Blick am Sonnabend 16.01.2021 auf das Zentrum der Stadt Neukalen Mecklenburgische Seenplatte im Morgenlicht. Im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gilt wegen der hohen Fallzahlen bei der Ausbreitung des Coronavirus nach wie vor eine abendliche Ausgangsbeschränkung. Nach dieser ist ab sofort das Verlassen und der Aufenthalt außerhalb der eigenen häuslichen Unterkunft ohne triftigen Grund täglich von 20:00 Uhr bis 6:00 Uhr des Folgetages untersagt. Ein triftiger Grund ist beispielsweise die Ausübung der beruflichen Tätigkeit sowie die Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen. Weiterhin ist der Besuch bei Ehe- und Lebenspartnern sowie bei Partnern von Lebensgemeinschaften, hilfsbedürftigen Menschen, Kranken oder Menschen mit

Die verwaisten Straßen werden sich nicht allzu schnell wieder mit Leben füllen. Bild: imago

Polizistin, Anwältin, Psychiater: Experten erklären, wie sich weitere Lockdown-Maßnahmen umsetzen lassen

Altes Spiel, neues Treffen: Bund und Länder kommen zusammen, um über einen schärferen Lockdown zu sprechen. Dabei geht es unter anderem um eine bundesweite Ausgangssperre.

Wie diese Maßnahme aussehen soll, steht noch nicht fest. Bleibt also die Frage, ob sich die Politik wieder nach Inzidenzen richtet, wie bei der 15-Kilometer-Regel – oder ob sie unabhängig davon ständig gilt. Auch ist ungeklärt, wann, also um wie viel Uhr, die Sperre in Kraft tritt, etwa nachts oder zum späten Nachmittag.

Für viele Menschen dürften die neuen Maßnahmen, sofern sie beschlossen werden, für viel Druck sorgen. Druck für Polizeibeamte, die die Regeln durchsetzen, Druck für befreundete Menschen, die sich nicht mehr sehen können, Druck für alle, die sich nach einem Ende sehnen. Deshalb sprach watson mit Experten, etwa einer Polizistin sowie einem Psychiater, und Betroffenen über die Auswirkungen der möglichen Beschlüsse.

"Es wird mehr Kritik und härtere Diskussionen geben, ob berechtigt oder nicht."

"Ob die Regeln dann auch eingehalten werden, können wir nur begrenzt kontrollieren"

Anita K. ist Polizistin in Brandenburg und rechnet fest mit Verschärfungen. Ob alle Regeln eingehalten werden, lässt sich ihrer Meinung nach schwer kontrollieren.

"Ich bin davon überzeugt, dass es Verschärfungen geben wird. Da die bisherigen Maßnahmen nicht den gewünschten Effekt haben, ist das eben die logische Konsequenz.

Ob die Regeln dann auch eingehalten werden, können wir jedoch nur begrenzt kontrollieren. Dafür fehlen uns die Kapazitäten, außerdem finden die meisten Verstöße nur im privaten Raum statt. Verstöße im öffentlichen Raum werden konsequent dokumentiert und haben Bußgelder zur Folge."

"Hallo Deutschland, es ist doch Krise"

Benni Over aus Niederbreitbach in Rheinland-Pfalz lebt seit Februar in Quarantäne, weil er ein Hochrisikopatient ist. Er leidet an Muskelschwund, sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl – er wird künstlich beatmet. Als große Ausnahme bekam er bereits eine Impfung, obwohl er nicht im Heim lebt und noch jung ist. Seine Familie sieht den Umgang der Bundesregierung mit der Corona-Krise kritisch.

"Es ärgert uns sehr, dass es zwar richtigerweise, aber wieder erneute Verschärfungen geben muss. Diese hätten verhindert werden können, wenn sich Bundesregierung und Länderparlamente schon im Spätsommer auf ein wissenschaftsbasiertes Pandemiemanagement mit geeigneten Maßnahmen für Herbst und Winter geeinigt hätten. Immer wieder neu und dazu häppchenweise zu entscheiden, das schafft kein Vertrauen und lässt die Einsicht der Menschen immer mehr schwinden.

