Ein Pflegevater zu werden, ist in vielen Fällen unkomplizierter als eine Adoption.
Ein Pflegevater zu werden, ist in vielen Fällen unkomplizierter als eine Adoption. Bild: iStockphoto / MaxRiesgo
Interview

Plötzlich Pflegevater: "Habe mich gefragt, ob sich die Nachbarn nicht wundern, warum ich auf einmal ein Kind habe"

26.05.2022, 10:5427.05.2022, 16:04

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann für viele Paare zur Belastungsprobe werden. Laut Pro Familia trifft dieses Schicksal fünf Prozent der Deutschen. Viele Paare denken bei einem unerfüllten Kinderwunsch erst einmal über eine Adoption nach, die oft aber nicht einfach ist.

Ein Familienmodell, das im öffentlichen Bewusstsein bisher kaum präsent ist, obwohl laut Statistischem Bundesamt mehr als 91.000 Kinder (Stand 2019) in ihm aufwachsen, ist die Pflegefamilie.

Pandemie verschärfte Lage für Kindeswohl
Alleine im Jahr 2020 gab es laut Statista insgesamt 45.444 Inobhutnahmen, rund 7.600 aufgrund von unbegleiteter Einreise. Gleichzeitig gab es in diesem Jahr 3.744 Adoptionen von Mädchen und Jungen, etwa jedes dritte Kind war dabei im Alter von zwei bis drei Jahren. Die Pandemie verschärft diese Lage nochmal: Im Jahr 2020 wurden von den Jugendämtern in Deutschland knapp 194.500 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls durchgeführt – der höchste jemals gemessene Wert.

Tobias Wilhelm kennt die Freuden und Herausforderungen von Pflegeeltern. Der Berliner ist selbst Pflegevater eines kleinen Sohns. Inspiriert von seinen Erfahrungen schreibt er in seinem neuen Buch "Sowas wie dein Papa: Leben mit Pflegekind" über den unerfüllten Kinderwunsch, bürokratische Belange und das Einleben in den neuen Familienalltag.

Wir haben ihn gefragt, wie man ein Pflegekind bei sich aufnehmen kann, was er selbst erlebt hat und welche Hürden es dabei gab.

Tobias Wilhelm ist selbst Pflegevater und hat ein Buch über das Thema geschrieben.
Tobias Wilhelm ist selbst Pflegevater und hat ein Buch über das Thema geschrieben.hanser verlag

watson: Wie kam es bei dir zu der Entscheidung, ein Pflegekind aufzunehmen?

Tobias Wilhelm: Meine damalige Freundin und ich wollten ein Kind und dieser Weg hat sich so ergeben. Oft ist die Motivation für die Aufnahme eines Pflegekindes der unerfüllten Kinderwunsch. Das nimmt glaube ich immer mehr zu. So auch in unserem Fall. Es gibt aber auch noch andere Gründe, wie zum Beispiel eine Verwandtenpflege: Also wenn zum Beispiel die Nichte oder der Neffe bei Tante und Onkel aufwächst. Und es gibt natürlich auch Pflegeeltern, die bereits leibliche Kinder haben.

Wie streng sind die die Kriterien an die Pflegeeltern, also wie schwierig ist es, ein Pflegekind zu bekommen? Bei Adoptivkindern ist das ja relativ schwierig.

Man wird individuell überprüft, das dauert circa neun Monate bis ein Jahr. Man hat dabei mehrere Gespräche und muss auch Gesundheitszeugnisse vorlegen. Aber der Hauptteil sind eigentlich Gespräche, in denen man die Motivation, das Kind aufzunehmen und die eigene Geschichte darlegt, damit die betreuende Sachbearbeiterin oder Familienberaterin einen besser kennenlernt und einschätzen kann, ob das passt. Es geht auch darum, dass man sich selber realistisch einschätzt.

Wie geht man dabei vor?

Man bekommt einen Fragebogen, wo man ankreuzt, was man sich als angehende Pflegeperson zutraut. Kinder bringen ja unterschiedlich schwere Rucksäcke mit, sage ich mal – je nach Schicksal. Und da sollte man sich überlegen: Bin ich zum Beispiel bereit dazu, für ein schwerbehindertes Kind meinen Job aufzugeben? Oder könnte ich damit umgehen, ein Kind mit einer sehr schwierigen Familiengeschichte aufzunehmen? Ansonsten sind die äußeren Zugangsbeschränkungen eigentlich sehr gering. Man kann auch als nicht deutscher Staatsbürger oder Staatsbürgerin ein Pflegekind aufnehmen, als queeres Elternteil oder als alleinerziehende Person. Da gibt es recht wenige Vorschriften.

