Mädchen werden aktuell häufiger geschlechtsneutral erzogen als Jungs, sagt Doktorandin Katharina Heisig vom ifo-Institut Dresden.
Mädchen werden aktuell häufiger geschlechtsneutral erzogen als Jungs, sagt Doktorandin Katharina Heisig vom ifo-Institut Dresden.Bild: iStockphoto / fotokostic
Frauentag

Experten erklären: Wie Gleichberechtigung in der Erziehung gefördert wird

11.03.2022, 18:0811.03.2022, 18:10

"Sei ein starker Junge", "Du bist eine hübsche Prinzessin" oder "Jungs weinen nicht". Das sind wohl ganz traditionelle Leitsätze, die Eltern, Großeltern oder andere Familienangehörige kleinen Kindern gegenüber jahrelang gesagt haben und teilweise noch immer sagen.

Mittlerweile ist allerdings klar: Sätze wie diese beeinflussen schon sehr früh im Leben die Entwicklung eines Menschen. Mädchen bekommen vorgegaukelt, dass sie schön, vornehm und zurückhaltend sein müssen. Jungen sollen stark und durchsetzungsfähig sein.

Geschlechtsspezifische Erziehung birgt Nachteile für Kinder

Diese Leitsätze sind Teil einer Erziehung, die in der Forschung als "geschlechtsspezifisch" bezeichnet wird. Dazu gehört auch, dass Eltern ihren Kindern Spielzeuge geben, die für das Geschlecht des Kindes als "traditionell" gelten: Jungs spielen mit Spielzeugwaffen, Mädchen mit Barbie-Puppen.

Die Forschung hat mittlerweile festgestellt, dass Kinder durch diese geschlechtsspezifische Erziehung ungleich behandelt werden. Später hat das Auswirkungen auf die Berufswahl, Karrierechancen und Einkommen. Die Folge: Frauen setzen sich noch immer seltener durch, wenn es um Führungspositionen geht und werden in traditionell konservativ geprägten Kreisen als "schwaches Geschlecht" gesehen.

Wie können solche Strukturen schon durch die Erziehung aufgebrochen werden? Welche Rolle kann Erziehung einnehmen, damit sich Mädchen und Jungs zu gleichberechtigten Menschen in der Gesellschaft entwickeln? Und was wird in der Erziehung noch falsch gemacht?

"Es ist gut, wenn Jungs weinen, wenn etwas weh tut oder wenn sie traurig sind!"
Pädagoge Reinhard Winter gegenüber watson

Ein Konzept, das im Gegensatz zur geschlechtsspezifischen Erziehung steht, ist die geschlechtsneutrale Erziehung. Katharina Heisig, Doktorandin am Dresdener ifo-Institut forscht dazu und erklärt die Idee gegenüber watson so: "Im Grunde heißt geschlechtsneutrale Erziehung, dass Kinder so erzogen werden, dass das Geschlecht nicht extrem durch geschlechtstypische Spielzeuge oder Sprache betont wird."

Heißt im Umkehrschluss, dass extrem geschlechtsbetonende Spielzeuge vermieden werden sollen. "Das Ziel ist es, dass Mädchen und Jungen relativ gleich erzogen werden, um damit zu verhindern, dass der Fokus nur auf geschlechterstereotypischen Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen liegt", erklärt Heisig.

Katharina Heisig ist Doktorandin am Dresdener ifo-Institut.
Katharina Heisig ist Doktorandin am Dresdener ifo-Institut.Bild: Privat

Neben den extrem geschlechtsbetonenden Spielsachen, gibt es aber auch Spielzeuge, die in der geschlechtsneutralen Erziehung mit eingebunden werden können.

"Fußball zählt als leicht geschlechtsspezifisch und fügt sich daher durchaus in geschlechtsneutrale Konzepte ein. Das gleiche gilt für Puppen, besonders die, die relativ neutral oder nur leicht geschlechtsspezifisch sind und keine unrealistischen Bilder vermitteln." Diese unrealistischen Bilder würden beispielsweise durch Barbie-Puppen vermittelt. Dadurch werde ein falsches Weiblichkeitsbild dargestellt.

Geschlechtsneutral oft missverstanden

In der deutschen Gesellschaft ist die geschlechtsspezifische Erziehung noch vorwiegend. Laut Heisig liege das auch daran, dass es oft Missverständnisse um den Begriff "geschlechtsneutral" gebe. "Weil es so verstanden wird, dass es gar kein Geschlecht mehr geben soll. Das ist allerdings falsch. Vielmehr sollen die Seiten eines Kindes unterstützt werden, die bei einer geschlechtsspezifischen Erziehung von der Gesellschaft vernachlässigt werden", erklärt Heisig.

