Ohne Protest wird sich nichts ändern: Die Radikalen Töchter geben Workshops für Aktionskunst.
Ohne Protest wird sich nichts ändern: Die Radikalen Töchter geben Workshops für Aktionskunst. RADIKALE TÖCHTER/Meike Kenn
Interview

Den Mutmuskel trainieren: Eine Anleitung für politischen Aktivismus

13.12.2022, 08:30

Wut, Mut und Visionen – mehr braucht man nicht, um die Welt verändern. Wie das geht, zeigen Cesy Leonard und Katharina Haverich seit 2019 mit ihrem Verein Radikale Töchter.

Seit 2019 veranstalten die beiden Workshops für junge Menschen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen zu wirkungsvollen und außergewöhnlichen Formen der politischen Teilhabe. Ihr Ziel: aktiv werden, ins Handeln kommen, etwas verändern. Zu diesem Zweck haben sie jetzt den Mutplaner entwickelt, eine Mischung aus Achtsamkeitsplaner und Anleitung zum Widerstand.

Watson hat mit der Mitgründerin der Radikalen Töchter, Cesy Leonard über ihre Mission gesprochen. Leonard hat früher beim Zentrum für politische Schönheit gearbeitet und weiß, wie man Protest wirkungsvoll gestalten kann.

watson: Wer ist die Zielgruppe eures Mutplaners?

Cesy Leonard: Der Mutplaner ist für jeden Menschen spannend, der das Gefühl hat: Die Krisen in der Welt sind so groß und ich fühle mich im Angesicht dessen wirkungslos und ohnmächtig, aber ich möchte potenziell etwas verändern oder bewirken.

"In unserer Gesellschaft wird vorausgesetzt, dass Zivilcourage etwas ist, das eine Person hat oder nicht."

Warum habt ihr den Planer gemacht?

Einer der Gründe war, dass wir hauptsächlich im ländlichen Bereich und mit Jugendlichen arbeiten. Bei den Workshops haben wir gemerkt, dass die Jugendlichen sehr begeistert, kreativ und inspiriert waren und etwas verändern wollen. Aber dann gehen wir nach Hause und die Jugendlichen bleiben in dem gleichen sozialen Umfeld, das häufig auch kritisch ist gegenüber Menschen, die sich für Klimathemen oder Genderfragen einsetzen oder die sich überhaupt selbst ausdrücken wollen. Die Jugendlichen sind dann bisschen alleingelassen.

Und der Mutplaner soll diese Menschen auf ihrem Weg sozusagen weiterbegleiten?

In unserer Gesellschaft wird vorausgesetzt, dass Zivilcourage etwas ist, das hat man oder man hat es nicht. Und das ist völliger Quatsch: Man muss Zivilcourage wirklich üben. Man muss Mut üben, man muss auch üben, sich mit seiner eigenen Haltung auseinanderzusetzen. Und wenn man das nicht aus dem Elternhaus kennt, muss man auch üben, wie es sich anfühlt, mit der eigenen Haltung auf einem Schild auf eine Demo zu gehen.

Da ist einfach eine wahnsinnige Diskrepanz zwischen Bildung im Sinne von "Ich verstehe etwas" und der Bildung wie "Ich setze mich selbst dazu ins Verhältnis und trete dann dafür ein oder komme ins Handeln". Dafür haben wir uns an Methoden bedient, die man aus dem Coaching kennt oder aus Achtsamkeitsplanern, wo man Rituale einübt und sich den eigenen Werten bewusst wird – alles natürlich bezogen auf politisches Handeln und politisches Engagement.

"Ein Hauptthema ist bei uns Wut, weil das ein ganz wichtiger Motor für alle politischen Bewegungen war und auch noch ist."

Ihr sprecht vom "Mutmuskel". Nennt ihr es deshalb so, weil man seinen Mut trainieren muss, um stark zu werden?

Ja genau. Ein weiteres Hauptthema ist bei uns Wut, weil das ein ganz wichtiges Thema, ein ganz wichtiger Motor für alle politischen Bewegungen war und auch noch ist. Gleichzeitig ist Wut aber ein Gefühl, das vielen Jugendlichen, vor allem weiblichen, abtrainiert wird. Man muss aber auch den Wut-Muskel trainieren oder den Visions-Muskel: Es geht darum, zu üben, Visionen zu entwickeln von sich selbst, von der Gesellschaft und auch von der Zukunft, in der man leben will.

Wo holt ihr euch diese Visionen?

Wir geben gar keine Visionen vor. Es geht darum, die eigenen Visionen zu wecken. Denn es wird uns krass aberzogen, ins Imaginieren zu kommen oder mit Zukunftsbildern herumzuspielen. Ich vermisse solche positiven Zukunftsbilder auch krass in der Politik. Beim Durchlesen von Wahlprogrammen bekomme ich selten eine klare Vorstellung davon, welche Visionen die jeweilige Partei hat oder wie die Gesellschaft 2023 aussehen soll. Aber wir Menschen brauchen diese Zukunftsbilder und -visionen für uns im Einzelnen, aber auch gesellschaftlich. Es ist für uns selbst wichtig, innezuhalten und uns zu trauen, sich vorzustellen, was denn sein könnte.

