Das 9-Euro-Ticket sorgte vor allem am Pfingstwochenende für volle Bahnhöfe.
Das 9-Euro-Ticket sorgte vor allem am Pfingstwochenende für volle Bahnhöfe.Bild: dpa / Fabian Sommer
Interview

Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket? DB Regio-Chef spricht über Zukunftspläne

15.06.2022, 10:57

Schon mal versucht, Spartickets mit Fahrradmitnahme zu kombinieren? Oder über die DB App möglichst günstige Tickets für individuelle Reiseeinstellungen zu buchen? Am Wochenende nachts irgendwo in Niederbayern aus der nächsten Kreisstadt mit dem Bus nach Hause zu kommen? Oder auch tagsüber?

Bei vielen durchaus alltäglichen Anforderungen scheitert man als Bahnkunde derzeit noch an komplizierten Tarifen oder, vor allem im ländlichen Raum, schlichtweg an mangelnder ÖPNV-Netzanbindung.

Das Neun-Euro-Ticket soll neue Bahnkunden für die Mobilitätswende bis 2030 gewinnen.
Das Neun-Euro-Ticket soll neue Bahnkunden für die Mobilitätswende bis 2030 gewinnen. Bild: Neundorf/Kirchner-Media / Christopher Neundorf

Dabei soll die Verkehrswende in Deutschland unter anderem mithilfe des sogenannten "Deutschlandtakt" bis 2030 Realität werden. Zumindest, wenn es nach dem Verkehrsbündnis "Allianz pro Schiene" geht, dessen Mitglieder aus Umwelt- und Fahrgastverbänden, Gewerkschaften, Hochschulen, Verkehrs- und Autoclubs bestehen.

So heißt es auf der Website: "Jede halbe Stunde ein Zug von Stadt zu Stadt. Auch auf dem Land bequemes Umsteigen ohne lange Wartezeiten. Das ist der Deutschlandtakt. Zugfahren wird überall in der Republik so leicht wie heute S-Bahn-Fahren in der Metropole". Das Bündnis hat dabei die Vision für "ein neues Eisenbahn-Zeitalter".

Aktuell ist es etwas still geworden um den vielgerühmten Deutschlandtakt. Doch auch wenn das Bundesverkehrsministerium bei diesem Thema wohl nicht so richtig mitzieht, eines ist sicher: Ohne die Deutsche Bahn wird das neue Eisenbahn-Zeitalter im wahrsten Sinne auf der Strecke bleiben.

Einer der wichtigsten Akteure für Deutschlands nachhaltigen Verkehr der Zukunft ist die DB Regio AG, repräsentiert von Dr. Jörg Sandvoß. watson hat mit ihm über die Zeit nach der Neun-Euro-Aktion und die digitale Zukunft des Regional- und Nahverkehrs der Deutschen Bahn gesprochen.

watson: Mit dem Neun-Euro-Ticket können Sie neue Zielgruppen erschließen, die damit, auch im Sinne der Verkehrswende, vom Auto auf die Schiene umsteigen sollen. Wie wollen Sie die Menschen ab Herbst halten, wenn die Tickets wieder mehr kosten?

Dr. Jörg Sandvoß: Das 9-Euro-Ticket ist eine einmalige Chance für den öffentlichen Nahverkehr und den Klimaschutz in Deutschland. Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland werden laut Umfragen voraussichtlich das 9-Euro-Ticket nutzen. Für uns ist dabei vor allem von Bedeutung, wie viele Pendlerinnen und Pendler tatsächlich ihr Auto stehen lassen und auf den klimafreundlichen ÖPNV umsteigen. Und das möglichst dauerhaft. Das Ticket ist dafür ein großartiger Anreiz. Wir als DB wollen auch langfristig neue Fahrgäste gewinnen und für den ÖPNV begeistern.

Dr. Jörg Sandvoß ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG.
Dr. Jörg Sandvoß ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG. Bild: dpa / Arne Dedert

Aktuell sind eine veraltete Infrastruktur und wenig Komfort unter anderem der Grund, der viele Menschen davon abhält, auf das eigene Auto zu verzichten. Was sind Ihre Pläne, um diese Probleme zeitnah in den Griff zu kriegen?

Fakt ist: Wer heute in den Nahverkehr wieder oder neu einstiegt, erlebt eine modernere, attraktivere Bahn als noch vor der Pandemie. DB Regio hat in den vergangenen zwei Jahren rund 1,5 Milliarden Euro allein in die Erneuerung der Fahrzeugflotte investiert. Weit über 700 neue und modernisierte Züge hat die DB deutschlandweit im Regionalverkehr während der Pandemie an die Fahrgäste gebracht. Mit den neuen und neu designten Zügen erhöht die DB die Kapazität, den Komfort und verbessert die Fahrgastinformation. Auch neue digitale Services wie das Zugportal machen den Nahverkehr noch attraktiver – für den Zeitraum des 9-Euro-Tickets und darüber hinaus.

