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Aus Angst vor dem Coronavirus greifen manche zu Atemschutzmasken. Bild: imago images / Rolf Kremming / rolf kremming via www.imago-images.de

Interview

Corona-Krise: Psychiater erklärt, warum eine Ausgangssperre nun schlimm wäre

In ihrer Fernsehansprache am Mittwoch hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, die Corona-Krise sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Wer bis jetzt noch nicht beunruhigt war wegen des sich ausbreitenden Covid-19, wird wohl spätestens jetzt erste Sorgen verspüren.

Andere Menschen – eine verhältnismäßig kleine Gruppe wohlgemerkt – reagiert schon seit Wochen unverhältnismäßig ängstlich, hortet Desinfektionsmittel, Konserven und Toilettenpapier, verbreitet Nachrichten aus unsicheren Quellen und mit falschen Inhalten.

Deutschland scheint gerade zu versuchen, einen Mittelweg zwischen Panik vor dem Coronavirus und Verleumdung zu finden. Und da macht die Bevölkerung nicht alles verkehrt, meint Psychiater Michael Huppertz. Im Gespräch mit watson sagt er über die Corona-Krise hierzulande:

"Ich finde, wir haben momentan relativ wenig Panik. Ich halte gemäßigte Angst für vernünftig, weil wir noch nicht wissen, wie sich die Situation in Deutschland entwickeln wird."

Anstatt Verunsicherung zu schüren, appelliert der Psychiater, der zum Schwerpunkt Achtsamkeit arbeitet, an das Gemeinschaftsgefühl: "Eine Kombination aus gemäßigter Angst und Solidarität würden uns jetzt am meisten helfen."

Im Interview mit watson spricht Huppertz darüber, wie viel Angst angesichts der Corona-Pandemie sinnvoll ist und wie wir mit Panik sowie drohender Einsamkeit wegen der sozialen Isolation umgehen können.

Coronavirus – so finden wir den Mittelweg zwischen Panik und Verdrängung

Herr Huppertz – wie geht es Ihnen? Haben Sie Angst vor dem Coronavirus?

Michael Huppertz: Was mich betrifft, bin ich recht entspannt. Um einzelne Menschen in meinem Umfeld mache ich mir mehr Sorgen. Vor allem habe ich Mitgefühl mit Menschen, deren Angehörige erkrankt sind. Man muss angesichts der aktuellen Lage ein wenig über seine eigene Schwelle hinausdenken, dann ist eine Besorgnis wirklich angebracht.

Finden Sie die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Bevölkerung auf die Corona-Krise angemessen?

Die meisten Menschen scheinen besonnen zu reagieren und die Mitteilungen der Wissenschaftler ernst zu nehmen, die gerade überall präsent sind. Das finde ich insofern erstaunlich, als die Psychologie bisher immer festgestellt hat, dass Menschen in der Regel nicht in der Lage sind, sich nicht-lineare, also exponentielle, Entwicklungen vorzustellen und vorherzusehen.

Diese Unfähigkeit ist eines der großen Probleme beim Kampf gegen den Klimawandel. Ermutigend ist, dass im Falle der aktuellen Krise Wissenschaftler – und in der Folge und zögerlicher auch Politiker – tatsächlich die Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen zur Vorausschau verbessern können. Das können wir auch in Zukunft gebrauchen.

"Die meisten Menschen scheinen besonnen zu reagieren und die Mitteilungen der Wissenschaftler ernst zu nehmen, die gerade überall präsent sind"

Obwohl das Virus vor allem für ältere Menschen und solche mit Immunschwäche gefährlich wird – warum fürchten sich auch so viele jüngere davor?

Die Situation ist noch unübersichtlich. Viele Menschen sind es gewohnt, ihr Leben vollständig unter Kontrolle zu haben. Sie tun sich sehr schwer, Ungewissheit zu akzeptieren. Das ist allerdings nicht altersabhängig und kann jüngere wie ältere Menschen betreffen.

Gerade zirkulieren auch viele Fake-News zum Coronavirus. Das verunsichert zusätzlich. Wie erkläre ich jemandem, dass er zweifelhafte Nachrichten verbreitet?

Ich würde solche Inhalte nicht diskutieren, sonst verhärten sich die Gegenstandpunkte. Je weniger Argumente es gibt – und bei Fake-News gibt es oft nicht viele –, umso mehr halten Menschen mit irrationaler Denkweise an ihnen fest. Das Lesen und Verbreiten solcher Nachrichten ist ein Ausdruck von Sorgen und Angst. Wenn ich dagegen argumentiere, fühlt sich mein Gegenüber unverstanden, und dann klopfe ich seine Bedenken erst richtig fest.

Besser ist es, über andere Infos zu reden, es gibt ja viele Fakten, die gesichert sind. Man kann zum Beispiel etwas in die Richtung antworten: "Das mag sein, wird sich mit der Zeit bestimmt zeigen" – und dann über andere Informationen sprechen oder das Thema wechseln.

Was kann ich gegen meine eigene Angst tun?

Das hängt davon ab. Angst ist, sofern sie nicht zu groß ist, in Zeiten des Coronavirus ein sinnvolles Gefühl, weil sie uns zum Beispiel dazu bringt, soziale Kontakte zu reduzieren und Hygieneregeln zu befolgen. Wenn die Angst dabei hilft, eine Verbreitung des Virus zu verhindern, ist sie wie so oft produktiv.

Was gegen übertriebene Angst helfen würde, wäre Akzeptanz. Das sieht konkret so aus: Ich sage mir: "So ist es! Ich tue, was ich kann und ansonsten akzeptiere ich ganz bewusst den Lauf der Dinge." Erstaunlicherweise hilft diese bewusste Entscheidung, die man sicher oft wiederholen muss. Wenn jemand allerdings richtige Panik hat, also nicht mehr klar denken kann, der Puls steigt, kurzatmig wird, braucht man andere Maßnahmen.