"Ich finde, wenn das Jugendamt fordert, dass man Elternzeit nimmt, muss man auch Elterngeld bekommen."

Wie ist denn die finanzielle Unterstützung oder Belastung bei der Aufnahme eines Pflegekindes?

Man bekommt eine kleine Aufwandsentschädigung und der Unterhalt des Kindes wird übernommen. 50 Prozent des Kindergeldes darf man auch behalten. Ob das alles genug ist, sei mal dahingestellt, aber man bekommt jedenfalls Geld vom Jugendamt. Falls das Kind einen erhöhten Betreuungsbedarf hat, weil es zum Beispiel behindert ist, kann man einen erhöhten Satz ausbezahlt bekommen.

Das hört sich so an, als ob das Geld für die Kinderbetreeung nicht ausreichend ist...

Man kriegt die Elternzeit, da hat man einen Rechtsanspruch darauf. Aber das Elterngeld, das ja von der Familienkasse gezahlt wird und nicht vom Arbeitgeber, bekommt man tatsächlich nicht. Da ist die Argumentation, dass man nicht weiß, ob das Kind auch langfristig bei einem bleibt oder ob die leiblichen Eltern schon mal Elterngeld bekommen haben. Da wird sich so ein bisschen rausgeredet – es wird darauf vertraut, dass Pflegeeltern oder Pflegepersonen Rücklagen haben. Ich kenne auch eine Pflegemutter, die ist für ein Jahr auf Hartz IV gegangen, weil sie das nicht anders bestreiten konnte.

Wo kann ich mich zur Aufnahme eines Pflegekindes informieren?
Informationen gibt es beim lokalen Jugendamt oder bei Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Dort werden offizielle Infoabende zum Thema angeboten. Alternativ gibt es im Internet viele Pflegeelternforen oder Pflegeelternverbände mit Informationen.

Du klingst etwas aufgebracht. Findest du also, der Staat sollte mehr leisten?

Das ist eines der Dinge, die ich nicht verstehe, weil der Staat mit der Unterbringung bei Pflegefamilien sehr viel Geld spart im Vergleich zu einer Heimunterbringung. Und ich finde, wenn das Jugendamt fordert, dass man Elternzeit nimmt, muss man auch Elterngeld bekommen. Es ist ja total sinnvoll, sich eine Pause vom Beruf zu nehmen, damit das Kind gut ankommen kann und man sich in die Elternrolle einfindet. Wenn man viel argumentiert, kann man auch mal erreichen, dass das Jugendamt ein paar Monate einen erhöhten Satz bezahlt. Aber das muss man wissen und auch die Energie haben, um sich das zu erkämpfen. Wir wussten zum Beispiel nicht, dass es die Möglichkeit überhaupt gibt. Das hat uns niemand gesagt.

Abgesehen von der finanziellen Unterstützung: Wie steht es denn mit emotionalem oder fachlichem Support?

Das wird unterschiedlich gelöst. In Berlin gibt es Bezirksjugendämter, die diese Beratung und Betreuung von Pflegefamilien an Beratungsstellen übertragen, weil sie es personell nicht selbst leisten wollen oder können. Andere Ämter begleiten die Familien selbst. Wir werden beispielsweise von einer Familienberaterin betreut. Wenn wir Fragen haben, können wir die anrufen und sie kommt einmal im Jahr zum Hausbesuch vorbei. In anderen Fällen macht das auch das Jugendamt selber. Das läuft in vielen Fällen auch sehr gut...

...und in den anderen Fällen?

Es gibt auch Fälle, wo die Bedürfnisse des Jugendamtes im Vordergrund stehen, also die Pflegeeltern zum Beispiel eine Therapie nicht bewilligt bekommen, weil das Amt sagt, es ist ihnen zu teuer. Oder es kommt vor, dass man rechtlich falsch beraten wird. Welche Qualität die Beratung hat, kommt sehr auf das zuständige Amt und die direkte Sachberatung an. Während der Recherche zum Buch habe ich Dinge gehört, da greift man sich einfach an den Kopf.

"Das Amt ist rechtlich gesehen in einer starken Position, die Pflegeeltern haben hingegen kaum Rechte, obwohl sie die primären Bezugspersonen des Kindes sind."

Welche Geschichten denn beispielsweise?

