Allein zu sein bedeutet, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Das tut nicht jedem gut.
Allein zu sein bedeutet, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Das tut nicht jedem gut.Bild: imago-images
Interview

Chronische Einsamkeit: Wenn soziale Interaktion zur Bedrohung wird – und wie ein Schweizer Programm helfen will

15.04.2022, 13:2516.04.2022, 13:23

Wie eine tiefenpsychologische Studie des Kölner rheingold-Instituts kürzlich herausfand, leiden die Deutschen unter Melancovid. Die Wortschöpfung aus Melancholie und Covid-19 bezeichnet den aktuellen Seelenzustand vieler Menschen hierzulande: Eine Mischung aus Abwarte-Haltung, Resignation angesichts der scheinbar nicht enden wollenden Pandemie und sozialer Entfremdung. Doch der Mensch ist von der Evolution als ein soziales Wesen angelegt, daran kann auch eine nun schon über zwei Jahre andauernde Pandemie nichts ändern.

Gemeinschaft erfüllt, aus evolutionärer Perspektive betrachtet, eine wichtige Funktion für den Menschen: Das soziale Gefüge oder die Gruppe haben früher zum Beispiel die Nahrungsbeschaffung erleichtert, gemeinsam Schutz vor Angreifern und wilden Tieren geboten und so die Überlebenswahrscheinlichkeit der Spezies erhöht.

So argumentiert Noëmi Seewer, Doktorandin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, die an der Universität Bern zu Einsamkeitsgefühlen forscht. Die dauerhafte Abwesenheit eines ausreichenden sozialen Gefüges erzeugt im Menschen Einsamkeit. Ein überlebenswichtiges Gefühl, weil es uns signalisiert, dass wir nicht ausreichend sozial verbunden und damit nicht vor Gefahren geschützt sind.

An der Universität Bern werden eine Vielzahl an verschiedenen internet-basierten Selbsthilfeprogrammen untersucht. Eines davon, genannt SOLUS, soll Hilfe bei chronischer Einsamkeit leisten. Noëmi Seewer überprüft derzeit in einer Studie, die noch bis Ende Mai 2022 läuft, ob es durch die Nutzung des Programms eine Veränderung im Einsamkeitserleben gibt und vor allem auch, wem das Programm helfen kann.

watson hat mit Noëmi Seewer darüber gesprochen, wie Einsamkeit entsteht, was sie bewirkt und wie man sich im Internet Hilfe zur Selbsthilfe holt.

Noëmi Seewer doktoriert und forscht an der Universität Bern zum Thema Einsamkeit.
Noëmi Seewer doktoriert und forscht an der Universität Bern zum Thema Einsamkeit. bild: Noëmi Seewer

watson: Ihre Zielgruppe sind Menschen, die sich einsam fühlen. Ab wann ist man krankhaft einsam?

Noëmi Seewer: Es gibt keine ganz klare Antwort darauf. Im Vergleich zu anderen psychischen Störungen, was Einsamkeit ja nicht ist, gibt es keinen klaren Schwellenwert, ab wann eine Person einsam ist. Einsamkeit ist ein subjektives Empfinden. Hier orientiert man sich an der Unterscheidung zwischen der vorübergehenden, situativen Einsamkeit und der chronischen, länger andauernden Einsamkeit, die in der Regel mit einem hohen Leidensdruck einhergeht.

Was kann man dagegen tun?

Viele können gegen situative Einsamkeit etwas unternehmen, sich wieder verbinden mit anderen Personen, oder mit sich selbst. Bei chronischer Einsamkeit ist es aber ein überdauernder Zustand und oftmals fehlen Möglichkeiten, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Oder die Kontakte die bestehen, haben nicht die Qualität, die sich die Person wünschen würde, um sich verbunden zu fühlen. So können sich Menschen auch einsam fühlen, wenn sie von außen betrachtet viele Beziehungen haben, diese jedoch in Qualität oder Quantität nicht dem entsprechen, was sie sich wünschen würden.

Wie wirkte, aus Ihren Erkenntnissen heraus, die Pandemie konkret auf die jungen Menschen? Denn die haben ja eigentlich mit digitalen Mitteln und sozialen Medien gute Möglichkeiten, in Kontakt mit anderen zu bleiben.

