Leben
Bild

Helmut Balke findet, RTL 2 zeigt die positiven Seiten von Altes Lager in Niedergörsdorf, Brandenburg, nicht. Bild: privat

Hartz-IV-Empfänger ist mit RTL-2-Armutsshow unzufrieden – und reagiert mit eigener Sendung

Verfallene Häuser, Billig-Wodka-Flaschen im Gebüsch, rauchende Muttis, die ihre Kinder vom Bürgersteig aufsammeln: Willkommen in Altes Lager in Brandenburg. Einem Ort, an dem die Welt nicht nur ins Wanken geraten scheint, sondern schon vor langer Zeit von den Beinen gerissen wurde.

Das legen zumindest die Bilder nahe, die in der letzten Staffel "Hartz und herzlich" bei RTL 2 zu sehen waren: Die Armutsshow zeigt Altes Lager, ein Viertel in der Gemeinde Niedergörsdorf, als isoliertes Brennpunktviertel. Für die Sendung wurden mehrere Bewohner monatelang vom Kamerateam begleitet, eines haben sie alle gemeinsam: Sie leben von Hartz IV.

Alkoholabhängig und kriminell: So wirken Hartz-IV-Empfänger im TV

Glaubt man der RTL-2-Sendung, müssen Hartz-IV-Empfänger nicht nur vom Existenzminimum leben, sondern davon ihre Zigaretten-, Alkohol- und Drogensucht finanzieren oder Geldstrafen abbezahlen. Es ist ein trauriges Bild, das "Hartz und herzlich" von den Bewohnern von Altes Lager und Menschen in Armut generell zeichnet.

Bild

Düster, verkommen, mit dramatischem Filter: So sieht Altes Lager bei RTL 2 aus. Bild: RTL 2

Dass die Auswahl der Protagonisten extrem war, findet auch Helmut Balke: Der 50-Jährige wohnt selbst in Altes Lager und absolviert gerade einen Bundesfreiwilligendienst in der Kirche. Für ihn ist die Darstellung seines Wohnortes bei RTL 2 deutlich zu einseitig und negativ, wie er watson gegenüber sagt. Er befürchtet:

"Der Ort hat jetzt den Ruf, 'assi' zu sein."

Um ein Zeichen gegen "Hartz und herzlich" zu setzen, hat Balke nun eine Serie über seine Wahlheimat gestartet – auf Youtube. Der Titel lautet, passenderweise: "So ist Altes Lager – ohne RTL 2".

Darin versucht Balke, die positiven Aspekte des Ortes zu zeigen, die seiner Meinung nach in "Hartz und herzlich" vernachlässigt worden sind:

"Was mich vor allem gestört hat, war die Verallgemeinerung, dass Altes Lager abgehängt sei. Dabei hat Altes Lager den einzigen Bahnhof in der Umgebung, von dem stündlich ein Zug nach Berlin fährt. Hier gibt es einen Fußballverein, Restaurants und einen Jugendclub. Und die Natur drumherum ist wunderschön."

Tatsächlich ist auch in der RTL-2-Show der Wald zu sehen, der Altes Lager umgibt. Erwähnt wird er allerdings lediglich im Zusammenhang mit den Waldbränden, die noch vor einigen Monaten in Brandenburg loderten. In einer Folge war sogar von einer Evakuierung des Wohnviertels die Rede.

Die gezeigten Hartz-IV-Empfänger sind nicht stellvertretend für den Ort

Einige der Menschen, die in der letzten Staffel "Hartz und herzlich" zu sehen waren, kennt Balke persönlich. Andere nur vom Sehen her. Menschen wie der Alkoholiker Rainer, der im Laufe der Dreharbeiten an den Folgen seines Alkoholismus verstorben ist, sind ortsbekannt. So tragisch manche der Schicksale in Altes Lager auch sind: Balke meint, sie sollten nicht als Aushängeschild für den Ort dienen. Zu watson sagt er:

"Es gibt auch noch extremere Fälle, die in der Sendung nicht gezeigt wurden. Die Mehrheit der Menschen führt allerdings ein geregeltes Leben, sie haben Familien, gehen arbeiten."

