Leben
A man prepares to be tested at a coronavirus disease (COVID-19) drive-in testing location in Houston, Texas, U.S., August 18, 2020.   REUTERS/Adrees Latif

Ein Mann vor einem Coronavirus-Test in Houston im US-Bundesstaat Texas. Bild: reuters / ADREES LATIF

Interview

Epidemiologe Timo Ulrichs: "Bin optimistisch, dass wir bald mehrere Impfstoffe haben"

Die Ansteckungen mit dem Coronavirus nehmen wieder deutlich zu, in Deutschlands Nachbarland Frankreich sogar drastisch. In Israel droht ein zweiter vollständiger Lockdown, die tschechische Hauptstadt Prag wurde zum Risikogebiet erklärt.

Was bedeutet dieser erneute Anstieg? Und was sollte in Deutschland getan werden, um in Zeiten der Pandemie gut durch Herbst und Winter zu kommen? Wir haben darüber mit Timo Ulrichs gesprochen, Epidemiologe an der Akkon-Hochschule Berlin.

"Wir sollten uns Gedanken machen, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um gleich dem Beginn einer exponentiellen Steigerung der Neuinfiziertenzahlen vorzubeugen."

watson: In Frankreich wurden binnen 24 Stunden 10.000 Neuinfektionen mit dem Virus verzeichnet. Welche Maßnahmen sollte das Land nun ergreifen?

Timo Ulrichs: Am besten die Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen zielgerichtet zurücknehmen. Eine generelle Maskenpflicht im öffentlichen Raum ist zum Beispiel eine gute Maßnahme. Ein genereller Lockdown sollte vermieden werden.

Welche Konsequenzen könnte der Anstieg für das Nachbarland Deutschland haben?

Wie wir ja gelernt haben, gehören Grenzschließungen nicht dazu. Aber wir sollten uns Gedanken machen, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um gleich dem Beginn einer exponentiellen Steigerung der Neuinfiziertenzahlen vorzubeugen. Eine gute Maßnahme wäre das vorsorgliche Absagen von Großveranstaltungen beziehungsweise strikte Obergrenzen bei privaten und öffentlichen Feiern.

Ist es möglich, dass das deutsche Gesundheitssystem dem französischen zur Hilfe eilt und beispielsweise erneut Corona-Patienten aus Frankreich in Krankenhäusern hierzulande aufnimmt?

Das ist sehr gut möglich. Alle Kapazitäten wären vorhanden.

"Eine zweite Welle wird im Herbst oder Winter wahrscheinlicher, deshalb sollten wir noch einmal alle Anstrengungen unternehmen, gut durch diese Zeit zu kommen, bis wir zum Jahreswechsel oder im Frühling 2021 einen schützenden Impfstoff haben werden."

Warum gibt es denn einen solch starken Anstieg der Fälle in Ländern wie Frankreich oder Spanien?

Die im Sommer schwelende Virusausbreitung war in Spanien und Frankreich höher als bei uns, deshalb konnten mehrere zeitgleiche Ausbrüche leichter eine kritische Grenze überschreiten, über der die Nachverfolgung und Eindämmung schwierig wird, weil die Ausbrüche ineinandergreifen oder miteinander verschmelzen.

Ist Deutschland Ihrer Ansicht nach gut auf einen möglichen Anstieg der Fallzahlen vorbereitet?

Wir sind gut vorbereitet und müssen uns vergegenwärtigen, dass auch bei uns flexibel Hygienemaßnahmen angepasst werden könnten. Eine zweite Welle wird im Herbst oder Winter wahrscheinlicher, deshalb sollten wir noch einmal alle Anstrengungen unternehmen, gut durch diese Zeit zu kommen, bis wir zum Jahreswechsel oder im Frühling 2021 einen schützenden Impfstoff haben werden.

"Ich bin optimistisch, dass wir zu Beginn des neuen Jahres nicht nur einen, sondern gleich mehrere schützende Impfstoffe zur Verfügung haben werden."

Was kann die Bevölkerung vor allem im Herbst und Winter tun, um sich vor einer Ansteckung zu schützen?

Weiterhin diszipliniert alle Hygieneregeln einhalten, Menschenansammlungen nach Möglichkeit meiden, auf Feiern weitestgehend verzichten oder diese auf das nächste Jahr verschieben. Und rücksichtsvoll sein in Situationen, in denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

Für wie realistisch halten Sie es, dass bald ein Impfstoff auf den deutschen Markt kommt?

Ich bin optimistisch, dass wir zu Beginn des neuen Jahres nicht nur einen, sondern gleich mehrere schützende Impfstoffe zur Verfügung haben werden. Die Beendigung der Pandemie im eigenen Land wird dann davon abhängen, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen, und global gesehen, dass wir diese Impfstoffe auch ärmeren Ländern zur Verfügung stellen.

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