Ich habe kürzlich ein Video von einer Politikerin gesehen, die im Bundestag eine ziemlich emotionale Rede gehalten hat und dabei gesagt hatte, sie habe rausgehen wollen und feiern, weil man das in diesem Alter macht. Das wurde durch die Einschränkungen sehr stark geändert. Das, was junge Personen aus dem sozialen Zusammensein ziehen können, war nicht oder nur in anderer Weise möglich. In diesem Alter ist es sehr wichtig, dass man sich austauscht. Mit den digitalen Möglichkeiten ist das bestimmt eine gute Möglichkeit, nur: Kann das den persönlichen Kontakt ersetzen? Eher nicht.

Das heißt, das Gefühl von Einsamkeit kommt durch innere und äußere Faktoren zustande?

Einsamkeit kommt zustande, wenn es einen Unterschied gibt zwischen den Beziehungen, die eine Person hat und den Beziehungen, die sich eine Person wünscht. Bezogen auf die Qualität der Beziehungen ist es denn auch gut möglich, dass zwar Menschen da wären, ich mich aber mit ihnen nicht verbunden fühle. Wenn ich das Gefühl habe, niemand interessiert sich für mich oder dass ich anderen nicht vertrauen kann. Und dann kommen viele weitere Mechanismen hinzu, die hinderlich dafür sind, dass ich positive Erfahrungen in sozialen Interaktionen machen kann und mich dann weniger einsam fühlen würde. Das ist auch dieser Teufelskreis der Einsamkeit.

"Einsamkeit führt dazu, dass wir soziale Situationen als bedrohlich wahrnehmen."

Das heißt, jemand der sich einsam fühlt, wird sich freiwillig isolieren?

Einsamkeit führt dazu, dass wir soziale Situationen als bedrohlich wahrnehmen. Zum Beispiel, wenn ich in einen Raum mit vielen Leuten komme, werden mir vielleicht eher jene Personen auffallen, die etwas grimmig dreinschauen oder nicht so freundlich. Unklare oder neutrale Gesichtsausdrücke werden dann eher als Ablehnung wahrgenommen, was wiederum meine Gedanken aktivieren könnte, dass ich anderen nicht vertrauen kann oder sich niemand für mich interessiert. Und dies kann, um sich selbst vor Verletzungen zu schützen, schlussendlich in Rückzugsverhalten oder Passivität münden. Dadurch fehlt die Möglichkeit für positive Erfahrungen und die Einsamkeit bleibt.

"Einsamkeit kann sowohl ein Auslöser für Depression sein, als auch umgekehrt"

Das hört sich so an, als wäre dieser Zustand der Einsamkeit mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depression verbunden?

Viele Studien weisen auf einen Zusammenhang hin zwischen Einsamkeit und Depression, und auch mit sozialen Angststörungen oder anderen psychischen Störungen. Es ist aber nicht ein und dasselbe. Man findet gerade auch bei Depression spannende Studien, die zeigen, dass Einsamkeit sowohl ein Auslöser für Depression sein kann, als auch umgekehrt: Durch eine Depression kann Einsamkeit ausgelöst und verstärkt werden. Dasselbe gilt bei sozialer Angst. Man kann eine grobe Unterscheidung treffen zwischen der Depression, bei der sich die negativen Gedanken viel breitflächiger über das Leben ausspannen und der Einsamkeit, bei der das auch vorkommen kann. Aber die negativen Gefühle beziehen sich hier schon eher auf das soziale Bedürfnis nach Verbundenheit.

Stigma Einsamkeit:

"Es wird angenommen, dass man als junger Mensch viele Freunde, viele Leute um sich herum hat. Bei den Menschen, bei denen das nicht so ist, kann das mit Scham einhergehen, mit einem Gefühl, 'falsch' zu sein."

Wie entsteht dieses Gefühl von Einsamkeit, gerade bei jungen Menschen?

