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Mental Health To Go

Mental Health: Von Erschöpfung und wie wir besser auf uns aufpassen

Mentale Gesundheit ist ein elementares Thema unserer Zeit. Deshalb gibt's bei watson nun diese Kolumne.
Mentale Gesundheit ist ein elementares Thema unserer Zeit. Deshalb gibt's bei watson nun diese Kolumne.Bild: unsplash / aziz acharki
Mental Health To Go

Mentale Gesundheit: Wir müssen viel besser auf uns aufpassen – und dafür brauchen wir Raum

Heute startet unsere neue wöchentliche Kolumne "Mental Health to go" von Mike Kleiß. Mentale Gesundheit ist für ihn nicht nur ein Herzensthema, er findet: Mental Health ist wahrscheinlich das elementare Thema unserer Zeit. Wenn wir nicht gut mit uns sind, können wir nicht gut in dieser Welt sein.
04.05.2024, 13:1204.05.2024, 13:33
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Alles begann mit einem langen Gespräch zwischen mir und meiner damaligen Mitarbeiterin Lena vor zwei Jahren. Lena ist voll Generation Z. Sie kam gar nicht mehr klar.

Sie wusste, dass sie bei mir immer ein offenes Ohr finden würde, auch für private Dinge, die im Kontext mit dem Job Schwierigkeiten bereiten könnten. Sie saß mir weinend gegenüber, konnte mir vor Scham nicht recht in die Augen sehen. Ich war hilflos, ein bisschen.

Sie einfach in den Arm nehmen, damit fühlte ich mich übergriffig. Sie stumpf zu fragen, was genau los ist, das war mir zu distanziert. "Was kann ich tun, Lena? Was wünschst du dir von mir?", fragte ich vorsichtig. "Hör mir zu. Hör du mir wenigstens zu", antwortete sie.

Ich gab ihr und uns zwei Stunden Zeit und hörte zu. Ich hätte auch drei oder vier daraus gemacht. Ihr Freund hatte sich von ihr getrennt, die gemeinsame Wohnung konnte sie sich alleine nicht leisten, sie fühlte sich überfordert zu arbeiten. Eigentlich steckte sie komplett in einer Sackgasse fest.

Sie fühlte sich einfach nur noch erschöpft.

Ein ziemlich starkes Wort, fand ich. Und dieses Wort sollte mir ab diesem Zeitpunkt immer wieder über den Weg laufen. Wir fanden einen Weg für Lena, um aus der Erschöpfung wieder heraus zu kommen. Es war ein langer Weg, der – so vermute ich – noch heute nicht sein Ende gefunden hat.

Diese Geschichte hat leider kein Happy End, wir gehen unsere Wege inzwischen getrennt voneinander, was mich noch immer traurig macht.

Lena war erschöpft. Sie konnte nicht mehr. (Symbolbild)
Lena war erschöpft. Sie konnte nicht mehr. (Symbolbild)Bild: unsplash / Ioann-Mark Kuznietsov

Mentale Gesundheit: Erschöpfung, dieses Wort!

Die Sache mit Lena löste in mir etwas aus. Ich begann, mich wieder intensiver mit dem Thema Mental Health zu beschäftigen. Bereits zuvor war es ein super spannendes Thema für mich, in das ich irgendwie auch hineingeboren wurde.

Schon in früher Kindheit wurde ich damit konfrontiert, damals hatte es nur nicht diese fancy Bezeichnung. Meine Stiefmutter ging vor lauter Erschöpfung zu einem Gesprächstherapeuten. Ihr Job als Lehrerin und die Beziehung mit meinem Vater in Kombi war einfach zu viel geworden. Sie war gefühlt ständig erschöpft und nur mühsam hangelte sie sich da raus.

Sie führte gleichzeitig neue Regeln in unserer Familie ein. Ohne es Mental Health zu nennen, forderte sie schon in den 90er Jahren: "Jeder von uns muss Raum für sich selbst haben. Wir müssen gut zu uns selbst sein, sonst geht das alles nicht auf."

Über "Mental Health to go"
Deutschland ist erschöpft, sagen Expert:innen. Ob jung oder alt, ob Gen Z oder Boomer, viele kommen einfach nicht klar. Alles too much, alles nicht so, dass sich das Leben gut anfühlt. Was also tun? Das wird, da ist sich Mike Kleiß so sicher wie viele Expert:innen, das zentrale Thema unserer Gesellschaft werden. Je klarer wir mit uns und der Welt sind, je mehr wir gut auf uns achten, desto besser kann die Welt für uns werden. Wir müssen es eben nur tun! In "Mental Health to go" bekommt Ihr jede Woche ein kleines Stückchen Energie. Tipps und Anregungen, nahbare Geschichten, die euch inspirieren sollen

Sie zog das knallhart durch. Mein Vater nicht, er flüchtete sich eher in die Arbeit, was irgendwann zur Trennung führte. Ich nahm viel von ihrer Haltung mit. Bis heute bin ich ihr wahnsinnig dankbar dafür.

