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Deutschland hat die Zahl seiner Intensivbetten massiv erhöht. Bild: dpa/Britta Pedersen

Könnten Beatmungsgeräte mehr schaden als nutzen?

Weltweit sorgen sich Kliniken, dass sie nicht ausreichend Beatmungsgeräte haben, um alle schweren Covid-19-Fälle im Ernstfall zu versorgen. Allerdings könnten sie in manchen Fällen mehr schaden, denn nutzen. Darauf deuten etwa Zahlen aus den USA hin.

So teilten die Behörden mit, dass in New York rund 80 Prozent der Corona-Patienten durch Beatmungsgeräten starben. Nun ist die Sterberate von Patienten mit schweren Atemnotsyndromen an Beatmungsgeräten generell nicht zu unterschätzen – Experten gehen von etwa 40 bis 50 Prozent aus. Doch die Zahl aus den USA ist erschreckend hoch.

Der Beatmungsexperte Eddy Fan vom Klinikum Toronto sagt dazu im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press (AP):

"Wir wissen, dass mechanische Beatmung nicht unkritisch ist."

Eddy Fan (Beatmungsexperte) Ap

So habe es in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis gegeben, dass eine medizinische Beatmung Lungenverletzungen verschlimmern kann. Entsprechend müssen Mediziner aufpassen, wie sie diese einsetzen. In anderen Teilen der USA, Chinas und Großbritanniens gab es ebenfalls Berichte über ungewöhnlich hohe Sterberaten bei Covid-19-Patienten, die an Beatmungsgeräten angeschlossen waren.

Das Problem bei Beatmungsgeräten

Reicht die Eigenatmung nicht mehr aus, helfen Beatmungsgeräte nach, indem sie Sauerstoff in den Körper pressen. Dabei wird der Patient normalerweise ruhig gestellt und durch den Hals intubiert. Hierbei wird durch einen Schlauch, der in der Regel über Mund oder Nase in die Luftröhre geführt wird, Atemluft in die Lunge befördert.

Das Verfahren läuft kontrolliert ab. Je nach Befindlichkeit des Patienten, können Druck und Umfang der Luftstöße variiert werden, erklärt Eddy Fan.

Da das Verfahren aber in der Regel nicht ohne Gefahren ist, wird es meist nur bei schwerkranken Patienten angewandt. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie an Atemversagen sterben, ohnehin sehr hoch. Trotzdem stellt sich die Frage, warum es gerade Covid-19-Patienten sind, die besonders gefährdet scheinen.

Bisher gibt es nur Annahmen

Es gibt verschiedene Erklärungsversuche seitens Medizinerinnen und Medizinern. Experten vermuten etwa einen möglichen Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand vor der Corona-Infektion. Wie krank die Patienten waren, als sie an die Maschinen angeschlossen wurden, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Eine weitere Vermutung: Beatmungsgeräte müssen bei Covid-19-Patienten nicht zwangsläufig helfen, erklärt die New Yorker Ärztin Negin Hajizadeh im Gespräch mit AP. Laut ihren Angaben haben sich die meisten Covid-19-Patienten, die in ihrem Krankenhaus an einem Atemgerät angeschlossen wurden, bisher noch nicht erholt.

Zudem fügt das neue Coronavirus der Lunge viel mehr Schaden zu als Krankheiten wie die Grippe, ergänzt sie.

"Es gibt Flüssigkeiten und andere toxische chemische Zytokine, wie wir sie nennen, die im gesamten Lungengewebe wüten."

Negin Hajizadeh

Auch wenn die Annahmen alle schlüssig klingen, bleiben es erstmal Annahmen. Doch auch wenn die Zahlen auf mögliche Gefahren hindeuten, sind Mediziner und Patienten auf Beatmungsgeräte angewiesen. Schließlich gibt es bisher kaum Behandlungsmöglichkeiten.

So sagte Joseph Habboushe, ein Notarzt in Manhattan, der AP, dass besonders kranke Covid-19-Patienten routinemäßig an Beatmungsgeräte angeschlossen wurden. Das könnte sich aber künftig ändern.

Die Suche nach Alternativen läuft

Um nicht ewig auf Beatmungsgeräte angewiesen zu sein, suchen Experten bereits nach alternativen Behandlungsmethoden.

„Wenn wir in der Lage sind, sie ohne Intubation zu behandeln, wird es ihnen danach wahrscheinlich viel besser gehen – denken wir.“

Joseph Habboushe

Dafür nutzen Ärztinnen und Ärzte unterschiedliche Ansätze: So sollen Patienten unterschiedlich positioniert werden, um so Sauerstoff in verschiedene Teile der Lunge zu bringen. Oder es wird ihnen Sauerstoff über Nasenschläuche gegeben. Zusätzlich soll Stickstoffmonoxid zu Sauerstoffbehandlungen hinzugefügt werden, um so den Blutfluss zu verbessern, berichtet die AP.

Laut Gesundheitsminister des Bundesstaats New York, Howard Zucker, werden andere Behandlungsmöglichkeiten geprüft, die vor der Beatmung eingesetzt werden sollten.

Weiterhin abhängig

Bis alternative Behandlungsformen routinemäßig eingesetzt werden, braucht es erstmal noch Zeit. Entsprechend bleibt der weltweite Mangel an Beatmungsgeräten eines der zentralen Themen der Corona-Pandemie.

Dafür verantwortlich wäre etwa die Flut an Betroffenen, die ein Beatmungsgerät benötigen. Zudem müssen nach bisherigen Berichten Menschen mit einer Covid-19-Infektion länger beatmet werden als andere Patienten, erklärt der Experte für Infektionskrankheiten, William Schaffner, der AP.

So sollen laut Expertenangaben Patienten mit einer bakteriellen Lungenentzündung in der Regel nur ein bis zwei Tage beatmet werden. Bei Corona-Patienten sind es laut New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sieben bis 15 Tage. Je schneller es also alternative Behandlungsmethoden für Covid-19 gibt, desto eher sinkt die Abhängigkeit von Beatmungsgeräten – und so auch die damit verbundenen Risiken.

tkr/ap

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