Das Feuer in Griechenland verbrannte Wälder, Dörfer und Tiere und forderte sogar Menschenleben.
Das Feuer in Griechenland verbrannte Wälder, Dörfer und Tiere und forderte sogar Menschenleben.
Bild: Getty Images Europe / Milos Bicanski
Interview

THW-Helfer in Griechenland berichtet vom Einsatz vor Ort: "Man erlebt selten so viel Dankbarkeit"

13.08.2021, 18:54

Hunderte Menschen haben in Griechenland schon durch die Brände ihr Zuhause verloren, mehr als 100.000 Hektar Land wurden vernichtet. Gerade sind die Temperaturen dort etwas gesunken, es hat zudem in einigen Regionen geregnet, was die Lage verbessert. Vor Ort sind auch Helfer aus Deutschland, sie waren folgten einem Hilfeersuchen der griechischen Regierung gefolgt. Einer von ihnen ist Lars Werthmann, der für das Technische Hilfswerk (THW) in Griechenland ist. watson hat mit Werthmann über die Lage gesprochen.

watson: Herr Werthmann, wo ist das THW derzeit im Einsatz?

Lars Werthmann: Wir sind derzeit in der Region um Olympia, auf der Halbinsel Peloponnes, mitten in der Provinz. Das liegt in den Bergen, wo die Hotspots der Brände sind. Wir sind mitten im Brandgebiet und gestern schon durch Flächen gefahren, die komplett abgebrannt sind. Das war schon verheerend. Das sind Dimensionen, die ich vorher nicht gekannt habe. Man kennt natürlich Waldbrände, aber nicht in diesem Ausmaß – es war bis zum Horizont alles schwarz. Das ist schon sehr, sehr erschreckend.

Wie lange sind Sie schon vor Ort?

Am Montag sind wir mit unserem Kontingent in Frankfurt gestartet. Donnerstagabend sind wir dann angekommen und haben in Windeseile das Basiscamp eingerichtet. Das ist ja mehr oder weniger eine Mammutaufgabe für so viele Leute. Wir haben auch einen Sportplatz eingerichtet, damit die Bedingungen stimmen. Wir bringen alles selbst mit – von der Küche bis zur mobilen Toilette. Technisch sind wir gut ausgestattet und haben eine mobile Werkstatt auf einem Container mitgebracht. In der Werkstatt können wir mehr oder weniger alle Reparaturen bewältigen, damit keine Zeit verloren geht und keine lokalen Werkstätten belastet werden. Ab heute Nachmittag fahren wir die ersten Einsätze.

"Man kennt natürlich Waldbrände, aber nicht in diesem Ausmaß – es war bis zum Horizont alles schwarz."

Wer sind die Menschen im Team?

Wir sind ein Kontingent von ungefähr 170 Menschen, bestehend aus Feuerwehr, Sanitätstruppen und uns THW-Helfern. Wir haben die Aufgabe, unsere Kollegen, die sich um die Feuerbekämpfung kümmern, zu unterstützen und uns um alles Technische zu kümmern – vom geplatzten Reifen zum Motorschaden, damit die Zeit im Einsatz möglichst effektiv genutzt werden kann, um die Feuer zu löschen. Die Feuerwehr ist eine hessische Einsatztruppe mit Feuerwehrleuten aus dem ganzen Bundesland. Unser THW-Team kommt aus ganz Deutschland: Sachsen, Bayern oder Baden-Württemberg, da ist alles dabei. Wir kennen uns zum Großteil schon untereinander, da die Fortbildung zum THW-Auslandshelfer sehr intensiv ist. Der Großteil der Helfer ist freiwillig hier, circa 80 Prozent sind Ehrenamtliche, beim THW sogar alle.

Wie ist die Lage vor Ort?

Die Lage hat sich etwas beruhigt. Wir haben aber noch aktive Brände, die nur so halb unter Kontrolle sind. Jetzt ist die Aufgabe der Feuerwehr vor allem, das Wiederaufflammen der Brände zu verhindern. Da werden die Kollegen im Schichtsystem 24 Stunden am Tag mit Löschfahrzeugen unterwegs sein zum Ablöschen und zur Kontrolle, damit nichts wieder aufflammt. Es ist einfach extrem trocken und staubig hier. Ein kleiner Funken reicht aus, um wieder einen Flächenbrand zu entflammen. Das zu verhindern, ist unser Ziel, damit die Region zur Ruhe kommt. Man muss aber weiterhin sehr wachsam sein, weil keine Wetteränderung in Sicht ist. Es wird erst mal keinen Regen geben, der für Entspannung sorgt.

"Hier reicht ein kleiner Funken aus, um wieder einen Flächenbrand zu entflammen."

Wie reagiert die Bevölkerung auf Ihre Hilfe?