Verursacht wird das Gefühl meist dann, wenn es eine Erschütterung oder Umstellung gibt im Leben, die eine Veränderung im sozialen Netzwerk zur Folge hat. Das kann beispielsweise im jungen Alter sein, wenn nach der Schule der Einstieg ins Berufsleben kommt, oder es an die Uni geht. Wenn weniger Zeit da ist, um alte Kontakte zu pflegen und neue Kontakte aufgebaut werden müssen. Da ist es eigentlich ganz normal, dass man sich irgendwie einsam und verloren fühlt. Nur: Einsamkeit an und für sich ist stigmatisiert, gerade auch bei jungen Personen. Es wird angenommen, dass man als junger Mensch viele Freunde, viele Leute um sich herum hat. Bei den Menschen, bei denen das nicht so ist, vor allem wenn sie sich selbst auch nicht so zugehörig fühlen, kann das mit Scham einhergehen, mit einem Gefühl, "falsch" zu sein.

Wo ist der Unterschied zwischen jungen und alten Menschen in den Ursachen Ihrer Einsamkeit und vielleicht auch im Umgang damit?

Wenn man an Einsamkeit denkt, hat man vielleicht spontan das Bild im Kopf von einem alten Mann oder einer alten Frau, die alleine ist und kein soziales Netz mehr hat. Und gerade in älteren Jahren ist es eine Tatsache, dass Personen im Umfeld sterben und sich deshalb das soziale Netz verändert. Seien dies die Partner oder Freunde. Und was auch noch hinzukommt, sind oftmals körperliche Gebrechen oder Krankheiten, die einschränken, sozial teilzuhaben, weil man vielleicht nicht mehr so mobil ist.

Einsamkeit ist ein Altersproblem, denken viele. Auch junge Menschen können sich einsam fühlen, nur die Ursachen sind meist andere.
Einsamkeit ist ein Altersproblem, denken viele. Auch junge Menschen können sich einsam fühlen, nur die Ursachen sind meist andere.Bild: www.imago-images.de / imago images

Das ist sicher einer der größten Unterschiede zu jüngeren Personen. Für junge Menschen, deren primäre Bezugspersonen bis dahin meist die Eltern waren, verändert das Erwachsenwerden das soziale Umfeld. Sie lösen sich von den Eltern als primäre Bezugspersonen ab und vielleicht bekommt eine romantische Paarbeziehung mehr Gewicht, oder aber der Freundeskreis. Und wenn da der Anschluss fehlt, kann das sehr schwierig sein.

Und was ist mit den Menschen zwischen 30 und 65 Jahren?

Studien finden weniger Personen im mittleren Alter, die sich einsam fühlen. Das Alter zwischen 30 und 60 ist rein normativ betrachtet das Alter, in dem wir arbeiten und sich viele Menschen eingebunden fühlen. Vielleicht auch deshalb, weil man im Alter um die 30 oder 40 oft Familie hat. Wenn die Kinder groß sind und ausziehen, sind die Eltern um die 50 oder 60 Jahre alt. Da findet man dann wieder einen Peak bei der Einsamkeit. Es gibt zudem verschiedene Risikofaktoren, die dazu beitragen können, dass sich Menschen eher einsam fühlen: Da spielen beispielsweise auch Armut, Arbeitslosigkeit oder alleinerziehend zu sein eine Rolle.

Für welche Zielgruppe ist das Therapieprogramm Solus ausgerichtet ?

Solus ist für alle deutschsprachigen, volljährigen Menschen, die sich mit ihren Einsamkeitsgefühlen auseinandersetzen wollen. Wir versuchen eigentlich gerade mit der Studie herauszufinden, wem das Programm helfen kann, weil wir das noch nicht wissen. Das Selbsthilfeprogramm ist altersunabhängig, weil die Inhalte und Übungen so gestaltet sind, dass sie auf Personen in allen Altersgruppen übertragen werden können.

Wie ist die Herangehensweise ?