Probleme wie Alkoholismus und Drogen seien auch in anderen Schichten verbreitet. "Wohlhabendere Menschen verfügen nur über mehr Mittel, um so etwas zu überspielen", mutmaßt Balke. Dass dennoch eher die tragischen Extremfälle vor die Kamera gebracht werden, erklärt er sich damit, dass sie wahrscheinlich für höhere Einschaltquoten sorgen:

"Ich vermute, viele Zuschauer genießen es, Menschen zu sehen, denen es schlechter geht als einem selbst."

Was Leben von Hartz IV bedeutet, weiß Balke aus eigener Erfahrung: Einst hatte er sein eigenes Unternehmen, das er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. So ist er selbst in Arbeitslosengeld II gerutscht, wie die finanzielle Unterstützung eigentlich heißt. "So wurde aus dem angesehenen Geschäftsmann plötzlich der Hartz-IV-Empfänger, mit dem man besser nicht mehr spricht", erzählt Balke.

Auch Balke stockt mit Hartz IV auf

Dass Menschen oftmals ein negatives Bild von Hartz-IV-Empfängern haben, musste Balke am eigenen Leib erfahren. "Es gab einige Freunde und Bekannte, die von mir abgerückt sind", berichtet er. "Sie haben meine Situation nicht verstanden, dachten, ich sitze den ganzen Tag nur herum. Dabei wurde ich berufsunfähig geschrieben."

Bis heute stockt er auf, während er in der kirchlichen Gemeinde ehrenamtlich hilft. Wenn das Programm in wenigen Monaten vorbei ist, will Balke sich umschulen lassen und so wieder Arbeit in Vollzeit finden.

Mit den gezeigten Hartz-IV-Empfängern bei "Hartz und herzlich" kann Balke sich offensichtlich nicht identifizieren. Die dort gezeigten Protagonisten zeichnen sich weniger durch ihren Status als Leistungsempfänger aus, als mehr durch teils fragwürdiges Verhalten und Süchte, die nicht stellvertretend sind für diese soziale Gruppe.

Hartz IV ist nur eines der Probleme im Leben dieser Menschen, das nur ein vermeintlicher gemeinsamer Nenner ist. Süchte, Schicksalsschläge und mangelnde Bildung sind weitere, weit einflussreichere.

Das sagen RTL 2 und die Produktionsfirma von "Hartz und herzlich" zu Balkes Kritik

Balke berichtet, dass das Kamerateam der Produktionsfirma von "Hartz und herzlich", Ufa Show & Factual, wochenlang durch den Ort gelaufen seien und Menschen auf der Straße, am Bahnhof oder im Jugendtreff angesprochen hätten, ob sie mitwirken möchten. "Das einzige, was sie nicht gemacht haben, war, unangemeldet an den Haustüren zu klingeln", sagt Balke.

Watson hat RTL 2 und Ufa Show & Factual mit Balkes Kritik an der Darstellung von Altes Lager konfrontiert und nachgefragt, wie die Protagonisten gecastet wurden.

Direkt beantwortet haben weder der Sender noch die Produktionsfirma watsons Fragen. Wie sie Balkes Kritik empfinden, bleibt ungeklärt. Ein Sprecher von RTL 2 schickte folgendes Statement per E-Mail:

"'Hartz und herzlich – Niedergörsdorf-Altes Lager' ist eine Dokumentation, die sich ernsthaft um ein authentisches Abbild der Realität in sozial schwachen Regionen bemüht. Dabei leistet das Format zwei Dinge: Einerseits gibt das Format denen eine Stimme, die sich am Rand der Gesellschaft sehen und von selbiger ausgegrenzt fühlen. Andererseits schaut die Dokumentation dorthin, wo andere wegsehen."

Weiterhin schreibt der Sprecher, die zuständige Produktionsfirma sei über mehrere Monate fast täglich vor Ort gewesen. Die Produzenten und das Kamerateam stehen auch nach Abschluss der Dreharbeiten mit den Protagonisten in Kontakt. Nach welchen Aspekten die Protagonisten gecastet wurden, bleibt unklar.

