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Capital Bra im Gucci-Shirt mit einer halbnackten Frau im Video: Das kennt man doch... Screenshot: Youtube

Meinung

"Cherry Lady" bricht immer mehr Rekorde, dabei ist alles daran langweilig

Rapper Capital Bra hat mittlerweile zwölf Nummer-1-Hits und damit die meisten aller Zeiten.

So ein Rekord ist nicht vergleichbar mit seinen Vorgängern, den Beatles etwa, weil Capitals Hörer-Zahlen im Streaming-Zeitalter eben viel flüchtiger sind als früher. Um den 24-Jährigen an die Chartspitze zu heben, muss man gerade einmal einen Playbutton drücken, wenn er nicht sowieso schon in der Playlist des eigenes Vertrauens ist. Dennoch liest sich folgende Zeile natürlich super:

Eher lohnt aber ein Blick auf einen anderen Rekord, den Capital jetzt gebrochen hat: Er hat innerhalb von einer Woche die meisten Streams. Zwischen dem 22.3. und 29.3. wurde "Cherry Lady" ganze 11,5 Millionen Mal abgespielt. Damit sticht er Mero aus, der noch vor einer Woche mit „Wolke 10“ einen neuen Rekord aufgestellt hatte.

Jetzt also „Cherry Lady“, das erstaunlich viele Leute zur Kult-Collabo erheben. Dabei steht es auf dem gleichen berechnenden Plastikpop-Gerüst wie schon sein Original. Woher kommt also dieser extreme Erfolg?

Das fängt bei der Promo an:

Dieter Bohlen, vom DSDS-Mobbing-Saulus mittlerweile zum Instagram-Lebensfreude-Prediger gereift, griff plötzlich Capital Bra grundlos an.

Der beleidigte zurück, dann wurde wohl telefoniert, sich vertragen und ein gemeinsamer Song angekündigt. All das im Schnelldurchlauf.

Währenddessen hechelte die Öffentlichkeit hinterher und schaute gespannt darauf, was der Schlager-Titan zusammen mit dem bösen Rapper auflegen würde. Das kann doch nur verrückt werden!

Und was ist draus geworden? Nichts, was in irgendeiner Form überraschen würde.

Capital Bra – "Cherry Lady"

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Video: YouTube/Joker bra

Zum einen haben sie keinen gemeinsamen Song performt, sondern Capital hat "Cheri Cheri Lady" nur gecovert. In den Credits steht lediglich sein Hausproduzent Jumpa und nicht Dieter Bohlen.

Für einige kommt es vielleicht überraschend, dass ein Straßen-Rapper mit einem Schlager-Star zusammenarbeitet. Dabei gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Beispiele dafür: Olexesh und Vanessa Mai, die 257ers und Andreas Gabalier, Bushido und Karel Gott, Sido, Bushido und Peter Maffay.

Geil war das alles nie, nur logisch. Was die meisten Rapper schon längst mehr interessiert als Realness, ist Geld. Seichte Melodien, gefühlige Themen und poppige Beats sind eine sichere Karte für jeden, der im Radio stattfinden will.

Capital und Bohlen – die logische Konsequenz

Capital kann zwar die übelsten Straßenbanger performen, doch seine Spezialität sind Ohrwurm-Melodien. "One Night Stand" oder "Melodien" mit Juju sind alles niederfräsende Pop-Monster.

Dass Bohlen und der Bra nun kollaborieren, ist also mehr als nur logisch.

Seine Singsang-Nummer klangen bereits nach Modern Talking, bevor ihm Bohlen aus dem vermeintlichen Nichts eine Zweizimmerwohnung andichtete und drei Tage später das "Cherry Lady"-Cover im Netz landete.

Und das Produkt ist absolut nicht der Rede wert: Kein Dieter, sowieso ein nichtssagendes Video und ein sehr dezenter Capital, der sich Nichts traut mit dem Song. Und Thomas Anders' zwei Oktaven höhere Wiederholung des Refrains, die den Song "ausgemacht" hat, fehlt auch.

Hier nochmal das Original: Modern Talking – "Chery Chery Lady"

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Video: YouTube/ModernTalkingVEVO

Zumindest beim Text sind beide Künstler ähnlich stumpf unterwegs:

Modern Talking:

"Cheri Cheri Lady,
To know you is to love you,
If you call me baby,
I'll be always yours"

Und im Vergleich Capital Bra:

"Cherry, cherry lady,
du bist was Besondres
Eine Frau fürs Leben
oder für 'ne Nacht"

Capital hat einen dermaßenen Song-Output, dass er sich nur noch auf sein Gehör und Gefühl zu verlassen scheint. Er weiß ganz genau, dass die einfache und eingängige Melodie des Originals perfekt zu den ruhigen, karibischen Synthesizer-Beats der Gegenwart passen. Und so war es für ihn eine logische Konsequenz, dass er sich an diesem Modern-Talking-Hit bediente.

Unser Redakteur Timo hat zu Modern Talking übrigens eine ganz eigene Meinung:

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