Warum ist nicht einmal möglich, dass man berät, nicht öffentlich vorberät – und dass beispielsweise der Bundes-Regierungssprecher stellvertretend für alle 16 Bundesländer spricht und damit keinen Raum mehr für anschließende Auslegungen und Interpretationen der Ministerpräsidenten lässt. Wir denken uns da nur: 'Hallo Deutschland, es ist doch Krise'.

Ein ähnliches Schicksal

Für alle Menschen hierzulande bedeutet dies nicht Gutes. Die Pandemie wird nicht eingedämmt werden können. Die Todeszahlen werden steigen und die Wirtschaft wird kaum mehr ihre Wertschöpfungsketten wieder in Gang setzen können.

In diesem Schicksal sind wir genauso gefangen wie alle anderen über 80 Millionen Menschen, auch wenn wir jetzt eine priorisierte Impfung erhalten haben, welche uns und vor allem Benni vor dem Risiko einer Infektion schützen wird."

"Wir sollten nicht kollektiv klagen"

Michael Huppertz ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Ob sich die Menschen an neue Lockdown-Regeln halten, hängt seiner Meinung nach auch von ihrer Persönlichkeit ab.

"Die Regeln sollten einfach, klar und unvermeidlich sein. Menschen suchen Orientierung, die finden sie dann, wenn die Botschaften stimmen. Orientierung und Klarheit machen auch schwierige Lebenssituationen erträglich. Mit 'unvermeidlich' meine ich dabei, dass das Einhalten der Auflagen auch kontrolliert werden müsste. Dann entsteht so etwas wie Akzeptanz, was deutlich einfacher ist, als ständig Auswege und Schlupflöcher zu suchen. Leider wurden die Auflagen immer komplizierter, unklarer und man kann sie leicht umgehen.

Allerdings hängt es natürlich von der Persönlichkeit ab, ob man sich an die Auflagen hält, etwa von der Empathie, der Frusttoleranz, der Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen oder allein zu sein. Aber auch von Ängsten, dem Umgang mit Regelverletzungen.

Für manche ein Segen, für andere eine Qual

Ich denke, es wird mit den zunehmenden Verschärfungen des Lockdowns schwieriger für viele Menschen, weil jetzt Erwartungen enttäuscht werden. Viele dachten, dass sie für ihre Entbehrungen belohnt werden und dass es besser wird. Das ist gerade nicht in Sicht, es fehlt also wieder eine halbwegs klare Orientierung in der Zukunft. Die Zuversicht sinkt, der Frust wächst und damit die Aggressivität. Es wird mehr Kritik und härtere Diskussionen geben, ob berechtigt oder nicht. Ansonsten denke ich weiter, dass für manche Menschen die Beschränkungen ein Segen sind, für andere eine Qual.

Wir sollten allerdings nicht kollektiv klagen. Es gibt hier kein "wir". Vieles hängt von den Lebensumständen und den Persönlichkeiten ab. Wie groß ist etwa meine Wohnung? Fühle ich mich mit meinem Partner, meinen Kindern, meiner WG wohl? Bin ich finanziell und beruflich abgesichert? Platzen Träume? Kann ich raus, bin ich mobil? Hab ich ein funktionierendes soziales Netz? Kann ich vielleicht sogar eine Auszeit gebrauchen?

Und dazu kommt all das, was ich eben über die Persönlichkeit gesagt habe. Natürlich leide ich mehr, wenn ich ungeduldig bin, wenig schwierige Situationen in meinem Leben meistern musste oder konnte, pessimistisch und ängstlich bin, wenig Interessen habe, unkreativ bin und zum Grübeln neige. Wenn die Gesellschaft Menschen auf solche Krisensituationen vorbereiten will, muss sie für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen und rechtzeitig mehr Lebenskunst vermitteln."

"Nicht alles, was vom Gesetzgeber aus erlaubt ist, muss man auch ausreizen"

Olaf Balk ist Familienvater aus Brandenburg. Er, seine Frau und zwei seiner drei Kinder gehören Corona-Risikogruppen an und leben daher seit Ausbruch des Virus sehr zurückgezogen.

"Es ärgert mich, dass solche Verschärfungen überhaupt notwendig sind. Denn die Verschärfungen der letzten Wochen und Monate wären vermeidbar gewesen, wenn alle Mitbürger mehr Solidarität bewiesen und ihre Egoismen bereits im Sommer, zum Beispiel durch Verzicht auf Urlaubsreisen oder auch im privaten Bereich, mehr zurückgestellt hätten.

