Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur vom Geldratgeber "Finanztip" und Experte dafür, wie Verbraucher:innen Geld sparen können.
Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur vom Geldratgeber "Finanztip" und Experte dafür, wie Verbraucher:innen Geld sparen können.Bild: imago stock&people / STAR-MEDIA
Interview

Finanzexperte Tenhagen über Strompreise: "Ich würde augenblicklich keinen Anbieterwechsel machen"

06.09.2022, 08:5706.09.2022, 09:25

Nicht nur die Preise für Gas, auch die Strompreise in Deutschland explodieren. Denn ein Anteil des Stroms wird auch durch Gas gewonnen – das seit Putins Lieferstopp Mangelware ist.

Watson hat mit Hermann-Josef Tenhagen, dem Chefredakteur vom Geldratgeber "Finanztip" über die hohen Strompreise gesprochen und wie man jetzt den besten Anbieter findet.

watson: Herr Tenhagen, sollte man angesichts hoher Strombeiträge seinen Anbieter wechseln oder eher warten?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich würde augenblicklich keinen Anbieterwechsel machen, wenn ich nicht eine Erhöhung bekomme. Denn zurzeit ist die Tendenz so, dass die Preise eigentlich eher nach oben gehen. Meistens ist mein bisheriger Vertrag günstiger.

Also lieber beim alten Stromanbieter ausharren, auch wenn er hohe Beiträge hat?

Es gibt zwei Sorten von Verträgen. Die meisten Leute haben womöglich noch einen Vertrag in der Grundversorgung, die gehen im Augenblick auch nicht woanders hin, weil sie woanders vielleicht die Garantie für zwölf Monate kriegen, aber zu einem teureren Preis. Und diejenigen, deren Preisgarantie nach zwölf Monaten ausläuft, bekommen zurzeit meistens von ihrem Anbieter ein Angebot mit einer neuen Garantie für die nächsten zwölf, vielleicht auch 24 Monate. Das ist dann deutlich teurer. Und das ist eigentlich der Moment, in dem ich frage: Ist dieses Angebot von meinem bisherigen Anbieter eigentlich gut?

"Meistens ist mein bisheriger Vertrag günstiger."

Und wenn ich wechsle: Wie finde ich einen günstigen, neuen Stromanbieter?

Da gehe ich zum Beispiel auf unsere Finanztip-Seite. Wir haben einen Rechner, der die Daten von Check24 und Verivox zusammenführt. Wenn Sie jetzt auf die Status-Möglichkeit "regelmäßig wechseln" gehen – denn Sie werden in der näheren Zukunft häufiger wechseln müssen – schauen Sie, ob es ein günstiges Angebot gibt. Also eins, das günstiger ist als das, was Ihr bisheriger Anbieter Ihnen vorstellt. Das ist eine gute Möglichkeit.

Sie haben erwähnt, dass der Grundversorger aktuell sogar billiger sein könnte: Wäre es eine Lösung, einfach in die Grundversorgung zu wechseln?

Das Zweite, was Sie in jedem Fall tun, ist: Sie fragen Ihren Grundversorger, welchen Preis er nimmt und schauen, ob das vielleicht günstiger ist. Wichtiger Hinweis dabei: Bei vielen Stromversorgern bekommen Sie Jahresverträge, vielleicht auch Zweijahresverträge angeboten. Da haben Sie eine Preisgarantie für dieses Jahr, meistens nur für den Bestand außerhalb von Steuer oder solchen Umlagen. Aber das ist ja erst mal eine Garantie, die da ist. In der Grundversorgung haben sie diese Preisgarantie nicht. Der Grundversorger kann jederzeit, wenn es notwendig ist, seine Preise erhöhen. Gleichzeitig ist seine Aufgabe ja auch, zu garantieren, dass Sie nie ohne Strom dastehen. Das ist die Idee des Grundversorgers.

Also macht eine Preisgarantie Sinn, oder kann das nach hinten losgehen?

Wenn man einen günstigen Festpreis kriegt, macht das durchaus Sinn. Wenn der Grundversorger preiswerter ist, würde ich im Augenblick den Grundversorger wählen, denn es ist nicht nur so, dass der jederzeit die Preise mit einem gewissen Vorlauf erhöhen kann. Sie können mit einem gewissen Vorlauf auch jederzeit gehen. Das heißt, Sie haben dann, wenn sich der Markt aus irgendwelchen Gründen beruhigen sollte und im nächsten Frühjahr die Strompreise ein Drittel niedriger sein sollten als jetzt, auch die Möglichkeit, zu gehen. Von daher sind Sie in der Grundversorgung auf jeden Fall vernünftig aufgehoben. Und den Anbieter für die zwölf Monate nehmen Sie nur, wenn der deutlich preiswerter ist.

Bei den hohen Strompreisen ist zusätzliches Licht ein Luxus.
Bei den hohen Strompreisen ist zusätzliches Licht ein Luxus. Bild: iStockphoto / Maria Korneeva
"Die Stromanbieter könnten sechseinhalb Prozent billiger sein pro Kilowattstunde – einfach so. Was sie natürlich meistens nicht geworden sind."