Für viele Berufspendler ist, neben anderen Faktoren, die Pünktlichkeit ein wichtiges Argument, sich für oder gegen die Bahn zu entscheiden. Wie will die DB sich hier verbessern?

Der Schlüssel zu einer höheren Pünktlichkeit ist in erster Linie mehr Kapazität. Deshalb investiert die Deutsche Bahn im Rahmen der Strategie "Starke Schiene" Rekordsummen in Infrastruktur, Züge und Personal sowie Digitalisierung. Und wir sind auf einem guten Weg: DB Regio hält schon heute mit 22.000 Zugfahrten pro Tag 300.000-mal, um täglich über fünf Millionen Fahrgäste überall in Deutschland klimafreundlich ans Ziel zu bringen. Rund 10.000 Busse sorgen für gut eine Million Halte pro Tag und sichern vor allem im ländlichen Raum öffentliche Mobilität für Berufspendler:innen, Schüler:innen und Ausflügler. Über 1,5 Milliarden Fahrgäste hat DB Regio mit Zügen und Bussen im vergangenen Jahr 2021, das noch stark von der Pandemie gekennzeichnet war, deutschlandweit befördert.

"Ideenzug City": So könnte laut nach Jörg Sandvoß die S-Bahn der Zukunft aussehen. Das Raumkonzept mit flexiblen Sitz- und Stehlandschaften kann, je nach Tageszeit, Fahrgastaufkommen und Reiseanlass der Fahrgäste angepasst werden.
"Ideenzug City": So könnte laut nach Jörg Sandvoß die S-Bahn der Zukunft aussehen. Das Raumkonzept mit flexiblen Sitz- und Stehlandschaften kann, je nach Tageszeit, Fahrgastaufkommen und Reiseanlass der Fahrgäste angepasst werden.Bild: dpa / Arne Dedert

Gibt es schon konkrete Beispiele für künftige Innovationen im Regionalverkehr?

Wir setzen alles in Bewegung, was wir haben und freuen uns auf viele Fahrgäste, die die Attraktivität von Bahnen und Bussen für sich wieder oder neu entdecken. Dafür treiben wir Innovationen voran – Stichwort "Ideenzug City": Mit dieser „S-Bahn der Zukunft“ erarbeitet die DB Möglichkeiten, die Kapazitäten im Regionalverkehr bei Bedarf schnell zu erweitern und zeitgemäßes und komfortables Reisen dauerhaft zu gewährleisten.

"Die Mobilitätswende braucht eine gute, verlässliche Eisenbahn – aber Schienen können wir nicht überallhin legen."

In der Stadt muss man den Menschen die Vorzüge von öffentlichem Nahverkehr wahrscheinlich nicht so sehr anpreisen, wie auf dem Land. Wie wollen Sie die Menschen dort trotz ungünstiger Fahrplan-Frequenzen und schlechter "Netzabdeckung" gewinnen?

Der Ausbau neuer Mobilitätsangebote ist fester Bestandteil unserer Strategie Starke Schiene. Flexible und digital vernetzte Mobilitätsangebote machen den ÖPNV auch auf dem Land attraktiv und verringern die Abhängigkeit vom Privatauto. Die Mobilitätswende braucht eine gute, verlässliche Eisenbahn – aber Schienen können wir nicht überallhin legen.

Welche Lösungen bietet die Bahn neben der Schiene?

Deshalb binden wir die Fläche mit dicht getakteten Bussen und bedarfsgerechten On-Demand-Angeboten an. Diese ergänzen den bestehenden ÖPNV sinnvoll und bieten Menschen auf dem Land flexibel Anschluss an Bus- und Bahn-Linien. Nutzer:innen können ihren Fahrtwunsch per App melden und werden individuell abgeholt und zum Wunschziel befördert. Damit schafft die DB für mehr Menschen dort Anschluss an Bus- und Bahn-Linien, wo er am dringendsten gebraucht wird.

Mit dem autonomen Bus in die Zukunft: Dies ist eine der innovativen Lösungen für die mangelnde Netzabdeckung des ÖPNV auf dem Land.
Mit dem autonomen Bus in die Zukunft: Dies ist eine der innovativen Lösungen für die mangelnde Netzabdeckung des ÖPNV auf dem Land.Bild: Rupert Oberhäuser / Rupert Oberhäuser

Was hat die DB hier bereits erreicht?