Nicht alles, was vom Gesetzgeber aus erlaubt ist, muss man auch ausreizen. Und auch die Politik hat falsche Signale, etwa durch einen Regelbetrieb in den Schulen, gesetzt. Immer nur an die Vernunft appellieren, aber durch das eigene Handeln diese missen lassen, führt zu einer zunehmenden Nicht-Akzeptanz in der Bevölkerung.

Für meine Hochrisikofamilie bedeutet das ganz praktisch, dass unsere bereits seit zehn Monaten andauernde soziale Isolation weiter verlängert wird. Würden sich alle mehr an die einfachsten Regeln wie Kontaktreduktion, Masken richtig tragen, Abstände einhalten und Rücksicht auf andere nehmen, halten, könnten auch wir uns mehr zutrauen und daher mehr zu etwas 'Normalität' in unseren Alltag zurückkehren."

"Wichtig ist, dass wir solidarisch versuchen, die Eindämmungsmaßnahmen zu befolgen"

Kaja Keller ist Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Gansel Rechtsanwälte. Sie hält schärfere Regeln für sinnvoll, aber nur schwer umsetzbar.

"Dass Treffen nur mit einer festen Person außerhalb des eigenen Haushalts gestattet sind, wird schwer umzusetzen. Kontrollen könnten nur stichprobenartig durchgeführt werden, eine flächendeckende Überprüfung ist nicht realisierbar. Um eine Kontrolle überhaupt durchführen zu können, müsste für die Ordnungsbehörden auch genau ersichtlich sein, wer die feste 'eine' Kontaktperson ist.

Ein Verstoß gegen die verschärfte Kontaktbeschränkung wird, wie bislang, mit einem Bußgeld geahndet werden. Ob die Höhe der Bußgelder so bleibt oder ebenfalls erhöht wird, bleibt abzuwarten.

Kontaktreduzierungen sind wichtig und sinnvoll, um das Infektionsgeschehen weiter einzudämmen. Allerdings wird die praktische Umsetzung und vor allem die Kontrolle einer solchen Regelung nur schwer durchsetzbar sein. Entsprechend wichtig ist, dass wir solidarisch versuchen, die Eindämmungsmaßnahmen zu befolgen."

"Es wird in den Familien verstärkt zu Konflikten kommen"

Ilka Hoffmann ist Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie glaubt, dass ein harter Lockdown ohne Schulschließungen für Kinder, Eltern und auch Lehrerinnen und Lehrer zu schwerwiegenden Problemen führt.

"Falls es zu einem harten Lockdown kommt, die Schulen aber geöffnet blieben, wird das sicherlich zu Diskussionen in den Familien führen. Es ist Kindern und Jugendlichen schwer zu vermitteln, warum sie in der Schule mit vielen Menschen in einem Raum zusammen sitzen sollen, ihre Freunde am Nachmittag aber nicht treffen dürfen. Langeweile und Bewegungsmangel können die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen beeinträchtigen. Nicht jede Familie kann es über einen längeren Zeitraum leisten, diese negativen Aspekte eines Lockdowns auszugleichen. Es wird in den Familien verstärkt zu Konflikten kommen.

Der Lockdown hat aber vor allen Dingen negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien. Das pädagogische Personal aus den Kitas und Schulen berichtet, dass bei einer Aufhebung der Präsenzpflicht im wesentlichen Kinder aus gut bürgerlichen Familien in die Einrichtungen geschickt werden - und weniger diejenigen, für die es besonders wichtig wäre, in die Schule zu gehen und Bildungsangebote zu nutzen.

Diese Kinder dürfen aber nicht 'verloren' gehen: Die Lehrkräfte arbeiten trotz der Kommunikationsprobleme daran, den Kontakt zu diesen Kindern zu halten. Hier wäre es aber notwendig, einen Masterplan zu entwickeln, der beispielsweise auch die aufsuchende Sozialarbeit einschließt und spezielle Förderprogramme nach den erneuten Schulöffnungen einschließt. Um ihre Aufgaben meistern zu können, brauchen die Schulen dringend zusätzliches Personal und mehr Ressourcen."

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