Erschöpfung hat für mich nie wirklich stattgefunden, weil ich immer auf mich achtete. Seit der Sache mit Lena bin ich mehr und mehr zu meiner DNA zurückgekehrt und begann mich im Rahmen meiner Rolle als Gründer und Geschäftsführer meiner Agentur mehr und mehr des Themas Mental Health anzunehmen. Ich unterhielt mich mit Wissenschaftler:innen, Expert:innen, Psycholog:innen, Kolleg:innen.

"Wir steuern mehr und mehr auf eine Art Overload zu."

Gerade in der Wissenschaft ist man sich sicher: Deutschland ist erschöpft. Egal, welche Zielgruppe; egal, welches Geschlecht. Und wir steuern mehr und mehr auf eine Art Overload zu. Nicht nur gefährlich für uns, das stresst unsere gesamte Gesellschaft, am Ende auch unser Gesundheitssystem.

Deshalb diese Kolumne: Mental Health to go

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber: Wenn mir ein:e Expert:in um die Ecke kommt, mit dem erhobenen Zeigefinger, dann schalte ich ab.

Wir haben in Deutschland viel zu viele Expert:innen, zudem gibt es oft sehr viel Meinung bei zu wenig Wissen. Und deshalb will ich hier Woche für Woche einfach versuchen, das Thema mentale Gesundheit auf unterschiedliche Arten zu beleuchten.

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Mal sind es meine persönlichen Erfahrungen, mal sind es bewegende Geschichten, ab und an werde ich über Tendenzen und Strömungen schreiben. Ich würde der mentalen Gesundheit gerne eine Stimme geben, möchte mich via Öffentlichkeit ein wenig für sie einsetzen, denn für mich ist klar: Je mehr wir über solche Themen sprechen, desto normaler werden sie. Desto mehr Raum bekommen sie.

Noch, so finde ich, scheint der Bereich sehr sensibel zu sein. Ich dachte eigentlich, wir wären da weiter. Habe aber verstanden, dass wir noch immer lieber bunte Bilder bei Insta posten als über unsere Seele zu sprechen. Und ich würde so gerne weiter auf der Spur meiner Stiefmutter bleiben, die unserer Familie Raum für die mentale Gesundheit gegeben hat. Sie hat uns das einfach vorgelebt, einfach gemacht.

"Hör mir zu. Hör du mir wenigstens zu." Das waren Lenas Worte.
"Hör mir zu. Hör du mir wenigstens zu." Das waren Lenas Worte.bild: charles deluvio / unsplash

Deshalb heißt die Kolumne auch "Mental Health to go". Sie soll euch Freude bereiten, vielleicht habt ihr Lust, sie einfach wie ein Latte to go zu schnappen und sie vergnügt in einer entspannten Situation zu lesen.

Die Kolumne möge euch schlicht inspirieren. Schön wäre, wenn sie einfach ein Teil des Raums wird, den ihr euch für eure mentale Gesundheit nehmt.

Ein Anruf von Till – er spielt ein bisschen Jesus

Und während ich das hier so aufschreibe, ruft mich Till an. Er ist Arzt, hat gerade seinen ersten Job im Krankenhaus. Er ist Familienvater und ist mit Jenny schon einige Jahre verheiratet.

Mir ist aufgefallen, dass Till immer weniger wird. Nicht nur, dass er unfassbar dünn geworden ist, er verschwindet. Er wirkt gar nicht mehr anwesend. Er verlässt morgens um 5 Uhr das Haus, ist um 20 Uhr wieder zurück bei den Kindern und Jenny. Dann kocht er, kümmert sich um den Haushalt, geht mit dem Hund, repariert Dinge am Haus, und hat Seelenstress.

"Dabei merkt er, dass er niemandem mehr gerecht werden kann."

Er ist fast alleine dafür verantwortlich, dass finanziell alles klappt. Jenny probiert sich ein wenig aus, findet gerade ihren beruflichen Weg. Till ist Pfarrerssohn. Er wurde nach dem Motto erzogen: "Sei für alle da, du selbst bist nicht wichtig."

Und so spielt Till ein bisschen Jesus, jeden Tag.

Am Anfang konnte er gefühlt noch übers Wasser gehen, inzwischen aber ist er kurz vorm Ertrinken. Till ist nicht gut darin, über sich zu reden.

Lieber ist er gerne weiter Jesus.

Und dabei merkt er, dass er niemandem mehr gerecht werden kann. Seinen Kindern nicht, seine Beziehung ist kurz vor dem Ende. Er säuft ab.

Till wirkt sehr erschöpft. Da ist es wieder, dieses Wort. Mal sehen, ob er sich jetzt öffnet. Ich gehe mal ran.

Handy laden: Warum sollte das Smartphone dabei nicht im Bett liegen?

Es gibt Dinge, die wir in dem vollen Bewusstsein machen, dass sie uns nicht guttun. Dazu gehört unter anderem, direkt vor dem Schlafengehen noch in einem Rabbithole auf Instagram, Tiktok oder X zu verschwinden: nicht gut und trotzdem eine regelmäßige Abendroutine für die meisten von uns.

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