Erwarten Sie, dass die Strompreise im Frühjahr wieder billiger werden?

Ich habe keine Glaskugel, aber ich erwarte, dass es im Winter noch mal schwierig wird. Denn erstens werden wir alle mehr Strom und weniger Gas nutzen und das hat an verschiedenen Stellen natürlich eine Auswirkung auf den Verbrauch. Dann gibt es exakt diese Anforderungen auf dem Strommarkt insgesamt, weil auch aus Frankreich und anderen Nachbarländern womöglich noch mehr Strom gebraucht wird. Von daher würde ich nicht davon ausgehen, dass es in den nächsten Monaten deutlich preiswerter wird. In diesem Jahr hat der Staat ja schon sechseinhalb Cent für jede Kilowattstunde an EEG-Umlage herausgenommen. Das heißt, die Stromanbieter könnten sechseinhalb Cent billiger sein pro Kilowattstunde – einfach so. Was sie meistens nicht geworden sind.

Heißt das, dass die Energieanbieter mit dieser politischen Maßnahme mehr Gewinn machen und bei den Bürger:innen nichts ankommt?

Einen Teil des Stroms bekommen die Anbieter über langfristige Verträge mit festen Preisen. Den anderen Teil kaufen sie auf dem Spotmarkt (der Ort von kurzfristigem Handel von Energie; Anm. d. Red.). Das heißt also, wenn Sie Stromanbieter sind und sagen: 'Ich habe noch 10.000 Kunden mehr gekriegt und irgendwie muss ich die verarzten, was kann ich denn dazukaufen, um diese Preise darzustellen?' Oder: 'Meine Kunden brauchen mehr Strom, weil sie sich jetzt anders verhalten, weil mehr Leute eine Wärmepumpe am Start haben oder ein E-Auto. Dafür muss ich Strom besorgen. Zu welchem Preis kann ich den am Markt kaufen?' Die Anbieter wollen ja alle eine schöne Marge kalkulieren. An der Börse läuft das nach einem interessanten Mechanismus...

Nach Welchem?

Es wird geguckt, wie viel Strom verkauft werden muss, dann wird erstmal den billigsten Anbietern der Strom gegeben, danach dem zweitbilligsten und dem drittbilligsten. So lange das Angebot ausreicht. Dann wird geguckt, zu welchem Preis war es so, dass das Angebot ausgereicht hat für die Nachfrage? Da kommt zum Beispiel zwölf Cent raus und dann bekommen alle, die an dem Tag in dieser Zeit angeboten haben, diese zwölf Cent – auch die, die ursprünglich für drei Cent angeboten haben. Das ist für einen Anbieter, der günstig erzeugen kann, ein wunderbares Geschäftsmodell. Der geht jeweils in den Markt rein und sagt: Natürlich kann ich was anbieten für drei Cent. Und der bekommt trotzdem die zwölf Cent, was dazu führt, dass solche Anbieter zum Teil exorbitante Gewinne machen. Dieser Mechanismus ist in Krisenzeiten besonders anfällig dafür, dass das weit nach oben geht.

Wirtschaftsexperten warnen die Politik davor, diesen Mechanismus, genannt Merit-Order-Prinzip, abzuschaffen. Gibt es Wege, diesen Mechanismus zu umgehen?

Das ist der Grund dafür, warum die Regierung beschlossen hat, dass zum Beispiel Kohlekraftwerke wieder an den Start gehen können, weil sie in der Grundlast relativ preiswert sind. So können größere Teile des Stroms schon mal preiswert angeboten werden. Damit geht vielleicht der Preis gar nicht so hoch.

Merit-Order-Prinzip
Die einheitliche Regelung namens Merit-Order-Prinzip besagt, dass das teuerste Kraftwerk, das noch benötigt wird, um den Bedarf zu decken, den Strompreis bestimmt.

Es gibt derzeit Forderungen, den Energiemarkt zu regulieren. Was halten Sie davon?

Eine einfache Variante wäre eine Übergewinnsteuer. Dann holt man sich das Geld, was manche Anbieter an der einen Stelle verdienen, zurück, ohne die komplizierte Marktregulierung anfassen zu müssen. So hilft man mit dem Geld den Leuten, die es besonders eng haben. Das will aber die FDP nicht. Im Entlastungspaket hat sich die Ampel auf einen anderen Mechanismus geeinigt, den sie nutzen will. Sie will sozusagen einen Höchstpreis für den jeweiligen Tag festlegen und die darüber liegenden Zufallserlöse abschöpfen. Wir werden sehen, ob das ausreicht, damit der Strommarkt nicht als Nächstes aus dem Ruder läuft wie der Gasmarkt. Denn beim Strommarkt gibt es im Gegensatz zum Gasmarkt keinen Versorgungsengpass.

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