Wollkühne Gestalten aus den 80ern: Modern Talking.
Wollkühne Gestalten aus den 80ern: Modern Talking.imago
Meinung

Ja, ich gestehe, ich habe Modern Talking gehört

Aus unserer Reihe: Geständnisse, die niemand braucht. Die etwas andere Liebeserklärung zu Dieter Bohlens 65. Geburtstag.
07.02.2019, 17:1509.02.2019, 15:33

If loving you is wrong, babe
Oh, I don't want to be right
I've got you under my skin, babe
And baby, hold me tight
("Atlantis Is Calling S.O.S. For Love")

Ich würde gerne meinen Eltern die Schuld geben. Oder dem Neoliberalismus, falscher Ernährung, Angela Merkel, einem Gendefekt oder den 80ern. Aber das wäre nun wirklich zu einfach. Nein. Die Schuld liegt allein bei mir. Obwohl. Eigentlich war meine Oma, nun ja, sagen wir mal: verantwortlich. Wahrscheinlich habe ich sie einfach zu sehr geliebt. Aber sie war es, die für den ersten Kontakt gesorgt hat. Durch sie wurde ich konterminiert:

Mit Modern Talking.

Und ja, ich weiß, das verjährt nicht.

Ich muss so sechs Jahre alt gewesen sein. Im Wohnzimmer meiner Oma funkelte eine weiße Hifi-Anlage. Die Mauer stand noch, Helmut Kohl war noch Kanzler, Werder Bremen noch erfolgreich, Otto noch lustig, das Internet nur eine Idee, Gorbatschow versprach, dass jeder sozialistische Staat sein gesellschaftliches System frei wählen könne und irgendwo im Pazifik wurde die Sonne finster.

So zeitlos, dass ihre Zeit erst noch kommen wird. Irgendwann.
So zeitlos, dass ihre Zeit erst noch kommen wird. Irgendwann.imago

Meine Oma hatte also diese Kassetten von Modern Talking. Und was soll ich sagen, es gefiel mir. Musik, bei der so eine jämmerliche Strophe eigentlich keine Rolle spielte, pures Refrain-Fleisch. Verkörpert von einem Duo, dass so drahtig posierte, als sei es alt und im Winkel auf die Welt gekommen. Einer schmalzte, der andere galoppierte piepsend in die Kopfstimme. Einmal ein Lied im Ohr, konnten alle anderen mitgesungen werden. A steady job and a nice young man. Your parents had your future planned. Ich wusste nicht, wer die Gebrüder Louie sind, warum die Lady mit Vornamen Cheri hieß und auch unter Geronimo’s Cadillac (is making all girls turn mad) konnte ich mir wenig vorstellen. Das war aber auch egal. 

Ich war eben jung. Unschuldig. Ausgeliefert. Und auf der Kassetten-Hülle grüßten diese zwei komischen Gestalten – watteweich und androgyn frisiert. Der grinsende Typ mit der Gitarre, der bräunungsgestreifte Langhaarige mit dieser übertrieben großen Kette um den Hals. Ein Bild wie ein Hochzeitsschuss, mit dieser leichten Unschärfe, irgendwie verschleiert, kandiert und eingekocht. Diese zwei wollkühnen Kerle wirkten schon in den 80ern wie ein mahnender Gruß aus der Vergangenheit. Normale Gesten wurden plötzlich außerirdisch. Aus einer gewöhnlichen Faust machten sie eine dramatische. Ja, Dieter Bohlen erfand das Gitarrenspiel quasi neu. Denn er spielte eine Gitarre, die man nie, aber auch wirklich nie hörte. Überhaupt, dieser Bohlen, dem wie selbstverständlich das Selbstverständnis aus der Kopfhaut wuchs, mit einem Thomas Anders an der Seite, der ganz sicher in der Telefonzelle weinte. 

