Am Heidenholz Kostenlose Corona-Tests jetzt auch an Autobahnen in Sachsen m

An einer Autobahn in Sachsen werden Reiserückkehrer auf Corona getestet. Bild: www.imago-images.de / Sylvio Dittrich

Interview

Epidemiologe erklärt, warum ein Ende der Rückkehrer-Tests fatal wäre

Die schöne Urlaubszeit ist vorbei und tausende Deutsche lassen sich derzeit an Flughäfen und Grenzübergängen auf Corona testen. Doch das soll in Zukunft nicht mehr so einfach möglich sein. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die kostenlosen Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten wieder einstellen und stattdessen eine vorerst fünftägige Quarantäne der Betroffenen verordnen. Über dieses Konzept werden die Gesundheitsminister der Länder am Donnerstag mit Kanzlerin Angela Merkel beraten.

Hintergrund dieses Umdenkens sind offenbar sowohl die Kosten als auch fehlenden Kapazitäten in Testlaboren. Doch ist es sinnvoll, die gerade erst eingeführten Tests wieder aufzugeben? Wir fragten bei Markus Scholz nach. Er ist Epidemiologe an der Uni Leipzig, betreibt mit seiner Arbeitsgruppe seit 15 Jahren Infektionsforschung und untersucht aktuell die Corona-Pandemie.

Von Spahns Vorschlag hält er nichts:

"Wenn man gar nichts tut, wäre mit neuen Ausbrüchen und neuen kollektiven Maßnahmen zu rechnen."

Watson: Was halten Sie von Spahns Vorschlag, Reiserückkehrer nicht mehr flächendeckend testen zu lassen?

Prof. Markus Scholz: Ich finde das ungünstig, da sich gezeigt hat, dass die Reiserückkehrer ein Risikokollektiv darstellen, mit teilweise höheren Positivraten als das inländische Testkollektiv.

Sind die Corona-Tests aus epidemiologischer Sicht denn generell zur Eindämmung von Covid-19 sinnvoll?

In einigen Regionen in Deutschland hatten wir über Wochen keine Fälle, sodass die Epidemie dort als eliminiert betrachtet werden konnte. Dementsprechend wurden die Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie weitgehend aufgehoben. Durch die Reiserückkehrer erfolgen nun aber wieder neue Einträge, die lokal zu Ausbrüchen führen können. Um die Lockerungen aufrechtzuerhalten, ist es wichtig, diese Einträge weitgehend zu unterbinden – eben durch das Testen dieses Risikokollektivs.

Generell ist es empfehlenswert, vor allem Risikogruppen zu testen, in denen das Virus verstärkt auftritt, um Infizierte frühzeitig zu isolieren. Weiterhin können Personen prophylaktisch getestet werden, die zum Beispiel mit gefährdeten Personen oder großen Personengruppen Kontakt haben, wie im Kranken- und Pflegebereich oder in JVAs. Auch das ist sinnvoll, um gefährdete Gruppen zu schützen, beziehungsweise um Ansteckungen vieler Personen zu vermeiden. Dieses prophylaktische Testen ließe sich eventuell noch auf den Bildungsbereich ausdehnen, um dort den Regelbetrieb weitgehend zu ermöglichen.

Warum wird dann trotzdem wieder von den Corona-Tests Abstand genommen?

Ich gehe davon aus, dass dies aus Kapazitätsgründen erfolgt. Inhaltlich lässt sich das nicht begründen. Alternativen wären zum Beispiel, dass man Reiserückkehrer pauschal in Quarantäne schickt. Hier ist aber nicht ganz klar, wie lange sie dort verbleiben müssen. Zudem wären dann sehr viele Personen (etwa 98 Prozent) unnötigerweise in Quarantäne. Eine andere Möglichkeit wäre, dass man nur Rückkehrer aus einigen Hochrisikoländern testet. Wenn man gar nichts tut, wäre mit neuen Ausbrüchen und neuen kollektiven Maßnahmen zu rechnen. Die genannten Alternativen wären deshalb meines Erachtens alle klar schlechter im Vergleich zu einer flächendeckenden Testung der Reiserückkehrer.

Wie verbreitet sich Covid-19 derzeit in der Bevölkerung, im Vergleich zum Frühjahr?

Die aktuellen Anstiege der gemeldeten Infektionen sind maßgeblich auf die Reiserückkehrer zurückzuführen, doch nicht nur. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich diese massiven Einträge von außen auf die Dynamik der Epidemie auswirken und ob die noch bestehenden Maßnahmen zur Eindämmung ausreichen. Diese Einträge führen auch dazu, dass das Infektionsgeschehen in praktisch jeder Region wieder intensiver werden kann. Weitere Risikofaktoren, die zu einer Verschärfung der Situation führen könnten, sind die Öffnungen der Schulen sowie der beginnende Herbst. Es ist bekannt, dass Coronaviren eine Saisonalität mit verstärkter Aktivität in den Herbst-/Wintermonaten aufweisen, die beispielsweise durch die Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume verursacht wird.

Wen müsste man denn sinnvollerweise auf Covid-19 testen, um die Verbreitung im Auge zu behalten?

Die aktuelle Teststrategie mit Fokus auf Risikogruppen und prophylaktischen Testungen klar definierter Personenkreise ist meines Erachtens sinnvoll. Ich plädiere dafür, die Reiserückkehrer weiterhin zu testen, um Neueinträge so weit wie möglich zu reduzieren und damit die Lockerungen aufrechterhalten zu können.

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