Feuerwehrleute versuchen einen Waldbrand in einem Waldgebiet nördlich von Athen zu löschen.
Feuerwehrleute versuchen einen Waldbrand in einem Waldgebiet nördlich von Athen zu löschen.
Bild: dpa / Angelos Tzortzinis
Interview

Brandexperte warnt: "Waldbrände werden in Deutschland immer mehr zu einer Herausforderung"

15.08.2021, 12:4722.08.2021, 14:27

In Italien kämpfen die Einsatzkräfte weiterhin mit verheerenden Waldbränden, denn das Wetter dort bleibt weiterhin heiß und trocken. Auch in einzelnen Teilen Deutschlands warnt der Deutsche Wetterdienst vor Hitze am kommenden Wochenende. Nicht nur in den Mittelmeerregionen kann es zu Waldbränden kommen, sondern grundsätzlich auch hierzulande.

Als Senior Expert am European Forest Institute (EFI), hat Lindon Pronto über 15 Jahre Erfahrung mit dem Thema Waldbränden. Er selbst begann seine Karriere als Feuerwehrmann für Wildnis-Brände im U.S. Forest Service in Kalifornien. Danach unterstützte er Organisationen in Indonesien, im Kongo, aber auch der Europäischen Union mit seinem Wissen. Mittlerweile hilft er die Bekämpfung von Waldbränden in Deutschland zu verbessern.

Für watson schätzt er das Risiko von Waldbränden in Deutschland ein und zeigt auf, wo es bei den hiesigen Feuerwehren noch Verbesserungsbedarf gibt.

"Waldbrände werden in Deutschland immer mehr zu einer Herausforderung, insbesondere unter dem Einfluss des Klimawandels."
Branexperte Lindon Pronto

watson: Wie hoch ist die Gefahr, dass Waldbrände in Deutschland entstehen?

Lindon Pronto: Waldbrände werden in Deutschland immer mehr zu einer Herausforderung, insbesondere unter dem Einfluss des Klimawandels. Deutschland gehört zu einer Gruppe von Ländern in Mittel- und Nordeuropa, in denen die Gefahr von Waldbränden zunimmt und diese immer schwerer zu bekämpfen sind.

Woran liegt das?

Hitzewellen und Dürreperioden schaffen günstigere Bedingungen für Brände, beeinträchtigen aber auch die Beständigkeit der Landschaft und der Wälder. Darüber hinaus kommt es zu einem sogenannten Rückkopplungskreislauf.

Die Anzahl der Feuer in Deztschland nahm besonders in den letzten zwei Jahren zu.
Die Anzahl der Feuer in Deztschland nahm besonders in den letzten zwei Jahren zu.
bild: Global Wildfire Information System (GWIS)

Was bedeutet das?

Das heißt: Veränderte Klimabedingungen machen den Wald anfälliger gegenüber Störungen, wie zum Beispiel den Borkenkäfer, der wiederum den ohnehin schon geschwächten Wald noch anfälliger gegenüber Bränden macht.

Gibt es Maßnahmen, um eine Brandentwicklung in Wäldern präventiv zu verhindern?

Bei einem Waldbrand wird das Feuer in erster Linie von den Wetterbedingungen, der Topografie und dem verfügbaren Brennmaterial angetrieben. Wir können aber weder das Wetter noch die Topografie proaktiv beeinflussen. Also um die Ausbreitung eines Feuers präventiv zu verhindern, muss man beachten wie viel brennbares Material dem Feuer zur Verfügung steht – und das können wir entscheiden.

"Langfristig ist es wichtig, dass wir auf widerstandsfähigere Landschaften hinarbeiten, die extremen Wetterereignissen und Bränden standhalten können."
Brandexperte Lindon Pronto

Was gibt es hier also für Maßnahmen?

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen: Entweder durch die Verringerung von verfügbarem Brennmaterial oder durch die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit von Landschaften und Infrastrukturen gegenüber Bränden. So können wir dafür sorgen, dass unsere Wälder weniger anfällig für Brände sind.

Können Sie hier konkrete Beispiele nennen?

Eine konkrete Maßnahme besteht darin, die brennbare Vegetation an bestimmten Stellen in Hochrisikogebieten zu reduzieren – zum Beispiel in der Nähe kritischer Infrastrukturen oder von Siedlungen. Andere Taktiken sind Pufferzonen, die sowohl die Ausbreitung des Feuers verlangsamen oder stoppen, als auch den Einsatzkräften einen besseren Zugang zur Brandbekämpfung ermöglichen.

Abgesehen von der akuten Brandbekämpfung, wie können wir Feuern in Deutschland vorbeugen?