Warum "Hartz und herzlich" ausgerechnet in Altes Lager in Niedergörsdorf gedreht wurde, dazu schreibt Ufa Show & Factual:

"Wir recherchieren nach Orten oder Regionen, in denen das Thema Armut eine Rolle spielt. Der jeweilige Ort mit seinen Bewohnern und seiner Geschichte steht immer im Vordergrund."

Auch eine Sprecherin der Produktionsfirma bestätigt, viele Monate lang täglich Zeit mit den Protagonisten zu verbringen und auch weiterhin mit ihnen in Kontakt zu stehen. Das ist sicherlich gut für die Protagonisten – dem Ort Altes Lager selbst hilft das nur bedingt.

... und das sagt die Gemeinde Niedergörsdorf:

Watson hat die Gemeinde Niedergörsdorf ebenfalls kontaktiert und zur Darstellung von Altes Lager in "Hartz und herzlich" sowie zu Balkes Kritik befragt. Doreen Boßdorf, die Bürgermeisterin der Gemeinde Niedergörsdorf, sagt:

"Altes Lager hat im Durchschnitt einer ländlichen Region alles, was ein Ort im positiven Sinne haben sollte – auch mit all den anstehenden Problemen, die in der Gemeinschaft auftreten."

Weiterhin verweist sie auf die gute Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Struktur, aber auch kulturelle und sportliche Angebote, wie das Kulturzentrum oder das Sportstadium.

"Es steht auch mit seinen sozialen Brennpunkten nicht am Rande der Gesellschaft."

Gemeinde Niedergörsdorf über Altes Lager.

Zudem meint die Sprecherin, Einwohner wie Helmut Balke seien über die Darstellung des Ortes enttäuscht, weil sie nicht wollen, dass ihre Heimat derart verunglimpft wird. Über die RTL-2-Sendung sagt sie:

"Die Darstellung ist völlig überzogen und wird dem Ort in keinster Weise gerecht."

Ein Großteil der fast 2000 Einwohner lebe in geordneten Verhältnissen und sei stolz auf die Entwicklung des Ortes in den letzten 20 Jahren.

Viele Einwohner kritisieren "Hartz und herzlich"

Die Nachwirkung der Armutsshow bleibt im Ort hängen wie ein düsteres Echo. Noch heute wird Balke täglich angesprochen auf die Wirkung der Sendung und wie sie zum schlechten Ruf des Wohngebiets beigetragen hat. Mit seiner Kritik steht Balke offenbar nicht allein dar.

"Viele sind unzufrieden mit der Sendung."

Von seiner Youtube-Serie hat Balke mittlerweile drei Folgen veröffentlicht. Die Zuschauerzahl von "Hartz und herzlich" hat er damit noch deutlich nicht erreicht. Aber immerhin ein Zeichen gesetzt.

Hartz 4 oder Arbeitslosengeld: Was nach dem Jobverlust kommt

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Seit fast 15 Jahren Hartz IV: "Die Arbeitgeber verlangen zu viel"

Jens (Name von der Redaktion geändert) ist 48 und hat vor fast 20 Jahren seinen Job bei einem Chemie-Werk verloren. Seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 ist er auf soziale Leistungen angewiesen. Bei watson spricht er über seine zahlreichen Bewerbungen und über die teils extrem hohen Anforderungen der Arbeitgeber – trotz Mindestlohn oder sogar noch weniger Gehalt.

Eine Bewerbung muss ich diesen Monat noch abschicken – dann habe ich mein Soll erfüllt. Vier Mal monatlich muss ich mich bewerben, so will es das Jobcenter. Denn ich lebe von Hartz IV.

Meine Vollzeitstelle als Chemikant habe ich bereits 2001 verloren, als das Werk, in dem ich gearbeitet habe, geschlossen wurde. Seit 2005, als das System eingeführt wurde, beziehe ich Arbeitslosengeld II, wie Hartz IV eigentlich heißt.

Ob Bewerbungstraining oder Computerkurs, Beratungsgespräche oder angedrohte …

Artikel lesen
Link zum Artikel