A couple of friends embracing in the street while they meet up to go for a drink.

In Corona-Zeiten unangebracht: Die gute alte Umarmung. Bild: Digital Vision / Hinterhaus Productions

Meinung

Hand aufs Herz: Ich halte mich nicht an alle Corona-Regeln – du etwa?

Diesen Text schreibe ich anonym, denn ich schäme mich. Ich schaffe es nicht, alle Corona-Maßnahmen einzuhalten. Ich habe Freunde umarmt, bin unnötig Bus gefahren, war bei einer kleinen Feier mit mehr als drei Menschen. Mit diesem Verhalten schramme ich nicht nur permanent an der Illegalität vorbei (und das von jemandem, der als Kind nicht einmal Schokoriegel mopste), sondern verlängere vor allem die Pandemie, die ich ja eigentlich selbst loswerden will. Im schlimmsten Fall könnte ich indirekt für den Tod eines Mitmenschen verantwortlich sein. Mit viel Pech zumindest.

Dass das Mist ist, weiß ich. Ich schaue Nachrichten und verstehe den Ernst der Lage. Ich verstehe, dass bisherige Maßnahmen jetzt sogar nochmal verschärft werden müssen. Und doch, trotz all dieses Wissens gelingt es mir nicht, meinen Alltag so runterzufahren, wie es die Bundesregierung von mir wünscht. Natürlich waren die vergangenen Monate auch für mich einsamer als jemals zuvor. Ich fahre nicht in den Urlaub und trage beim Einkaufen Mund-Nasen-Schutz. Ich nehme sicher auch nicht an illegalen Technopartys oder Schlacht-Gesängen auf engen Demos teil – das ist für mich völlig indiskutabel.

"Ich könnte im schlimmsten Fall indirekt für den Tod eines Mitmenschen verantwortlich sein. Mit viel Pech zumindest."

Was ich tue, ist kleiner und privater. Ich spreche von den vielen kleinen Ausnahmen inmitten des Lockdowns, die man sich selbst genehmigt, schönredet und die andere einem mitunter auch liebevoll aufzwingen. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.

Die Gründe, sich im Lockdown zu treffen, sind zahlreich

Freundin A schickte mir erst vor Kurzem wunderbare Fotos aus Spanien. Sie fuhr allein in den Urlaub, war aber dafür mit anderen Hotelgästen zusammen auf Tagestrips. Eigentlich geht das nicht, aber "ich schwöre dir, dort war es viel leerer als in Deutschland". In Selbst-Quarantäne ging sie danach nicht. "Aber ich hab mich auch wirklich nicht krank gefühlt."

Freund B isst weiterhin mit mehr als einem Kollegen in der Mittagspause. Es wäre ja auch "komisch", den anderen dann nicht zu fragen, irgendwie unkollegial. Wir sind ja nicht mehr bei der Mannschaftsaufstellung im Sport-Unterricht, wo einer zuletzt auf der Bank zurückbleibt.

Freundin C war gerade erst bei den Eltern zu Besuch, denn die Mama hatte runden Geburtstag. Mit dabei: Die Geschwister, deren Partner, ein Onkel und eine Nachbarin, die nur schnell gratulieren wollte. "Aber die meisten wurden kurz vorher getestet", erklärt sie.

"Die Ausreden sind zahlreich und wenn ich genau in mich reinhöre, weiß ich: Sie sind allesamt Schwachsinn."

Ich kann das alles so gut verstehen, genauso läuft es in meinem Kopf ab: Klar sollte man sich nicht treffen, aber ganz kurz ist doch okay, oder? Der Andere passt ja sicher auch auf. Eigentlich halte ich mich ja auch zurück. Draußen regnet es so fies, da holt man sich doch erst recht eine Erkältung. Ich hab doch gerade erst einen Schnelltest gemacht. Die Ausreden sind zahlreich und wenn ich genau in mich reinhöre, weiß ich: Sie sind allesamt Schwachsinn.

Wenn ich jemanden treffe, verläuft die Infektionskette ja nicht nur zwischen uns, sondern auch allen anderen "Ausnahmen", die wir so in der Zwischenzeit zugelassen haben. Und während meine Freundin und ich noch gemeinsam schimpfen über dieses blöde Corona und die egoistischen Anderen, die sich nicht an die Regeln halten, und die pandemiebedingt überforderte Regierung, berichtet sie vom vergangenen Tinder-Date und ich von den Nachbarn, bei denen ich gestern "kurz" zum Kuchenessen war.

Das ist Heuchelei. Doch egal, wie klar ich das Problem sehe, in der Praxis fällt es mir unheimlich schwer, die Prinzipien, an die ich eigentlich glaube, nämlich "Gemeinwohl vor Egoismus", umzusetzen. Meistens, weil ich nicht der Spielverderber sein will und mir auf "Nun hab' dich nicht so" nichts Kluges einfällt.