Die DB hat in den vergangenen drei Jahren bereits rund 330 solcher flexibler On-Demand-Verkehre in den öffentlichen Personennahverkehr integriert und damit rund sieben Millionen Fahrgäste befördert. Besonders auch das Autonome Fahren bietet eine Riesen-Chance für die Zukunft, denn es ist deutlich effizienter: Durch den Fachkräftemangel sind die für mehr Nahverkehr zusätzlich benötigten Fahrer rar. Mit fahrerlosen Bus-Shuttles wird der ÖPNV kostengünstiger und deutlich attraktiver. Es können mehr Fahrzeuge rund um die Uhr flexibel fahren.

Auch nach der Neun-Euro-Aktion will die DB Regio die neu gewonnen Kunden mit speziellen App-Tarifen halten.
Auch nach der Neun-Euro-Aktion will die DB Regio die neu gewonnen Kunden mit speziellen App-Tarifen halten.Bild: Kröger/Kirchner-Media / Teresa Kröger

Eine der Hürden bei der Bahnnutzung ist das vergleichsweise komplizierte Tarifsystem. Gibt es im digitalen Ticketverkauf und bei den Tarifen Ideen für künftige Verbesserungen?

Das 9-Euro-Ticket ist nicht nur unschlagbar günstig, sondern auch unschlagbar einfach. Im Regionalverkehr gibt es eine ungeheure Vielfalt mit sehr vielen unterschiedlichen regionalen Anbietern und Verbünden. Die DB und ihre Partner werden in der Branche weiter an Lösungen arbeiten, die für die Kundinnen und Kunden einfach zu handhaben sind. Die Digitalisierung eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Stichwort DB Navigator: Die Bahn-App ist zugleich Deutschlands größte ÖPNV-App. Fahrgäste haben Zugriff auf über 50 Verkehrsverbünde. Damit deckt die App Deutschland im Nahverkehr nahezu vollständig ab. Auch neue Tarifangebote machen das Buchen von Tickets einfacher.

"Fahrgäste checken per App ein, die App checkt beim Aussteigen automatisch aus. Am Monatsende wird der günstigste Preis für die zurückgelegten Strecken ermittelt und abgerechnet."

Wird es künftig also noch mehr auf digitale Anwendungen zugeschnittene Tarifangebote geben?

Ein Beispiel ist der sogenannte "Luftlinientarif" des Rhein-Main Verkehrsverbunds RMV, mit dem man per Standortbestimmung am Smartphone nur die Strecke bezahlt, die man tatsächlich im ÖPNV gefahren ist. Auch die Technologie von "Check-in-be-out" erleichtert das Ticketbuchen: Fahrgäste checken beim Einsteigen in den Zug per App ein, die App checkt beim Aussteigen automatisch aus. Am Monatsende wird der günstigste Preis für die zurückgelegten Strecken ermittelt und abgerechnet.

Die Bahn ist immer noch, abgesehen von begrenzten Sparpreis-Angeboten oder dem Neun-Euro-Ticket, sehr teuer. Vor allem für Schüler und Studenten. Wie möchte die Deutsche Bahn für junge Menschen attraktiv werden?

Mit der Deutschen Bahn sind junge Reisende schon heute sehr günstig unterwegs. So gibt es im Nahverkehr mit den Länder-Tickets unbegrenzt verfügbare preiswerte Angebote, die einen ganzen Tag lang gültig sind – beispielsweise in Baden-Württemberg für unter 27-Jährige noch einmal vergünstigt. Zusätzlich gilt der 25 Prozent BahnCard-Rabatt. Gerade junge Leute profitieren zudem häufig von Schüler- und Jobtickets.

Und im Fernverkehr?

Auch im Fernverkehr haben wir Sparangebote für junge Menschen, wie beispielsweise die Super Sparpreis Young Fernverkehrstickets ab 12,90 Euro. Und wer öfter fährt, für den lohnt sich die MyBahnCard für alle unter 27 Jahren. Mit ihr gibt es auch auf den Super Sparpreis Young nochmal 25 Prozent Rabatt – damit kostet die Fahrt im ICE oder Intercity unter zehn Euro. Außerdem haben wir unsere Mitnahmeregeln für Kinder verbessert. Nun gilt: Wer über 15 Jahre alt ist, kann bis zu vier Kinder oder Jugendliche unter 15 Jahren kostenlos mitnehmen – unabhängig vom Verwandtschaftsverhältnis. So können beispielsweise Geschwister oder auch Freunde in vielen Fällen sehr günstig reisen. Und neben dem Preis machen viele andere Dinge die Bahn für junge Menschen attraktiv: digitale Services vor und während der Reise, Flexibilität beim Buchen und natürlich die Nachhaltigkeit unserer Angebote.

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