Langfristig ist es wichtig, dass wir auf widerstandsfähigere Landschaften hinarbeiten, die extremen Wetterereignissen und Bränden standhalten können, indem wir uns auf die kommenden Herausforderungen einstellen.

Haben Sie hier konkrete Beispiele?

Ein Beispiel wäre, mehr dürreresistente Baumarten zu verwenden oder mehr Laubbäume aufzuforsten, um einen schattigeren, feuchteren und damit weniger entflammbaren Unterwuchs zu schaffen. Mischwälder sind deutlich resilienter gegenüber Waldbränden als beispielsweise reine Kieferbestände.

"Die deutschen Feuerwehren müssen noch in mehr spezialisierte Ausrüstung und Fahrzeuge investieren."
Brandexperte Lindon Pronto

Welche Vorbereitungsmaßnahmen können Einsatzkräfte treffen, um mögliche Brände zu bekämpfen?

Es ist absolut wichtig, dass im Bereich Waldbrandmanagement deutsche Einsatzkräfte Wissen und gängige Praxis von anderen lernen, die schon länger mit dieser Gefahr konfrontiert sind und mehr Erfahrungen haben. Da die praktische Erfahrung vielen fehlt, sollte man sich diese auch von außen durch internationale Austausche und Zusammenarbeit dazu holen.

Können wir also etwas von den Feuerwehren im Mittelmeerraum lernen?

Absolut. Wir sollten von unseren Nachbarn im Süden lernen – aber nicht unbedingt während einer gefährlichen Krise. Wir sollten Mechanismen für den Wissensaustausch über Brandbekämpfung einrichten, bevor ein großes Feuer ausbricht.

Der Waldbrandexperte Lindon Pronto ist Experte beim EFI.
Der Waldbrandexperte Lindon Pronto ist Experte beim EFI.
bild: privat

Worauf sollte man bei diesem Wissenstransfer achten?

Eins zu eins funktioniert nicht. Man muss sich an den deutschen Kontext anpassen. Was auch zu beachten ist, sind die regionalen Besonderheiten wie Wetter, Topografie, und so weiter – im Alpenraum oder Mittelgebirge gibt es beispielsweise unwegsame Gelände – hier muss man die Taktik anpassen und sich fragen: Wie lässt sich das Feuer bekämpfen, wenn kein Wasser in der Nähe vorhanden ist? Hier zum Beispiel können wir auf jeden Fall von anderen lernen.

Wo gibt es bei den Feuerwehren sonst Verbesserungsbedarf?

Wichtig wäre zum Beispiel, dass die Einsatzkräfte mit spezieller Schutzausrüstung und Werkzeugen vertraut sind. Auch müssen sie geübt und geschult sein, in der waldbrandspezifischen Kommunikation und Taktik. Die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren ist auch sehr wichtig.

Lindon Pronto steckt eine Wiese für eine Feuerbekämpfungsübung in Brand.
Lindon Pronto steckt eine Wiese für eine Feuerbekämpfungsübung in Brand.
bild: Lindon Pronto/ Maria Schloßmacher

Wie sind die deutschen Einsatzkräfte vorbereitet?

Insgesamt gesehen, noch nicht ausreichend. Es gibt Teile Deutschlands, wie zum Beispiel in Brandenburg, wo Feuerwehrleute Erfahrungen mit häufig auftretenden Bränden gesammelt haben. Aber es gibt noch viele Möglichkeiten, die Ausbildung, Ausrüstung und Ausstattung von Feuerwehren landesweit zu verbessern. In manchen Gebieten müssen Einsatzkräften noch in mehr spezialisierte Ausrüstung und geländegängiger Fahrzeuge investieren. Aber am allerwichtigsten ist ein grundlegendes Verständnis von Feuerverhalten und der sie beeinflussenden Faktoren. Leider fehlt dies immer noch in den Lehrplänen der meisten Feuerwehrleute.

Die deutschen Feuerwehren sind großteils freiwillig organisiert. Sehen Sie hier eine Herausforderung?

Es ist wichtig, dass die deutschen Feuerwehren auf andere Länder schauen, Wissen und Erfahrungen sammeln und verstehen, dass das freiwillige System, auf das wir uns so sehr verlassen, auch seine Schwächen hat. Es geht nicht nur um die Anzahl der Feuerwehrleute oder darum, wie schnell sie den Einsatzort erreichen. Es geht auch darum, dass sie sicher, effektiv, körperlich fit und gut ausgebildet sind, um diese kommende Herausforderung professionell zu meistern und dabei natürlich auch sich selbst schützen. Langfristig sehe ich die Professionalisierung der Feuerwehrleute in Bezug auf die Waldbrandbekämpfung als eine voraussichtliche Notwendigkeit. Je besser die Einsatzkräfte vorbereitet sind, umso sicherer wird der Einsatz für sie.

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