Oft ist es so, dass die lokale Bevölkerung sich zum Teil freut und zum Teil skeptisch ist. Hier ist es anders. Mein Kollege hat es ganz treffend auf den Punkt gebracht: 'Man fühlt sich wie der Karnevalskönig'. Alle, die uns entgegengekommen sind, haben gehupt, die Leute standen am Straßenrand und haben gewunken und geklatscht. Es war eine flächendeckende Dankbarkeit.

Also hatten Sie schon Kontakt mit der lokalen Bevölkerung?

Gestern hatten wir Probleme mit dem Duschwasser, das gefehlt hat. Da kam ein örtlicher Landwirt und hat uns 4000 Liter Trinkwasser gebracht, damit wir duschen können. Unsere Hilfe wird total dankbar angenommen. Zur Vorbereitung – so viel Zeit muss sein – machen wir mit den Kindern hier vor Ort eine kleine Führung. Diese roten, blinkenden Feuerwehrautos und blauen THW-Autos, das begeistert die Kinder natürlich. Das ist toll. Man erlebt selten so viel Dankbarkeit. Man merkt, die Leute sind hier echt ein bisschen krisengebeutelt und dankbar über unsere Unterstützung.

"Alle, die uns entgegengekommen sind, haben gehupt, die Leute standen am Straßenrand und haben gewunken und geklatscht."

Wie lange werden Sie im Einsatz in Griechenland bleiben?

Das kann man schwer sagen. Wir als THW sind eingestellt für einen 14-Tage-Einsatz. Wir könnten, wenn nötig, aber auch länger bleiben, da tauschen wir dann Personal aus. Man plant das immer so kurzfristig, weil die Leute von THW und Feuerwehr ehrenamtlich hier sind. Die hatten eine sehr kurze Vorlaufzeit. Sie müssen sich das so vorstellen: Sie kriegen einen Anruf und am nächsten Tag verabschieden Sie sich von Ihrer Familie für eine Dauer von zwei Wochen. Das ist schon eine Herausforderung.

Hatten Sie schon einmal so einen Einsatz wie jetzt?

Das ist mein 25. oder 30. Einsatz. Mit der Feuerwehr und einem so riesigen Kontingent war ich allerdings noch nie unterwegs. Wir fliegen sonst als THW eher in Erdbebengebiete und sorgen für die Trinkwasseraufbereitung nach Tropenstürmen. In dieser Form hatte ich noch keinen Einsatz.

"Sie kriegen einen Anruf und am nächsten Tag verabschieden Sie sich von Ihrer Familie für eine Dauer von zwei Wochen."

Wie kommen Sie mit der Hitze klar ?

Gerade hat es 34 Grad und ist vergleichsweise kühl. Aber eine Schutzausrüstung ist trotzdem unverzichtbar. Als wir ankamen, war es 39 Grad heiß. Das ist schon heftig. Da ist es extrem wichtig, dass die Gruppenführer aufeinander aufpassen. Hier gibt es drei bis sechsmal am Tag die Anordnung, Wasser zu trinken, weil man das schnell vergisst. Aber man dehydriert sehr schnell, dann trocknet man aus und fällt einfach um. Das ist ein Arbeiten unter ganz anderen Bedingungen.

Wie war die lange Fahrt nach Griechenland?

Wir waren eine Kolonne mit circa 50 Fahrzeugen, die von Deutschland bis hier runter nach Griechenland überlebt hat. Die Fahrt war ziemlich lang und anstrengend. Aber wir wurden in den Ländern, durch die wir gefahren sind – egal ob Österreich, Italien oder Griechenland – sehr unterstützt. Es gab eine Polizeieskorte, die die Straßen abgesperrt hat, damit wir gut durchkommen. Abends gab es nur einen kurzen Halt: Zelte aufbauen, morgens wieder abbauen und weiterfahren. Das war super anstrengend und wir hatten wenig Schlaf. Aber wir hatten auch extra mehrere Fahrer, damit wir durchfahren konnten. Hier zählt wirklich jede Minute.

"Wir hatten auch extra mehrere Fahrer, damit wir durchfahren konnten. Hier zählt wirklich jede Minute."

Glauben Sie, Deutschland wäre auf solche Feuer wie in Griechenland gut vorbereitet?

Das ist das einzig Positive an so einem Einsatz: Man lernt hier viel und sammelt Wissen. Ich glaube, aktuell können die Griechen das noch besser als wir in Deutschland. Wir nehmen das jetzt aber als Erfahrung mit, insbesondere die Kollegen der Feuerwehr, um sich auf solche Situationen in Deutschland vorzubereiten. Ich glaube, es ist schon etwas, das uns in Deutschland droht, wenn man sich die Entwicklung der Klimakrise anschaut.

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