Es geht bei Solus um Achtsamkeit und Selbstmitgefühl, aber auch um die Wichtigkeit, diese Einsamkeitsgefühle empfinden zu können. Also das auch für einen Moment auszuhalten und genau hinzuhören, was kommt da hoch? Sind das Ängste, dass ich vielleicht nie eine Partnerschaft haben werde? Dass ich für immer allein sein werde? Ist da vielleicht Wut oder Trauer über Beziehungen, die nicht mehr sind, über Verletzungen, die mir widerfahren sind? Es ist wichtig, dass die Person herausfindet, weshalb es schwierig für sie ist, Zeit alleine zu verbringen. Denn vielleicht fühlt sich die Person nur einsam, wenn sie alleine mit sich ist, weil sie das nicht gerne macht. Also wie kann ich meine allein verbrachte Zeit so spezifisch gestalten und wahrnehmen, dass ich auch etwas Positives für mich aus dieser Zeit ziehen kann?

Also geht es in erster Linie um Arbeit an sich selbst?

Zu Beginn der Nutzung von Solus steht zunächst die Arbeit mit sich selbst im Vordergrund. Dann wird zunehmend auch ermutigt, Gelerntes in zwischenmenschlichen Situationen auszuprobieren und die Inhalte des Programmes auch in den Alltag zu übertragen.

"Wenn ich mich in einer akuten Krisensituation befinde, dann sollte ich unbedingt einen Therapeuten oder eine Präsenzunterstützung aufsuchen."

Wie hilft das Programm einem letztlich aus der Einsamkeit heraus?

Es geht darum, zu erkennen, welche Mechanismen grundlegende Veränderungen anstoßen können. Was ist mein persönlicher Teufelskreis der Einsamkeit und wie komme ich raus? Jeder Teilnehmer kann für sich entscheiden: Wo brauche ich Unterstützung, wo möchte ich mehr üben? Das was das Programm leisten soll, ist eine Anleitung zur Auseinandersetzung mit sich und den eigenen Einsamkeitsgefühlen. Sich zu überlegen: Wie gestalte ich eigentlich meine Zeit, die ich alleine verbringe? Was löst das aus? Was tut mir gut und was könnte ich vielleicht daran ändern, dass es sich positiver anfühlt? Es ist eher Hilfe zur Selbsthilfe.

Sitzen da immer noch reale Therapeuten dahinter oder ist Solus ein Algorithmus, der etwas ausspielt?

Bei Solus sind es echte Menschen. Es gibt ja auch Programme mit AI, Chatbots und ähnlichem. In unserem Forschungsbereich stellen wir die Frage, ob internet-basierte Selbsthilfeprogramme ohne Menschen im Hintergrund auch wirksam sind. Weil angenommen, man könnte das Programm nur mit AI zur Verfügung stellen: Wenn es wirkt, dann wäre das sehr praktisch. Ein Programm mit einem menschlichen Coach-Feedback ist aufwändiger. Aber vielleicht bringt das auch mehr und dann ist der Aufwand richtig.

Welche Gründe sprechen dafür, meine psychischen Probleme online in den Griff zu bekommen? Und wann wäre ein menschlicher Therapeut besser?

Wenn ich mich in einer akuten Krisensituation befinde, dann sollte ich unbedingt einen Therapeuten oder eine Präsenzunterstützung aufsuchen. Internetbasierte Programme sind da nicht geeignet. Wenn man aber das Gefühl hat, da ist ein Thema, das mich beschäftigt und ich möchte das Programm ausprobieren, weil es einfach zugänglich ist, dann kann das Online-Programm vielleicht eine gute Möglichkeit sein. Da muss man sich aber auch zutrauen, sich selbst mit seinem Thema auseinanderzusetzen. Vielleicht reicht es nicht und man merkt, es braucht mehr: Dann würde ich auch unbedingt empfehlen, zu einem Therapeuten zu gehen.

"Sehr viele Menschen kommen eigentlich sehr gut mit diesen Programmen zurecht und bei Depressivität oder Angststörungen lassen sich sehr gute Ergebnisse erzielen."

Wie ist denn das erste Feedback?

Wir wissen aus Studien zu anderen Programmen bei verschiedenen psychischen Störungen, dass sehr viele Menschen eigentlich sehr gut mit diesen Programmen zurechtkommen und sich bei Depressivität oder Angststörungen sehr gute Ergebnisse erzielen lassen. Und es ist natürlich auch sehr praktisch, weil ich als Nutzer nicht zeit- und ortsgebunden bin. Ich kann das in meinem Tempo machen und muss nicht einen Termin einhalten.

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