Der Mutplaner der Radikalen Töchter.
Der Mutplaner der Radikalen Töchter.Luis Gutierrez

Oft fühlt man sich überfordert damit, wo und wie man anfangen kann. Welchen Rat habt ihr da?

Das ist etwas ganz Wichtiges, das bei Radikale Töchter ein Thema ist und auch im Mutplaner. Wir fragen: Was ist eigentlich alles politisches Handeln? Und wir sagen: Das Private ist auch schon politisch. Man muss nicht unbedingt Betriebsrat in seinem Unternehmen sein, sondern man kann zum Beispiel seinen Kindern feministische Kinderbücher vorlesen, das ist auch ein politischer Akt. Wir zeigen, dass dieses politische Sein und politische Handeln überall drinsteckt, wenn man anfängt, bewusst zu handeln.

"Wann war ich das letzte Mal mutig und was hat mich dazu befähigt, mutig zu sein?"

Was hilft dir dabei, mutig zu sein und dich für deine Belange einzusetzen?

Mir hilft es, zu sagen, dass es egal ist, ob mich jemand blöd findet. Diese Idee, dass es irgendetwas gibt, das wichtiger ist als ich selber, gibt mir die Power oder die Kraft, mutig zu sein. Aber ich bin auch ganz oft gar nicht mutig und ich habe mich immer wieder damit auseinandergesetzt. Mut fühlt sich nur selten wirklich mutig an. Meistens hat man richtig große Angst, wenn man etwas Mutiges macht und das Herz klopft einem bis zum Hals.

Braucht man also immer eine gewisse Wut, um aktiv zu werden?

Ich würde sagen, es ist etwas sehr Individuelles und es ist einfach toll, auf die Reise zu gehen. Der Mutplaner kann eine Inspiration sein, sich selber zu fragen: Wann war ich das letzte Mal mutig und was hat mich dazu befähigt, mutig zu sein? Ein Anreiz, hinzuschauen, in welchem Moment man gerne was gesagt oder getan hätte und es nicht getan hat.

Bei den Radikalen Töchtern geht es um Empowerment.
Bei den Radikalen Töchtern geht es um Empowerment.RADIKALE TÖCHTE/patryk Witt

Wäre es nicht einfacher, selber in die Politik zu gehen? Oder findest du politische Aktionskunst wirkungsvoller?

Es ist wichtig bei solchen Dingen nicht zu sagen, das eine ist mehr wert als das andere. Früher hätte ich geantwortet: Auf jeden Fall ist die Straße viel wirkungsvoller und die Kunst ist das, was wirkt. Andere sagen, das Wichtige und Wirkungsvolle ist die Politik, weil ich da wirklich die Hebel habe, um etwas zu verändern. Aber das eine braucht das andere, sie bedingen sich gegenseitig.

"Wenn ich meine Energie dafür verwenden will, was wichtig ist auf dieser Welt und auch für mich selbst, muss ich ganz schön viel verlernen."

Man muss wissen, welcher Charakter man ist und herausfinden: Wie kann ich mich einbringen? Da ist jede:r anders. Mir wäre die Politik zu bürokratisch und nicht kreativ genug und andere Menschen sind dort genau richtig. Unser politisches System wird sich aber ohne eine aktive Zivilgesellschaft, gerade auch durch den radikalen Protest wie zum Beispiel momentan mit der Letzten Generation, nicht bewegen.

Was muss man denn lernen und was sollte man verlernen, um politisch aktiv zu werden?

Wir sollten uns fragen: Was macht mich und andere glücklich, wobei habe ich das Gefühl wirkungsvoll zu sein und wozu möchte ich beitragen. Schau dir an, was dich wütend und traurig macht, am Zustand der Welt oder in deinem Alltag. Welche Handlungen tragen dazu bei, dich traurig zu machen und welche Handlungen sind aktive Antworten auf diese Trauer oder Wut. Ein Beispiel für Verlernen könnte sein, weniger Zeit auf Social Media zu verbringen und stattdessen selber ins Schreiben zu kommen über Themen, die mich wütend machen. Oder verlernen, Menschen zu treffen, die einem nicht guttun. Diese Dinge binden Energie. Und wenn ich meine Energie dafür verwenden will, was wichtig ist auf dieser Welt und auch für mich selbst, muss ich ganz schön viel verlernen.

Entlädt Facebook Handyakkus absichtlich? – Schwere Vorwürfe, Meta dementiert

Viele Smartphone-Nutzer:innen kennen es: Kaum ist der Handyakku aufgeladen, ist er auch schon wieder fast leer. Häufig liegt das an Apps, die besonders viel Akku ziehen. Bei dem Facebook-Messenger soll das jedoch mit voller Absicht passiert sein. So lautet zumindest der Vorwurf eines Ex-Mitarbeiters.

Zur Story