Faust I

Die einhändige Faust.
Die einhändige Faust.imago

Faust II

Doppelfaust: Kann so nur Thomas Anders.
Doppelfaust: Kann so nur Thomas Anders.imago

Da traf also dieser unschuldige kleine Junge, der vom Leben noch nichts wusste, ja, nicht einmal eine Ahnung davon hatte, dass er vom Leben auch gar nichts wissen konnte, auf dieses abgebrühte Popduo, das sich schwindelig posierte wie Sigfried und Roy – nur ohne Tiger. Und wahrscheinlich hatte diese Verbindung zwischen Modern Talking und mir auch mit diesen Gänsen zu tun. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hatte mal herausgefunden, dass frischgeschlüpfte Gänse, der Gestalt hinterherlaufen, die sie zuerst erblicken. In der Regel die Gänsemutter. Aber es konnte genauso gut ein Mensch, Hirsch oder ein vorbeirollender Gummireifen sein. Die dämlichen Tiere wurden in dieser sogenannten sensiblen Phase geprägt und liefen ohne Sinn und Verstand dem Erstbesten hinterher.

Ich hatte also einfach Pech.

Mit Faust UND Gitarre...

Dieter B. spielte Gitarren, die man niemals hörte. Niemals!
Dieter B. spielte Gitarren, die man niemals hörte. Niemals!imago

Und so blätterte ich in der Bravo meines Bruders, sammelte wie blöd die immergleichen Bohlen-neben-Anders-Pose-Poster und ärgerte mich, wenn wieder einmal Michael Jackson statt Dieter Bohlen mit dem goldenen Bravo-Otto ausgezeichnet wurde. Und niemand griff ein!

Irgendwann dann trennten sich Modern Talking zum ersten Mal, ich lernte, dass selbst (oder gerade) perfekte Ehen nicht halten und wünschte mir insgeheim, dass Thomas seine Nora, die doch schließlich Schuld war an der Trennung, zum Teufel jagen und wieder mit Dieter Bohlen zusammenkommen würde. Mein Zimmer hing ja schließlich voller Modern-Talking-Poster.

Dieter Bohlen machte alleine weiter. Seine Band hieß jetzt Blue System. Ich war ganz offiziell Scheidungskind und schlug mich auf die Seite des vermeintlich Guten. Die Gans wackelte auch da hinterher. Mein Zimmer wurde mit Blue-System-Variationen tapeziert. Thomas Anders verschwand – so wie einst Stalin Trotzki im Nachhinein aus Fotos entfernen ließ. Zurück blieb Dieter. Mit Faust, Gitarre, diesen Haaren, die nach links und rechts fielen, als hätten sie sich abgesprochen. Und ich freute mich wie bescheuert, wenn dieser Kerl mit Gitarre und Albino-Zähnen im ZDF-Fernsehgarten Vollplayback spielte. Das Paradoxon ist das Schillern des faulig gewordenen Geistes, sollte ich viel später mal im Zauberberg lesen.

Und? Wer fährt hier eigentlich?
Und? Wer fährt hier eigentlich?imago

Irgendjemand schenkte mir dann Fenstermalkreide. Und ich begann spiegelverkehrt "Blue System" in mein kleines schräges Dachfenster zu pinseln. Wahrscheinlich damit Vorbeifliegende auch Bescheid wussten. Eine Art Alien-Firewall. Die wussten jetzt zumindest, dass da ein kleiner verwirrter Junge in diesem Haus in der westdeutschen Provinz lebte. Vielleicht war das auch so eine Art Hilferuf. Aber dann hat ihn niemand gehört.

Und mal ehrlich: Hätte Robinson Crusoe statt eines handelsüblichen "S.O.S." "Blue System" in den Sand geschrieben, die hätten ihn doch viel schneller gefunden.

Egal. Die gute Nachricht zum Schluss: Meine musikalische Irrfahrt überdauerte die vierte Klasse nicht. Die Mauer war längst Geschichte, die Sowjetunion endgültig zusammengefallen und ich wurde wieder normal. Obwohl. Besonders fiese Zungen behaupten ja, ich sei ein paar Jahre später mit einer Bon-Jovi-Kutte auf dem Schulhof gesichtet worden. Das streite ich natürlich ab. 

Sollte es aber so gewesen sein, dann, ja dann, sind wirklich meine Eltern schuld.

Wirklich interessant: Kann eine Vagina "zu weit" sein?

Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

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