"Angst ist, sofern sie nicht zu groß ist, in Zeiten des Coronavirus ein sinnvolles Gefühl, weil sie uns zum Beispiel dazu bringt, soziale Kontakte zu reduzieren und Hygieneregeln zu befolgen"

Und wie reagiere ich am besten auf so eine Panik?

Wenn jemand akut in so einer Verfassung ist, sollte man versuchen, seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken. Da helfen zum Beispiel Achtsamkeitsübungen: Sich darauf konzentrieren, was ist genau jetzt im Augenblick los, und nicht in der Zukunft. Was geschieht jetzt in meiner Umgebung, nicht, wie fühle ich mich. Welche Sinneseindrücke kann ich wahrnehmen? Vielleicht kann man zusammen einen Film schauen, Musik hören oder einen Spaziergang machen. Man kann auch gemeinsam etwas tun, wie kochen, einen Film schauen, Musik hören. Aktivität hilft, sich wieder weniger ausgeliefert zu fühlen.

Aber ist Spazierengehen nicht gerade das Problem? Sollten wir jetzt nicht zu Hause bleiben, um das Virus nicht weiter zu verbreiten?

Es herrscht keine Ausgangssperre. Wenn sie kommen sollte, fände ich das psychologisch zu nachteilig. Wir brauchen Abwechslung, Kommunikation, andere Themen, Natur, nicht Isolation, Grübeln und permanent schlechte Nachrichten. Nur zu Hause einsperren sollten wir uns nicht. Spaziergänge, auch gemeinsam mit anderen, sind in Ordnung – solange man körperlichen Abstand voneinander hält.

Das mit dem Abstand halten sieht hier im Prenzlauer Berg in Berlin aber anders aus. Die Menschen sitzen immer noch dicht gedrängt in Cafés.

Ein Freund hat mir Ähnliches bestätigt: "Die Goltzstraße in Schöneberg ist immer noch großes Aufmarschgebiet für die Schönen und Jungen dieser Welt." Vielleicht ist es eine Frage, wie man sich selbst zuordnet: Gerade junge Menschen fühlen sich möglicherweise fernab ihrer Ursprungsmilieus einer größeren Gemeinschaft oder der Gesellschaft nicht verpflichtet. Sie fühlen sich ihresgleichen näher. Nun bräuchten wir aber ein Gefühl von Verbundenheit mit ganz Deutschland, Europa und sogar darüber hinaus.

Durch die bereits getroffenen oder bevorstehenden Maßnahmen wird das soziale Leben extrem eingeschränkt. Wie kann ich mit Einsamkeit umgehen?

Da wir, wie gesagt, noch keine Ausgangssperre haben, gibt es keinen Grund, die Menschen, die man dringend sehen möchte, nicht zu treffen. Wir sollten nur explizit bestimmte Verhaltensregeln festlegen. Wenn ich mit zwei Metern Abstand mit jemandem zusammen bin, können wir immer noch miteinander kommunizieren.

Ansonsten können wir versuchen, der neuen Situation mit Offenheit begegnen. Wenn wir nun viel Zeit zu Hause verbringen und soziale Kontakte reduzieren, kann das eine intensive Selbsterfahrung sein. Wir haben weniger Input, weniger Abwechslung, mehr Zeit zum Nachdenken oder können bestimmte Dinge auch mal ganz in unserem Tempo machen. Das ist vielleicht für viele eher unangenehm, aber es sind nicht nur Nachteile – zumindest, wenn die Situation nur wenige Wochen anhält.

"Wenn wir nun viel Zeit zu Hause verbringen und soziale Kontakte reduzieren, kann das eine intensive Selbsterfahrung sein"

Birgt die aktuelle Situation eigentlich Chancen? Können wir positive Lehren aus ihr ziehen?

Ich tue mich aus emotionalen Gründen schwer, die Lage wirklich positiv zu betrachten. Es wirkt auf mich angesichts der vielen Toten zynisch. Wir können auch noch nicht abschätzen, wie schlimm die Corona-Krise tatsächlich wird. Deswegen würde ich lieber abwarten und erst im Nachhinein bewerten. Das Einzige, was ich mir jetzt schon als Gewinn erhoffen würde, ist die Erfahrung von Rücksicht und Solidarität. Das sind konstruktive und wichtige Gefühle .

Es würde uns außerdem helfen, wenn wir nicht nur über Negatives berichten, sondern auch positive Nachrichten im Blick behalten. Es wird rasant an Medikamenten und Impfstoffen gegen das Coronavirus gearbeitet. Länder wie China und Südkorea haben die Ausbreitung gut in den Griff bekommen. Das sind Erfolgsgeschichten, über die wir verhältnismäßig wenig erfahren.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zweiundvierzig 20.03.2020 17:37
    Highlight Highlight Wir können sehr gut auch mal 2,3,4 Wochen/Monate ohne persönliche soziale Kontakte auskommen. Ob der Freund in USA oder um die Ecke wohnt, treffen kann man sich digital.
    Langeweile - die Rache der 5Zeilen Gesellschaft. Wer nur eine Aufmerksamkeitsspanne für Snaps, Chats und 5Zeilen Texte hat, dem fällt es schwer ein Buch oder Gesellschaftsspiel zu finden.
    Wer CDs/BRs als antiquiert ansieht, darf bald mit VGA-Auflösung in Mono weiterstreamen.

    Ist ist eine BürgerPFLICHT nur den nahen Kontakt zu Haushaltsmitgliedern zu haben, alle anderen Kontakte sind ein unnötiges und egoistisches Risiko.

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