Wegen der starken Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus schränkt die Bundesregierung die Einreise aus Portugal massiv ein.
Wegen der starken Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus schränkt die Bundesregierung die Einreise aus Portugal massiv ein.Bild: dpa / Edson De Souza
Interview

Quarantäne für Portugal-Rückkehrer: Epidemiologe Scholz hält "diese Maßnahme für übertrieben"

29.06.2021, 12:24

Rasant breitet sich die Delta-Variante des Coronavirus weiter aus: Die Mutante, die im Gegensatz zum Alpha-Virus deutlich ansteckender ist, grassiert aktuell in Portugal, vor allem in und um die Hauptstadt Lissabon. Das Robert-Koch-Institut hat in der Folge das Land als Virusvariantengebiet eingestuft und eine 14-tägige Quarantäne für Reiserückkehrer verordnet. Die neuen Maßnahmen gelten ab Dienstag.

Für viele Urlauber bedeutet das nun, dass sie überstürzt und zu horrenden Preisen nach Deutschland zurückfliegen, um der Quarantäne zu entgehen. Ob die Maßnahme notwendig ist, wie gefährlich die Lage tatsächlich ist und welche Alternative es gäbe: darüber hat watson mit dem Epidemiologen Markus Scholz von der Uni Leipzig gesprochen. Der Professor betreibt mit seiner Arbeitsgruppe seit 15 Jahren Infektionsforschung und untersucht aktuell die Corona-Pandemie.

"Die Delta-Variante ist in Deutschland bereits so häufig, dass es keinen Sinn mehr macht, sich speziell gegen diese abzuschotten."

watson: Wer ab Dienstag aus Portugal zurückkehrt, muss 14 Tage in Quarantäne – ob geimpft oder nicht. Wie schätzen Sie diese Maßnahme ein? Ist sie angesichts der aktuellen Lage notwendig?

Markus Scholz: Durch die Reiseaktivitäten besteht sicherlich die Gefahr neuer Einträge, die das Infektionsgeschehen wieder verstärken. Dennoch halte ich diese Maßnahme für übertrieben und würde hier eher auf Schnelltests als auf Quarantäne setzen. Die Testinfrastruktur ist im Gegensatz zum Vorjahr nun gut etabliert. Wenn man ganz sichergehen will, kann man auch zwei Tests durchführen, zum Beispiel bei Rückkehr und zwei bis drei Tage später.

Warum müssen auch Geimpfte in Quarantäne?

Geimpfte können sich theoretisch auch anstecken aber mit einer sehr viel geringeren Wahrscheinlichkeit als Nicht-Geimpfte. Hier sollte wirklich ein Test ausreichen.

Portugal hält die neu beschlossenen Maßnahmen in Deutschland für zu streng, weil sie die Delta-Variante lediglich im Großraum Lissabon ausbreitet. Wie sehen Sie das?

Die Delta-Variante ist in Deutschland bereits so häufig, dass es keinen Sinn mehr macht, sich speziell gegen diese abzuschotten. Es ist nur noch sinnvoll, möglichst wenige neue Einträge nach Deutschland zuzulassen. Das geht, wie gesagt, aber auch mit Tests.

"Eine sinnvolle Maßnahme wäre zwei Schnelltests im Abstand von zwei bis drei Tagen durch geschultes Personal bei Reiserückkehrern."

Viele Urlauber aus Portugal reisen nun überstürzt nach Deutschland zurück. Könnte nicht genau das provozieren, dass sich Virusvarianten weiter ausbreiten?

Wenn man den Urlaub abbricht, hat man sicherlich ein geringeres Ansteckungsrisiko. Notwendig oder sinnvoll ist das aber nicht. Ich verstehe allerdings, dass die Quarantäneandrohung Verunsicherung auslöst. Auch aus diesem Grund wären Tests meines Erachtens zielführender.

Menschen stehen Schlange am Flughafen inmitten der Corona-Pandemie, bevor neue Kontrollen für Reisende in Kraft treten.
Menschen stehen Schlange am Flughafen inmitten der Corona-Pandemie, bevor neue Kontrollen für Reisende in Kraft treten.Bild: dpa / Paulo Mumia

Sollten die strengeren Reise-Maßnahmen auch auf andere beliebte Urlaubsländer übertragen werden, zum Beispiel Spanien oder Italien? Sollte eine allgemeine PCR-Testpflicht und/oder Quarantänepflicht wieder eingeführt werden, auch für Geimpfte?

Eine sinnvolle Maßnahme wäre zwei Schnelltests im Abstand von zwei bis drei Tagen durch geschultes Personal bei Reiserückkehrern und dann die übliche PCR-Bestätigung im Falle positiver Tests. Bei Geimpften ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit sehr gering. Hier sollte ein Schnelltest bei Rückkehr ausreichen.

"Ich rechne in jedem Fall mit einer vierten Welle aufgrund der Delta-Variante ab spätestens Herbst."

Angesichts der zunehmenden Verbreitung der Delta-Variante: Können wir touristische Reisen momentan überhaupt verantworten? Sollten wir auf einen Sommerurlaub verzichten?

Ich rechne in jedem Fall mit einer vierten Welle aufgrund der Delta-Variante ab spätestens Herbst. Diese wird jedoch fast ausschließlich die Ungeimpften treffen. Reiseeinschränkungen werden daran nichts ändern. Wichtiger wäre es deshalb, sich bestmöglich auf die vierte Welle einzustellen, indem man die Sommerzeit nutzt, um zum Beispiel die Schulen gut vorzubereiten (zum Beispiel Aufrechterhaltung der Testinfrastruktur, Raumluftfilter). Des Weiteren sollte die Impfkampagne so weit wie möglich vorangetrieben werden. Nur eine vollständige Impfung schützt ausreichend vor der Delta-Variante. Diejenigen, bei denen die zweite Impfung noch fehlt, sollten deshalb gezielt angesprochen und zur Zweitimpfung aktiv eingeladen werden. Bei Risikogruppen könnte zudem eine Auffrischungsimpfung sinnvoll sein.

Unter Einhaltung welcher Regeln können wir dennoch momentan in den Urlaub fahren?

Bei vollständigem Impfschutz ist Reisen sehr sicher. Wer keinen vollständigen Impfschutz hat, sollte im Urlaub die Hygienemaßnahmen weiterhin einhalten. Bei Rückkehr sollten ein bis zwei Schnelltests durchgeführt werden, um Einträge nach Deutschland so gering wie möglich zu halten.

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