Auf sprachlicher Ebene würde das laut der Doktorandin bedeuten, dass Mädchen öfter gesagt werden müsse, dass auch sie unabhängig seien. Gleichzeitig dürfe man Jungen als hübsch bezeichnen und ihnen zugestehen, in der Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen.

Ähnlich sieht es auch Reinhard Winter. Er ist Pädagoge und hat sich auf die Arbeit mit Jungen und Männern spezialisiert. Er kritisiert Sätze wie: "Der Mann verdient Geld, um die Familie zu ernähren" oder "sei ein braves Mädchen".

Oft kämen solche Aussagen von den Großeltern, aber auch "reflektierte Menschen nutzen sie unbewusst". Wichtig sei, dass man solche Sätze sofort zurücknehme, rigoros einschreite und beispielsweise klarstellen müsse: "Es ist gut, wenn Jungs weinen, wenn etwas weh tut oder wenn sie traurig sind!"

Reinhard Winter ist Pädagoge und forscht und arbeitet in Arbeit mit Jungen und Männern.
Reinhard Winter ist Pädagoge und forscht und arbeitet in Arbeit mit Jungen und Männern.null / Gudrun de Maddalena

Bildungsentwicklung fördern und sexuelle Gewalt verringern

Laut Heisig ist die Forschung zur geschlechtsneutralen Erziehung zwar noch jung und ausbaufähig, dennoch gebe es Indizien, die positive Folgen erahnen lassen: "Die wenigen Studien, die es dazu gibt, haben herausgefunden, dass Kinder dadurch offener gegenüber Kindern des anderen Geschlechts, aber auch gegenüber anderen Gruppen sind." Außerdem gebe es die Hoffnung, dass die Kinder im Erwachsenenalter offener gegenüber Freizeitaktivitäten, Bildung, Berufswahl oder Familienkonstellationen seien.

Die traditionell geschlechtsspezifische Erziehung kommt vor allem Jungen entgegen. Sie entwickeln sich besonders in den Naturwissenschaften und Mathematik besser. Durch geschlechterneutrale Erziehung würde laut Heisig auch die Förderung der "sprachlichen Bereiche" in den Fokus rücken.

Denn noch immer zeigen Studien, dass Jungen beim Lesen schwächer sind als Mädchen. Außerdem würde Verständnis, Fürsorge und Toleranz gefördert werden, erklärt Heisig die Vorteile für Jungen. Diese Effekte können dann auch im Erwachsenenalter für mehr Akzeptanz gegenüber Frauen sorgen.

"Durch geschlechtsneutrale Erziehung kann bei Mädchen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt werden."
Katharina Heisig über Vorteile von geschlechtsneutraler Erziehung für Mädchen

Das wiederum könne auch dazu beitragen, dass sexuelle Gewalt, die meistens von Männern ausgeht, verringert werden könnte. Heisig erklärt: "Es gibt Forschung, die zeigt, dass es in geschlechtergerechteren Gesellschaften weniger sexuelle Gewalt gibt." Die Idee also: Wenn Kinder insgesamt mit einem größeren Bewusstsein für Gleichberechtigung aufgezogen werden, sinkt auch die Anzahl der sexualisierten Gewalttaten.

Bei Mädchen könnte hingegen durch geschlechtsneutrale Erziehung das "Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt werden. Auf Naturwissenschaften und Mathematik würde der Fokus mehr gerückt." Das hätte laut Heisig auch zur Folge, dass Mädchen durchsetzungsstärker werden und langfristig mehr Frauen in Führungsetagen kommen würden.

Mädchen werden derzeit häufiger geschlechtsneutral erzogen als Jungen

Aktuell gibt es bereits Untersuchungen, die Hinweise darauf geben, dass Eltern ihre Töchter schon oft geschlechtsneutral erziehen und in eher männlichen Sektoren gefördert werden. Junge Mädchen werden dadurch selbstbewusster. Die Dresdner Doktorandin kritisiert aber auch: "Bei Jungs ist das anders. Da ist das Konzept der geschlechtsneutralen Erziehung noch relativ neu." Das liege vor allem daran, dass das aktuelle Bild von Männlichkeit oft als etwas angesehen werde, das es zu erreichen gelte und was nicht verändert werden sollte. Es beinhalte, dass Männer Stärke zeigen, angstlos sind und Durchsetzungsvermögen besitzen.

Dazu erklärt Heisig, dass es in der Gesellschaft weniger gewünscht sei, die neutrale Erziehung bei Jungen anzuwenden. Es würde beispielsweise bedeuten, "dass der Sohn auch in der Öffentlichkeit weinen und Gefühle zeigen dürfte." Das sorgt vielerorts noch für Unverständnis. Gleichzeitig stellt sie fest, dass sich die Erziehung auch bei Jungen verändert hat und sich das traditionelle Männerbild zu einem weicheren entwickle. Trotzdem würde immer noch regelmäßig verhindert werden, dass Jungen traditionell weibliche Hobbys ausüben. Der Prozesse gehe nur sehr langsam voran.