Im Buch beschreibe ich das Ungleichgewicht zwischen Jugendamt und Pflegefamilie. Das Amt ist rechtlich gesehen in einer starken Position, die Pflegeeltern haben hingegen kaum Rechte, obwohl sie die primären Bezugspersonen des Kindes sind.

Pflegekinder können Säuglinge sein, aber auch ältere Kinder.
Pflegekinder können Säuglinge sein, aber auch ältere Kinder.Bild: dpa-tmn / Christin Klose

Wie war denn so die Reise bei euch hin zu einer Familie? Und wie lange hat es gedauert, bis man das Gefühl hatte, man ist jetzt zusammengewachsen?

Das hat schon gebraucht. Ich war zu Hause in Elternzeit, habe das Ankommen größtenteils gestaltet. Am Anfang ist es natürlich sehr speziell von jetzt auf gleich mit einem Kleinkind Zeit zu verbringen, weil die sind natürlich lebhafter als Babys und können schon laufen und sprechen. Ich habe mich immer gefragt, ob sich jetzt nicht die Nachbarn und Nachbarinnen wundern, warum ich jetzt plötzlich so ein großes Kind habe. Und bei Kindern in diesem Alter muss man ja auch öfter mal "Nein!" sagen und sie begrenzen. Da gab es schon eine gewisse Verunsicherung. Ich habe mich dann Schritt für Schritt in diese Rolle eingefunden.

"Sobald man aus der vermeintlichen Norm fällt, ist man schnell mit übergriffigem Verhalten konfrontiert."

Und wie ist diese erste Phase bei den Kindern?

In dieser Anfangszeit sind die Kinder in der Regel sehr angepasst, die checken ganz genau aus: Welche Regeln gibt es hier, wie läuft das alles? Was wird von mir erwartet? Bis sie ein Grundvertrauen gefasst haben, dauert es unterschiedlich lange. Ich glaube, bei uns war das so ein halbes Jahr. Dann zeigen sie mehr und mehr auch ihre Verunsicherung und ihre Ängste. Oder es kommen Sachen von früher hoch, die nicht so schön waren. Also biografische Erlebnisse, die sie wieder einholen. Das ist meistens die erste große Krise, aber das ist zeitlich begrenzt. Man nennt das Regression. Und wenn das geschafft ist, bindet sich das Kind dann meistens gut an die Pflegeeltern.

Du hast schon erwähnt, deine Nachbarn könnten sich wundern, dass du plötzlich ein Kind hast. Gab es viele aufdringliche Fragen?

Was mich schon gewundert hat, waren die Fragen von Leuten, die ich nicht gut kannte. Da kamen gleich Dinge wie: Warum ein Pflegekind? Meine Antwort war ganz einfach: Kinderwunsch. Aber die Fragerei ging dann immer weiter und die betreffenden Personen verstanden nicht, dass sie gerade eine Grenze überschreiten. Da fehlt das Verständnis dafür, dass das Thema unerfüllter Kinderwunsch sehr intim ist. Andere fragten gleich, ob das Kind behindert ist oder geschlagen worden sei. Auch hier fehlt eine gewisse Sensibilität. Meinen Freunden erzähle ich das alles ja gerne, aber nicht Personen, die ich seit einer halben Stunde kenne. Sobald man aus der vermeintlichen Norm fällt, ist man schnell mit übergriffigem Verhalten dieser Art konfrontiert.

In deinem Buch hast du beschrieben, dass Jähzorn ein Problem war. Ist das so eine klassische Herausforderung, die bei einem Pflegekind auftreten kann?

Man kann davon ausgehen, dass die meisten Kinder keine optimalen Startbedingungen hatten. Kleine Kinder können selber noch nicht ihre Gefühle regulieren und sind darauf angewiesen, dass die Eltern spiegeln, was sie brauchen. Okay, es schreit, es hat Hunger. Dann gebe ich dem Baby den Brei oder die Milch. Oder es schreit, denn es ist frustriert, also muss ich es beruhigen. Diese Koregulation hat bei vielen Pflegekindern nicht so richtig funktioniert, weil die leiblichen Eltern selbst große Probleme hatten und keine Energie dafür aufbringen konnten. Deshalb ist es ein klassisches Thema, dass man bei dieser Regulation von Gefühlen viel nacharbeiten muss.

Viele Pflegekinder waren bereits in mehreren Pflegefamilien.
Viele Pflegekinder waren bereits in mehreren Pflegefamilien.Bild: iStockphoto / ronstik

Welche Folgen hat so eine Erfahrung für Kinder?

