählen will, dass sie verständlich werden, dass man Empathie entwickelt. Das funktioniert über Namen, über Gesichter, aber es funktioniert auch über Details. Und Details sind etwas, was in der Verdachtsberichterstattung super schwierig ist. Wir waren nicht erst mit dem Anwalt im Austausch, als die Folgen fertig waren, sondern permanent. Es war ein ständiges Abwägen.

Hat "das System Axel Springer" nur Frauen in schwierigen Situationen ausgenutzt? In den ersten beiden Folgen kämpft eine Darstellerin mit einem Impostor-Syndrom, die andere hat finanzielle Schwierigkeiten....

Lena: Nein. Wir haben mit sehr vielen starken Frauen gesprochen, die ganz genau wussten, wie sie ihren Job zu tun hatten. Aber du bist jung und du kommst in den Journalismus rein –dieses Feld ist wahnsinnig prekär, niemand sieht dich, die Ellbogen sind draußen – das ist einfach ein Haifischbecken. Und dann bekommst du plötzlich in Form dieses Volontariats bei Axel Springer Chancen auf den Tisch gelegt: zum Beispiel ins Ausland fliegen zu dürfen, noch während des Volontariats. Da strahlen natürlich die Augen.

Pia: Auch durch das Gefühl, Teil einer Mannschaft zu sein. Nicht mehr vereinzelt zu sein.

"Es gibt einem selber ein Gefühl von Macht, wenn du bei Menschen anrufst und du sagst: Hier ist XY von der Bild."
Lena von Holt

Lena: Nicht mehr alleine zu sein, sondern plötzlich zu merken: Ja, du hast da den Rücken. Das beflügelt ungemein. Was uns einige erzählt haben: Es gibt einem selber ein Gefühl von Macht, wenn du bei Menschen anrufst und du sagst: Hier ist XY von der Bild.

Pia: Da kriegst du deine Antwort auf deine Frage aber ganz schnell. Das ist auch, wie Macht funktioniert. Was oft ein Missverständnis ist: Macht ist nicht immer Gewalt ausüben, Macht ist genau das: Von hier oben kriegst du etwas von mir und du nimmst das. Und dafür begibst du dich aber auch in ein Verhältnis. Das ist ein Geben und Nehmen.

Im Podcast erwähnen viele Betroffene der "Bild" das Wort "Sekte". Welche Ähnlichkeiten seht ihr da?

Lena: Zum Beispiel, dass sich eine Art Inner Circle bildet und der gewisse Vorzüge bekommt.

Pia: ...aber im Gegenzug auch gewisse Dinge liefern müssen.

Lena: Menschen haben uns zum Beispiel erzählt, dass die, die dem Chef nahestehen, dann eher den Chef supporten. Und wiederum andere, die konträre Meinungen haben, kaum mehr eine Stimme haben.

Pia: Es gibt so eine starke Unterscheidung zwischen Innen und Außen bei Axel Springer und insbesondere bei der "Bild". Es gibt schnell eine Gruppenidentität, man ist sehr schnell Teil der Mannschaft und gehört irgendwie zur Marke Bild. Wie oft haben wir diesen Begriff "die Marke Bild" gehört? Also ich würde nie sagen, ich arbeite bei “der Marke TRZ".

Lena: Eine Protagonistin hat gesagt: "Und irgendwann floss Bild-Blut durch meine Adern."

Pia: Diese Überidentifikation mit dem Arbeitsplatz ist krass. Gleichzeitig hat man auch dadurch, dass man so viel arbeitet, wenig mit dem äußeren Umfeld zu tun und bewegt sich immer mehr in diesem Kosmos. Dadurch verändert sich deine Wahrnehmung von dem, was ist eigentlich normal ist und was nicht.

Lena: Was mich hat aufhorchen lassen, war dieser Moment, als die Betroffenen dieses Springer-Universum verlassen hatten. Es war, als ob sie in diesem Rausch einen ganz anderen Blick angenommen hatten und jetzt erst mit der Distanz wirklich erkennen konnten: Was ist da passiert und welche Rolle habe ich darin gespielt? Als ob sie in einem ganz eigenen Film waren. Das ist etwas, was ich von Sekten kenne.

Pia: In dieser extremen Form habe ich es aus anderen Medienhäusern nicht gehört. Aber man darf nicht vergessen: Macht ist allgegenwärtig. Nicht nur in den Medien, auch in der Gesellschaft. Herauszuarbeiten, was bei Axel Springer besonders ist und was uns eigentlich alle betrifft – darum geht es uns mit Boys Club.

Außer einer Person wollte im Podcast bisher niemand seinen echten Namen nennen. War das ein Problem für euch? Bei der Harvey-Weinstein Affäre war damals die Sorge, die Enthüllung habe ohne Klarnamen weniger Wucht...

Pia: US-amerikanischer Journalismus funktioniert anders als deutscher Journalismus. Es ist ein Missverständnis, dass wir in erster Linie die großen Enthüllungen machen wollen oder die nächste Bombe fallen lassen wollen. Darum geht's uns überhaupt nicht. Es gab ganz tolle Recherchen von Juliane Löffler vom Spiegel oder Ben Smith von der New York Times. Aber selbst ich, die in der Medienbranche ist, habe manchmal vor diesen Texten gesessen und nicht richtig verstanden, was eigentlich dahinter liegt. Unser Versuch war, dem näherzukommen und es ist die Frage, ob man dafür Namen braucht.

Lena: Wenn wir auf MeToo gucken, war es oft so, dass die Frauen nichts davon hatten, sich in die Öffentlichkeit zu stellen. Deswegen ist es gut, dass die mutmaßlich Betroffenen sich durch eine Anonymisierung schützen können und dass sie aber trotzdem durch Berichterstattung die Möglichkeit haben, auf Dinge aufmerksam zu machen, die woanders kein Gehör gefunden haben.​

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