Leben
High angle view at dancing crowd  enjoying music at house party , shot with flash

Hauspartys können auch so schon die Nachbarn nerven, in Corona-Zeiten umso mehr. Bild: iStockphoto / SeventyFour

Exklusiv

Hamburgerin erzählt, wie sie durch die Partys der Nachbarn zum "Covid-Sheriff" wurde

Stell dir vor, ein weltweiter Virus bricht aus und die Infektionszahlen steigen so schnell, dass das öffentliche Leben durch die Bundesregierung heruntergefahren werden muss. Was macht man da? Parteeeyyy – oder? Steffi Banowskis' Nachbarn schon. Die 44-jährige Hamburgerin, oder vielmehr "die verhärmte Alte mit den zwei Bälgern aus dem dritten Stock", wie sie sich selbst nennt, schätzt die feucht-fröhliche Lebensart in ihrem Haus, doch am Wochenende vor dem Lockdown wurde es selbst ihr zu viel.

Denn kurz nachdem Kanzlerin Merkel einen zweiten Lockdown verkündete, hauten ihre Nachbarn nochmal ordentlich auf den Putz. Gleich drei Partys auf einen Schlag trieben Steffi zu einer Verzweiflungstat: Sie klebte einen Beschwerdezettel in den Flur und postete diesen dann auch auf Facebook öffentlich mit dem Kommentar: "Mein erster Tag als Covid-Sheriff. Quereinstieg geglückt. Eine überraschend erfüllende Tätigkeit für Spaßneider wie mich."

Steffis Brief an die Party-Nachbarn

In dem mit Augenzwinkern geschriebenen Brief wendet sie sich an die Nachbarn, deren Feierwut sie zwar verstehe ("Sieben Monate feierfrei sind in eurer Lebensphase wirklich scheiße"), erinnert aber auch daran, dass die Rechtslage solche Partys momentan verbietet und sie bei Feiern im Lockdown die Polizei rufen muss. Sie bittet ihre Nachbarn daher, jetzt den "Arsch zusammenzukneifen".

Privat-Partys sind gerade unangebracht

Eigentlich hat die Moderatorin gar nichts gegen Hauspartys, schließlich wohnt sie ganz bewusst in einem Szenebezirk: "Wenn man im urbanen Raum lebt, dann wird es schon mal laut. Darüber darf man sich nicht beschweren", sagt sie gegenüber watson. "Im Moment ist aber alles anders."

Denn im Moment geht es eben nicht nur um laute Musik oder Erbrochenes im Flur, sondern darum, möglichst wenig Mitmenschen anzustecken, sollte man infiziert sein. Nur deshalb sind die Bars und Clubs zu, sollen sich nur noch zwei Haushalte treffen. Die Einschränkungen treffen auch ihre Familie hart, wie sie ihre Party-Nachbarn erinnert: "Meine Kinder haben seit sieben Monaten ihren Opa nicht mehr gesehen, dürfen keine Kindergeburtstage feiern, nicht zum Sport und sich nur zu zweit treffen."

Frustig nur, wenn man sich selbst an alle Regeln hält, die Mitmenschen aber nicht. So wie eben am Samstag: "Die Situation war so absurd. Ich wollte ja niemanden denunzieren, aber ich habe schon das Bedürfnis verspürt, mal was zu sagen", erzählt sie.

Was bei ihr im Haus los war?

"Drei Partys und eine Zweigstelle auf der Verkehrsstelle, auf der sieben Druffies in Stadionlautstärke die schönsten Szenen der vergangenen sechs Fusions nachraven und eine (fast schon liebgewonnene) Graswolke im Hausflur. Am Morgen bin ich dann noch in eine nachlässig beseitigte (nennen wir es einen Versuch) Blutlache getreten."

Die Sehnsucht nach Feiern ist verständlich. Solche Auswüchse machen es aber langfristig schlimmer. Und so müsste einem eigentlich der gesunde Menschenverstand das sagen, was Steffi dann stellvertretend übernahm: "Die von euch beweinte Veranstaltungsbranche bleibt auch am Arsch, wenn wir unseren nicht zusammenkneifen."

Für ihren Brief wurde sie gefeiert

Über 1000 Likes und über zweihundert Kommentare fuhr sie für ihren Covid-Sheriff-Post ein. Einige wunderten sich auch, dass Steffi nicht gleich die Polizei gerufen habe, aber so weit wollte sie dann doch nicht gehen: "Ich mache ja auch vieles falsch. Wir sind oft laut, ich stelle mal heimlich mein Fahrrad in den Hausflur, obwohl das verboten ist", erzählt sie.

Negative Reaktionen von den Nachbarn gab es übrigens nicht, im Gegenteil: "Irgendjemand hat den Zettel höher gehängt, ich bin nämlich ziemlich klein." Darüber ist sie auch ganz froh, scherzt: "Ich hoffe, hier nimmt noch jemand meine Pakete an." Letztlich gehe es ja auch nicht um ein Spaßverbot, sondern ein möglichst schnelles Ende der Pandemie.

Steffi dazu:

"Das Ding ist ja wirklich, wir stecken ja alle da drin. Und man weiß ja auch nicht, inwiefern die ganzen Maßnahmen was nützen. Aber einen Versuch ist es ja wert."

Mit etwas Glück können die Partys dann im nächsten Jahr auch wieder außerhalb der vier Wände gefeiert werden. Steffi würde das von allen wohl am allermeisten freuen.

(jd)

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