Ich traue mich nicht, Freunden abzusagen

So kamen vergangene Woche zwei Bekannte vorbei, um ein Geschenk zu überreichen. Es ging nur noch an diesem Tag und ich habe es nicht übers Herz gebracht, zu sagen: "Schickt es lieber mit der Post." Als sie im Flur standen, kam die Überraschung – eine weitere Freundin war mitgekommen und zog sich bereits die Schuhe aus. "Ist das okay, wenn sie dabei ist?" Was zur Hölle sagt man da? "Nein. Her' mit dem Geschenk und raus mit euch?" Um es abzukürzen: Am Ende saßen vier Haushalte bei mir im Wohnzimmer und tranken Tee. Ich fühlte mich unwohl. Aber einen Rausschmiss hätte ich ebenso unangenehm gefunden.

Natürlich ist mir klar: Wenn meine Freunde hier schon so locker sind, wie sah dann wohl der Rest ihrer Woche aus? Und wenn ich nicht "Nein" sage, darf ich dann überhaupt anderen einen Vorwurf machen, die es auch nicht tun?

"Unsere Werte stehen in ständigem Kampf mit unseren Begierden und letztere gewinnen zu lassen, macht einfach mehr Spaß."

Ein bisschen erinnert es an das leidige Thema Kondom kurz vor dem Sex. Klar passt der andere "sonst immer" auf und natürlich ist es enorm unangenehm, dem Gegenüber eine Krankheit zu unterstellen und damit die gute Laune zu zerstören – aber eigentlich ist blindes Vertrauen hier nicht angebracht. Genauso wenig wie bei Covid-19.

Wir alle wollen, dass die Pandemie endet. Aber kaum jemand hat Lust, seinen Teil dazu beizutragen. Das ist die freudsche Krux mit uns Menschen: Unsere Werte stehen in ständigem Kampf mit unseren Begierden und letztere gewinnen zu lassen, macht einfach mehr Spaß.

Gäbe es einen Corona-Beichtstuhl, wäre die Liste meiner Sünden lang: Letztens bin ich auf der Straße laut lachend einem Kumpel in den Arm gefallen, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Aus Versehen, es war ein Reflex, aber natürlich war das dämlich. Dann war ich bei einem Geburtstag, zu dem nicht nur ich (wie ich dachte) geladen war, sondern auch drei weitere Menschen, wie am gedeckten Tisch unschwer zu erkennen war. Gegangen bin ich nicht. Weiterhin haben mein Freund und ich uns am Spielplatz mit einem anderen Paar unterhalten, weil die Kinder beisammen spielten.

Alles lächerlich, werden einige sagen. Alles potenzielle Corona-Kontakte, wieder andere. Da helfen auch keine "Ave Marias" mehr. Niemand von uns ist schuld am Virus und es ist wahnsinnig erschöpfend, wie ein Eremit zu leben, daher ist nur logisch, dass wir den Frust mit ein bisschen Freude kompensieren wollen. Aber seien wir mal ehrlich: Eigentlich geht es nicht. Eigentlich müssen wir noch ein ganz klein wenig durchhalten.

Die Verschärfung muss sein, weil wir weiter rumeiern

Ich habe das Privileg, dass ich noch nicht alt bin und nicht chronisch krank. Es läge gerade an Menschen wie mir, mich konsequent zurückzuhalten, um niemanden zu gefährden, der dieses Glück nicht hat. Es wäre auch solidarisch gegenüber dem Pflegepersonal und den Ärzten, die keine Kraft mehr haben, noch mehr Covid-19-Patienten zu behandeln und gegenüber den Einzelhändlern und Barbesitzern, die möglichst schnell wieder ihre Läden aufmachen wollen.

Stattdessen handle ich mit mir selbst faule Kompromisse aus, die nichts nützen, denn ein Virus ist absolut kompromisslos. Er folgt einer schlichten Logik: Je weniger Kontakte, desto weniger Virus-Verbreitung. So einfach ist das. Wenn ich also will, dass es verschwindet, muss ich entsprechend handeln.

"Stattdessen handle ich mit mir selbst faule Kompromisse aus, die nichts nützen, denn ein Virus ist absolut kompromisslos."

Ich möchte kein Bußgeld zahlen, ich möchte auch kein Corona bekommen, eigentlich will ich nur, dass der Sommer naht und das alles ein Ende hat. Doch nun, nachdem die Covid-19-Maßnahmen nun weiter verschärft wurden, ist es langsam vielleicht doch an der Zeit, mit dem Finger auf mein direktes Umfeld zu zeigen. Und ganz besonders auf mich selbst.

(von einer watson-Redakteurin, die sich schämt)

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