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Beleidigte Urlauber möchten ihre freie Zeit nicht wegen Corona zu Hause verbringen müssen. Aber: Ist das wirklich so schlimm? Bild: iStockphoto / HbrH

Meinung

Entspannt euch! Die Wut über das Beherbergungsverbot ist ein Luxusproblem

Für Menschen aus deutschen Risikogebieten gilt in einigen Bundesländern seit kurzem ein Beherbergungsverbot, ihr Herbsturlaub ist in Gefahr. Und Deutschland ist darüber schwer entsetzt. Als "Eingriff in die Freizügigkeit", bezeichnet FDP-Chef Christian Lindner die Maßnahmen gegenüber der "Bild, als "Fehler" bezeichnet Karl Lauterbach (SPD) die Regelung in der "Süddeutschen Zeitung". In den sozialen Netzwerken streiten die Deutschen über den Sinn (oder vor allem die Sinnlosigkeit) solcher Verbote.

Und ich frage mich bei diesen Nachrichten: Sind wir so verwöhnt, dass ein geplatzter Herbsturlaub im Corona-Jahr wirklich das schlimmste ist, was wir uns vorstellen können? Ist das in Zeiten von steigenden Neuinfektionen und einem politischen Auseinanderdriften der Bevölkerung jetzt unser dringendstes Problem?

Die Wut der Branche ist verständlich, die Wut des Touristen nicht

Um es gleich zu Beginn klar zu machen: Was ich völlig verstehe, sind die Sorgen von Hoteliers und Restaurantbesitzern, Flugbegleitern und allen anderen, die auf Tourismus angewiesen sind. Dieses Jahr bringt diese Menschen, wie so viele andere Branchen übrigens auch, an den Rand ihrer Existenz, und das ist zum Verzweifeln. Natürlich müssen sie politische Unterstützung erfahren. Was ich auch verstehe, ist die Kritik an den Regeln an sich, die inkonsequent und verwirrend sind (dazu komme ich gleich noch). Was ich aber nicht verstehe, ist die Wut des einzelnen Touristen, der sich schlicht maßlos ärgert, dass er seinen Urlaub zu Hause verbringen soll.

Dieser Ärger ist unverhältnismäßig. Auch schon vor Corona ist etwa ein Drittel aller Deutschen nicht in den Urlaub gefahren, viele können sich einfach keine Reisen leisten, haben nie ein Flugzeug betreten oder die Wellen am Nordseestrand brechen sehen. Kurzum: Touristische Reisen sind ein Luxusgut, kein Grundrecht. So wie Massagen im Spa oder die guten Oliven vom Feinkostgeschäft. Es ist schön, so etwas nutzen zu können. Aber es ist keine Katastrophe, ein einziges Jahr darauf zu verzichten. Und wer es doch so empfindet, muss ein wirklich behütetes Leben führen.

In der hitzigen Diskussion wird das Beherbergungsverbot gerne mit dem Ende der Reisefreiheit wie in Zeiten der DDR gleichgesetzt, was Unsinn ist: Erstens gibt es kein Einreiseverbot innerhalb Deutschlands, jeder kann jederzeit Bundesländergrenzen überqueren, Tagesausflüge, Familienbesuche und Geschäftsreisen sind fast überall weiter erlaubt. Und zweitens kann selbst ein "Risikogebietsdeutscher" weiter in fast jedem Hotel einchecken, vorausgesetzt er bringt einen aktuellen negativen PCR-Corona-Test mit. Das – zugegeben hoch verwirrende – Beherbergungsverbot richtet sich also ausschließlich an Touristen, die ungetestet und über einen längeren Zeitraum zum reinen Vergnügen in einem anderen Bundesland Ferien machen wollen.

Die Deutschen sind nach den Chinesen und US-Amerikanern Reiseweltmeister. Wir reisen gerne und viel und weit. Ob Sangria in Spanien oder die Insta-Story aus dem Grand Canyon – dass wir unsere freien Tage nutzen, um die Welt zu erkunden, gehört bei vielen schon zum guten Ton. "Was plant ihr im nächsten Urlaub?", war vor Corona noch eine typische Frage auf Hauspartys, auf die keiner mit "Balkonien" antworten wollte. In diesem Jahr mussten viele schon auf heimische Gefilde umbuchen, statt in die Ferne zu ziehen. Nun scheint auch das nicht mehr so einfach möglich. Kommt daher der Frust? War nicht von Anfang an klar, dass der Herbst nochmal eine harte Zeit wird, pandemisch betrachtet?

