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Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin berät regelmäßig zum Coronavirus. Bild: imago images/photothek

Virologe Drosten: Nur so könnten wir früher einen Impfstoff gegen Corona kriegen

Zahlreiche Unternehmen weltweit arbeiten fieberhaft daran, einen Impfstoff gegen das sich ausbreitende Coronavirus herzustellen. Einige Hersteller meldeten bereits vor Wochen, bald erste Tests ihrer Mittel durchführen zu können. Bis Wirksamkeit und Verträglichkeit erprobt sind und ein Impfstoff der Öffentlichkeit zugänglich ist, vergeht allerdings mindestens ein Jahr.

Das ist verhältnismäßig wenig Zeit, um einen Impfstoff zu entwickeln, zu erproben und herzustellen. Allerdings ist Zeit gerade eine knappe Ressource – beobachtet man die steigenden Zahlen von Neuansteckungen mit Covid-19. Das Gesundheitssystem in Italien droht zu kollabieren, wenn es das nicht stellenweise bereits ist. Um ähnliche Szenarien hierzulande zu vermeiden, wappnet sich Deutschland mit Maßnahmen wie geschlossenen Kitas und Schulen, Homeoffice und dem Vermeiden sozialer Kontakte.

Wenn wir schneller einen Impfstoff wollen, ist das mit Risiken verbunden

Ein Impfstoff gegen das Coronavirus, das zumindest Risikogruppen zugänglich wäre, würde die Lage deutlich entspannen. Das weiß auch Christian Drosten von der Charité in Berlin. In seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" spricht der Virologe darüber, warum es wichtig ist, möglichst zeitnah einen Impfstoff zu bekommen – und dafür im Notfall auch bestimmte Risiken einzugehen.

Basierend auf einer Modellierungsstudie vom Imperial College London, die auf Grundlage von Schätzungen ein Szenario der Ausbreitung des Coronavirus in Großbritannien zeichnet, analysiert Drosten verschiedene Maßnahmen, um Covid-19 einzudämmen.

Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, nur nachweislich mit dem Virus Infizierte und ihre Angehörigen unter Hausquarantäne zu stellen und über 70-Jährige zusätzlich zu isolieren. Jedoch würden auch unter diesen Umständen Ansteckungen laut der Studie weiter steigen – wenig erfolgsversprechende Aussichten also.

Maßnahmen gegen Corona allzu lange durchzuhalten wird schwer

Eine andere Variante wäre, die Schulen und Universitäten für fünf Monate zu schließen – eine extrem lange Zeit, die auch wirtschaftliche Einbußen mit sich bringen würde. Zudem muss man damit rechnen, dass die Fallzahlen wieder steigen, sobald man die Maßnahmen lockert.

Drosten meint, man könnte die Phasen von Maßnahmen und Lockerungen eine Zeitlang im Wechsel fahren, damit sich nicht zu viele Menschen auf einmal, sondern nach und nach mit Covid-19 anstecken. "Aber man müsste das zwei Jahre lang durchhalten", wendet der Virologe ein, "und das ist nicht denkbar." Er kommt deswegen zu der Schlussfolgerung:

"Unter dem Strich steht bei dieser Studie die Botschaft: Wir brauchen etwas anderes. Wir müssen etwas machen."

Eine zeitliche Verschiebung wäre nur ein großer Gewinn, wenn man neue Möglichkeiten findet, mit dem Virus umzugehen. Und diese Möglichkeiten können sich nicht auf nicht-pharmazeutische Maßnahmen beschränken: "Wir müssen einen Impfstoff finden oder ein Medikament, das man älteren Personen geben könnte", sagt Drosten.

Auch, wenn es schwer sein könnte, Entscheidungen in dieser Hinsicht zu treffen: Drosten meint, dass Experten auch die Möglichkeiten in Erwägung ziehen sollten, Impfstoffe schon anzuwenden, bevor sie vollständig durchgetestet worden sind, zum Beispiel auf Nebenwirkungen.

"Wenn wir das schaffen wollen, dann müssen wir wahrscheinlich regulative Dinge außer Kraft setzen, was Impfstoffe angeht."

Neben der Herstellung neuer Impfstoffe, die bereits im Gange sind, regt Drosten auch dazu an, die ältere Datenlage zu Sars-Impfungen noch einmal auszuwerten, um hilfreiche Schlüsse zu ziehen.

Der Virologe weiß, wir brauchen ungewöhnliche Maßnahmen gegen Corona

Es ist klar, dass Drosten nicht zu riskanten medizinischen Praktiken raten möchten. Angesichts der brisanten Lage will der Wissenschaftler eher dazu motivieren, ungewöhnliche Denkprozesse in Gang zu setzen und der Ausnahmesituation entsprechen zu handeln. Auch den Staat sieht er in der Pflicht, Verantwortung für Nebenwirkungen zu übernehmen, sollten Impfstoffe tatsächlich früher als üblich an Risikopatienten getestet werden.

"Die Aussichten sind wirklich verzweifelnd", sagt Drosten gegen Ende des Podcasts. Gleichzeitig hat er in derselben Folge betont, Deutschland sei auf einem guten Kurs, was die Bekämpfung des Virus angeht. Vielleicht ist nun wirklich der Zeitpunkt gekommen, kreativere Lösungen in Betracht zu ziehen.

(ak)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hansi Daurippel 19.03.2020 00:07
    Highlight Highlight Nicht reden, machen. Was glauben die eigentlich was passiert wenn wir Hochsommer haben, mit über 40 Grad wie die letzten zwei Jahre? Sollen dann die Menschen immer noch in ihrer überhitzten Wohnung hocken? Da kann die Stimmung mal ganz schnell umschlagen.

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