Das hinterlässt natürlich Spuren. Bei manchen Kindern kommen dann noch Vernachlässigung, körperliche Gewalt oder Missbrauch dazu. Wie sich traumatische Erfahrungen oder Traumata äußern, ist natürlich sehr unterschiedlich. Ich würde behaupten, dass viele Pflegekinder schon zu Wutausbrüchen neigen. Zumindest höre ich das oft von anderen Pflegeeltern und mir selbst ist es auch bekannt. Aber es gibt genauso Kinder, die ihre Wut gegen sich selbst richten oder sie in sich hineinfressen.

Weil das ja bei dir im Buch vorkommt und genau davor auch viele Pflegefamilien Angst haben: Wie häufig kommt es vor, dass die leiblichen Eltern das Kind wieder zurückfordern?

Dieser Fall im Buch hat nichts mit unserer eigenen Geschichte zu tun. Das ist bei uns sehr entspannt. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den leiblichen Eltern und werden auch sehr wertgeschätzt als Pflegepersonen. Das ist wohl auch ein bisschen Glück. Aber den Fall gibt es schon häufig, dass die leiblichen Eltern sich mit dieser Unterbringung schwer tun. Aus nachvollziehbaren Gründen, wie ich finde. Sie haben das Gefühl, dass das Kind bei ihnen immer noch besser aufgehoben wäre. Und dann ist die Frage: Wie positioniert sich das Jugendamt dazu? Aber die Pflegeeltern haben in jedem Fall das Recht, diesem Rückführungsbegehren nicht stattzugeben, sondern zu sagen: Okay, ich nehme das zur Kenntnis, aber ich sehe das anders.

Und wie geht es dann weiter?

Die Pflegeeltern können vors Familiengericht gehen und erstmal eine Verbleibensanordnung erwirken. Das ist ein Schutz für das Kind, damit es nicht sofort rausgenommen wird. Dann beginnt ein familienrechtliches Verfahren, in der Regel werden Gutachter*innen eingesetzt, die sich ein umfassendes Bild machen und das bei dem Gerichtsverfahren wiedergeben. Und man kann schon davon ausgehen, dass die Verwurzelung des Kindes bei der Entscheidung im Vordergrund steht und weniger die Bedürfnisse der leiblichen Eltern. Wenn ein Pflegekind bereits eine gewisse Zeit bei der Familie lebt und dort gut aufgehoben ist, sind die Hürden für eine Herausnahme recht hoch. Inzwischen steht das Kindeswohl im Vordergrund. Auch wenn man als Pflegeeltern allgemein nicht so viele Rechte hat: Ein Kind hat das Recht auf eine gute Entwicklung. Es ist kein Gegenstand, der einfach so hin- und hergeschoben werden kann.

"Vor gewalttätigen Eltern muss man Kinder aber in jedem Fall schützen."

Also ist das bei euch jetzt keine permanente Angst im Hintergrund?

Nein. Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt – man könnte sich wehren. Und ich wäre da sehr, sehr optimistisch, dass der Verbleib angeordnet werden würde. Ich kenne auch Pflegepersonen, die das schon gemeistert haben. Kritisch ist es nur, wenn dieses Rückführungsbegehren recht früh passiert, also sagen wir mal nach drei oder vier Monaten. Je nach Alter des Kindes kann auch zu diesem Zeitpunkt bereits von einer Verwurzelung ausgegangen werden. Bei Babys zum Beispiel. Bei älteren Kindern ist es bei einer so kurzen Dauer aber schwer mit Verwurzelung zu argumentieren.

Dürfen die leiblichen Eltern das Kind denn weiterhin sehen?

Wenn die leiblichen Eltern kein dezidiert schlechter Einfluss auf das Kind sind, ist das sogar gewünscht und gewollt. Ganz klassisch ist das einmal im Monat für eine oder zwei Stunden. Es gibt auch Kontakte, die häufiger vorkommen oder Lösungen, wo das – in der Regel – ältere Kind mal ein Wochenende bei den leiblichen Eltern ist. Dazu gibt es auch verschiedene Meinungen, was sinnvoll ist. Meiner Meinung nach ist das eine super Sache, wenn die leiblichen Eltern auch am Kindeswohl interessiert sind und einen empathischen Umgang mit dem Kind haben. Schwierig wird es dann, wenn die leiblichen Eltern versuchen, das Kind gegen die Pflegeeltern auszuspielen oder nicht angemessen mit ihm umgehen. Vor gewalttätigen Eltern muss man Kinder aber in jedem Fall schützen, finde ich. Der Kontakt könnte zu einer Retraumatisierung führen.

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