Ein Jahr ohne Reisen heißt auch: Mehr Geld im Portemonnaie

Ich reise selbst auch gern. Kein Wunder: Sitze ich doch im Homeoffice permanent in meinen vier Wänden, habe zwei kleine Kinder, Waschmaschine und Kühlschrank wollen daher rund um die Uhr befüllt werden, die Tapete hat Patschehand-Flecken, überall fliegen Duplosteine herum, und immer klingelt irgendein Paketbote für den Nachbarn. Natürlich wäre eine Pause davon schön: Seeluft, Zimmerservice und gute Laune. Gerade nach diesem Jahr voller Hiobsbotschaften, Lockdown, Mundnaseschutz und Krankheitstagen in der Kita. Aber das scheint dieses Jahr kompliziert zu werden. Und kompliziert ist das Letzte, worauf ich Lust habe.

Ich lebe nicht einmal in einem Risikogebiet und werde dennoch diesen Herbst zu Hause bleiben. Die Auszeiten gönne ich mir im Umkreis: Ich freue mich auf den Zoo unserer Stadt, das Autokino und das Restaurant, in dem ich sowieso immer schon mal essen wollte. Die lokalen Betreiber haben die Unterstützung bitter nötig, die durch Corona gebeutelte Geldbörse wird mir danken, und von der Umwelt fang' ich jetzt gar nicht erst an.

Mir ist das allemal lieber als die Aussicht auf Corona-Tests oder zwei Wochen Quarantäne, nur weil ich unbedingt ein paar Kilometer weg will. Und ich möchte auf keinen Fall dazu beitragen, dass die Infektionszahlen am Ende so grottenschlecht sind, dass Schulen wieder dicht machen oder selbst Familienbesuche untersagt werden. Wer weiß denn schon, was noch alles kommt?!

Ich bin zuversichtlich: Wir werden das alles nachholen

Vielleicht ist das Beherbergungsverbot komplett unnötig. Vielleicht steckt sich niemand in Hotels an. Vielleicht verhalten sich auch alle Urlauber so brav, dass sie nicht zu steigenden Infektionszahlen beitragen. Die Politiker der Länder scheinen lieber auf Nummer sicher gehen zu wollen, auch wenn das wirtschaftliche Einbußen und den Ärger der Bevölkerung bedeutet. Die Wut der Branche darüber ist verständlich, die Wut des Urlaubers aber nicht. Ist denn zu Hause wirklich der schlimmstmögliche Ort zum Erholen?

Ein Jahr ohne Reisen ist doch auch eine Chance für Renovierprojekte, das Bingen der Lieblingsserie und Treffen mit ebenfalls daheim gebliebenen Freunden – frei hat man ja schließlich trotzdem. Ich bin zuversichtlich, dass es 2021, spätestens 2022, wieder genug Gelegenheit für Selfies aus Ibiza und Krabben-Brötchen auf Usedom gibt. Bis dahin: Bleibt doch einfach zu Hause, und vor allem – entspannt.

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    Alle Leser-Kommentare
  • stefank2001 13.10.2020 14:03
    Highlight Highlight Eigentlich ist es ganz einfach: kein Beherbergungsverbot!
    Die Hoteliers sind verantwortlich und vorallem haftbar!
    Wenn ein Tourist aus einem Hotspot in einem Hotel andere Personen ansteckt, dann haftet der Hotelbesitzer. Er bezahlt Behandlungskosten etc. und das Hotel wird dichtgemacht.

    Wenn ich mir die Kritiken an Maßnahmen ansehe (in erster Linie von der FDP) dann fällt auf, dass keiner die Verantwortung bei Abschaffung trägt. Da fordert sich immer sehr leicht.

  • Fomo 12.10.2020 15:27
    Highlight Highlight Ein Jahr ohne Reisen heißt auch mehr Geld im Portemonnaie ist eine steile These und schon fast Menschenverachtend . Die , die das Geld erhalten hätten kämpfen , besonders im Ausland , ums überleben . Das Beherbergungsverbot ist wirklich ein Luxusproblem zumal es auch niemanden wirklich von etwas abhält . Und die Wut der Branche ? Von was reden Sie , es ist nicht Wut bei den Menschen sondern Verzweiflung . Mitmenschen die Existenzgrundlage zu nehmen und dann eine solche Meinung zu verbreiten finde ich etwas kurz gedacht .
    • Julia Dombrowsky 13.10.2020 11:53
      Highlight Highlight Liebe(r) Fomo,


      "Dieses Jahr bringt diese Menschen, wie so viele andere Branchen übrigens auch, an den Rand ihrer Existenz, und das ist zum Verzweifeln. Natürlich müssen sie politische Unterstützung erfahren", schrieb ich. Da haben wir doch beide dieselbe Meinung.

      Der Privatmensch hat aber jedes Recht auch mal einen Urlaub zu Hause verbringen und ist deshalb noch lange nicht menschenverachtend.

      Mit Grüßen.

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