Dennoch sehen sowohl Heisig als auch Pädagoge Winter Gründe, weshalb eine geschlechtsneutrale Erziehung zu Problemen führen könnte. Winter betont eine hemmende Wirkung der Gesellschaft: "Die Gesellschaft kommt nicht aus dem Geschlechterdenken heraus und das wissen schon die Kinder."

"Wenn die Mutter gleichberechtigt zum Vater auftritt, nehmen auch die Kinder das wahr."
Pädagoge Reinhard Winter über die Rolle der Eltern während der Erziehung

Sehr ähnlich sieht es auch Heisig. Ihrer Meinung nach, müsste die geschlechtsneutrale Erziehung breiter in der Gesellschaft durchgeführt und anerkannt werden. Sonst könnte sie sogar negative Folgen haben: "Eine geschlechtsneutrale Erziehung, die das Kind in eine stark geschlechtsspezifische Gesellschaft schickt, könnte für das Kind zu Schwierigkeiten führen."

Als Beispiel ist hier ein Junge zu nennen, der im Kindergarten mit neutralen Puppen spielt. In dieser Einrichtung könnte dieses Verhalten anerkannt und akzeptiert sein. Wenn das Kind dann aber an eine geschlechtsspezifisch geprägte Schule geht, könnte er dort ausgegrenzt und gemobbt werden. Ähnliche Beispiele könnten sich auch in anderen Lebensabschnitten finden.

Rolle der Eltern als wichtiger Einfluss auf die kindliche Prägung

Winter, der auch ein Buch zu Jungen in der Pubertät geschrieben hat, gibt auch einen weiteren Punkt an, der für eine gleichberechtigte Erziehung enorm wichtig sei: die Eltern. Von ihnen schauen sich die Kinder viel ab. Eine Basis für das Grundverständnis vom Zusammenleben von Frau und Mann wird gelegt. Winter erklärt: "Wenn die Mutter gleichberechtigt zum Vater auftritt, nehmen auch die Kinder das wahr."

Das Buch, dass Winter über den Umgang mit Jungen in der Pubertät geschrieben hat.
Das Buch, das Winter über den Umgang mit Jungen in der Pubertät geschrieben hat.

Gleichzeitig sind für ihn auch starke Frauen in der Öffentlichkeit ein wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung: "Die Amtszeit von Angela Merkel war enorm wirksam und hat einer ganzen Generation gezeigt, dass Mädchen auch Staatsführerinnen sein können." Merkel war von 2005 bis 2021 deutsche Bundeskanzlerin.

Ähnlich sieht es Heisig, die allerdings betont, dass bekannte Frauen auch schädlich sein können. Ein Beispiel liefere die Fernseh-Sendung "Germany's Next Topmodel". Sie habe "keinen positiven Einfluss" auf die Entwicklung von Mädchen oder junge Frauen.

Winter ergänzt dazu, dass solche Formate für eine gleichberechtigte Erziehung "absolut kontraproduktiv" seien – und zwar in doppelter Hinsicht. "Germany's Next Topmodel idealisiert das Aussehen und suggeriert, dass eine Frau erfolgreich ist, wenn sie mager und gestylt ist." Das sei einerseits schädlich für die Entwicklung von jungen Mädchen. Andererseits aber auch für Jungen. "Sie bekommen ein falsches Frauenbild vermittelt, das nur auf Äußerlichkeiten beruht", ist sich Winter sicher.

Frauenquote als wichtiges Instrument zur Förderung der Gleichberechtigung

Eine Sache, die laut den beiden Experten einen positiven Effekt auf die Gleichberechtigung haben könnte, ist eine Frauenquote. Dadurch würde die Sichtbarkeit von Frauen in wichtigen Positionen zunehmen. "Auch Kinder bekommen schon mit, wenn etwas Wichtiges in den Nachrichten passiert. Wenn dann nur Männer zu sehen sind, ist das nicht förderlich", erklärt Heisig.

Allerdings müsse die langfristige Zielsetzung sein, dass eine Frauenquote gar nicht benötigt wird, sondern die Gesellschaft aus sich heraus wichtige Positionen nahezu gleichberechtigt besetzt.

Dazu muss ein Grundstein bereits im Kindesalter gelegt werden. Treffend fasst Heisig zusammen: "Wir können nicht erst versuchen, die Strukturen im Erwachsenenleben zu beeinflussen, wenn die Entwicklung von Persönlichkeit eigentlich schon mit der Geburt eines Kindes anfängt."

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