Eine Frau steht oberkörperfrei mit ihrem Freund am Meer und genießt die Freiheit.
Eine Frau steht oberkörperfrei mit ihrem Freund am Meer und genießt die Freiheit.bild: imago / westend61
Nah dran

Brustkrebsvorsorge: Besondere Methode soll vor allem jungen Frauen helfen

01.10.2022, 09:2301.10.2022, 09:32

Beide meine Omas hatten Brustkrebs. Die eine hatte Glück, hat den Krebs besiegt. Die andere nicht – bei ihr hatte der Krebs gestreut. Die Metastasen waren längst übergesiedelt in ihre Lunge, ihren ganzen Körper. Sie kämpfte, aber all das nützte nichts. Der Krebs siegte.

Seit dem Tod meiner Oma– damals war ich elf Jahre alt – war der Brustkrebs Thema bei uns in der Familie. Freund:innen von mir ging es ähnlich: Sie alle kannten jemanden, der an Brustkrebs erkrankt oder gar daran gestorben war. Und das ist kein Wunder. Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Allein in Deutschland sind das jährlich 70.000 Frauen, bei rund 18.000 von ihnen verläuft die Erkrankung tödlich.

Was aber oft genug vergessen wird: Tödlich ist nicht der Tumor selbst, sondern seine Streuung im Körper. Metastasen. Kranke, verschleppte Zellen, die in andere Organe und Gewebe wandern und dort neue Geschwulste bilden.

Blindes Vertrauen: Brustkrebsvorsorge

Für meine Oma kam damals jede Hilfe zu spät. Vielleicht, denke ich manchmal, hätte die richtige Vorsorge sie retten können. Vielleicht würde sie dann noch leben.

Was ich aber sicher weiß, ist: Ich habe ein leicht erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Aber: Ich bin diesem Risiko nicht schutzlos ausgesetzt, ich kann zur Vorsorge gehen.

Die Besuche bei meiner Gynäkologin reichen mir dafür nicht. Und zum Mammografie-Scanning geht man erst ab einem Alter von 50 Jahren – und dann höchstens alle zwei Jahre.

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Ein Gynäkologe tastet die Brüste einer Patientin ab. In den meisten Fällen dauert das nicht länger als zwei Minuten.Bild: imago images / shotshop

Ich will mehr.

Also recherchiere ich – und stoße auf "Discovering Hands", eine taktile, also auf Abtasten beruhende Brustuntersuchung, die von Blinden oder stark sehbehinderten Frauen durchgeführt wird. Ihr Tastsinn soll dabei helfen, verdächtiges Gewebe in der Brust frühzeitig zu erspüren: Verhärtungen, Knötchen, Zysten. Denn tasten können diese speziell geschulten Frauen so gut wie sonst nur wenige.

Für 20 Prozent der Frauen käme Mammografie zu spät

Die Idee, den außergewöhnlichen Tastsinn sehbehinderter Frauen zur Früherkennung von Brustkrebs zu nutzen, hatte der Duisburger Frauenarzt Frank Hoffmann im Jahr 2005. Damals wurde die Mammografie als routinemäßige Vorsorgeuntersuchung eingeführt.

Das Problem, das der Gynäkologe sah: Etwa 20 Prozent der Frauen sind unter 50 Jahre alt, wenn sie Brustkrebs bekommen. Für sie käme die Mammografie zu spät. Die taktile Brustuntersuchung durch sehbehinderte Frauen soll genau da ansetzen.

Ich will einen Versuch wagen und entschließe mich dazu, einen Termin zur Brustkrebsvorsorge zu vereinbaren. Schnell stoße ich auf eine Hamburger Frauenarztpraxis, die die taktile Brustuntersuchung anbietet. Denn auch, wenn die Untersuchung von sogenannten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTU) durchgeführt wird, findet sie unter ärztlicher Verantwortung statt.

Dann endlich ist es so weit – mein Termin bei der MTU Caroline Schoeniger steht an. Lange Zeit hat die Hamburgerin als Grafikerin gearbeitet, doch ihre Augen wurden schlechter und schlechter – zahlreicher Augen-OPs zum Trotz.

Caroline Schoeniger arbeitet seit fünf Jahren als Medizinisch-Taktile Untersucherin.
Caroline Schoeniger arbeitet seit fünf Jahren als Medizinisch-Taktile Untersucherin.bild: watson / josephine andreoli

Ihr war schnell klar: Den Beruf als Grafikerin würde sie nicht länger ausüben können. Über ihre Augenärztin hat Schoeniger schließlich von "Discovering Hands" erfahren – und hatte Glück: Ihre neunmonatige Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin wurde übernommen. Seit fünf Jahren pilgert Schoeniger durch verschiedene Frauenarztpraxen, tastet nach Knötchen, Verhärtungen, Auffälligkeiten.

Blindes Vertrauen in
den Tastsinn der MTU

Bevor sie mit der Tastuntersuchung startet, hat Schoeniger allerlei Fragen an mich: Wann – auf den Tag genau – meine letzte Periode war, ob ich Medikamente nehme, ob es Fälle von Brustkrebs in der Familie gibt, ob ich regelmäßig zur Vorsorge bei meiner Gynäkologin bin, ob ich meine Brüste selbst abtaste.

Wann sollte ich meine Brust abtasten?
Der ideale Zeitpunkt, um seine Brust auf Auffälligkeiten hin abzutasten, ist drei bis zehn Tage nach Einsetzen der Periode. Das hängt damit zusammen, dass das Gewebe dann am entspanntesten ist.
Insbesondere vor dem Einsetzen der Periode kann sich das Gewebe knotig anfühlen, was in den meisten Fällen aber mit dem hormonellen Status zusammenhängt.

Nachdem der Anamnesebogen ausgefüllt ist, muss ich mich schließlich ausziehen. Schoeniger bittet mich, mich mit nacktem Oberkörper in Rücklage auf die Behandlungsliege zu legen, tastet mit ihren Händen zunächst die Lymphabflusswege der Brust ab. Dafür fährt sie mit ihren Fingern entlang meiner Schlüsselbeine bis hoch zum Hals, tastet mich unter den Achseln ab.

Alles in Ordnung.

Auf dem Behandlungstisch tastet sie nach rot-weiß-gemusterten Klebestreifen, die Schoeniger mir auf die Brust klebt. Diese bilden für sie eine Art Koordinatensystem, an dem sie sich orientieren kann. Sollte sie eine Auffälligkeit, ein Knötchen oder eine Verhärtung entdecken, würde sie die Stelle entsprechend markieren, den Befund dokumentieren.

Die Klebestreifen auf der Brust dienen den Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen zur Orientierung.
Die Klebestreifen auf der Brust dienen den Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen zur Orientierung.bild: discovering hands

Zentimeter für Zentimeter tastet sie meine Brüste ab. Zunächst die rechte, dann die linke. Dafür bohrt sie ihre Finger durch drei Tiefenschichten in meine Brust, die aus drei verschiedenen Gewebearten besteht: Fettgewebe, Bindegewebe und Drüsengewebe. Unter das Drüsengewebe fallen sowohl die Milchläppchen als auch Milchgänge. Entsteht Krebs, dann vor allem im Drüsengewebe.

Schoeniger ist konzentriert, aber ihre Hände arbeiten wie von allein. Tasten, spüren nach.

Wer trägt die Kosten für die Untersuchung?
Die Kosten für die Tastuntersuchung durch die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen werden derzeit von 32 gesetzlichen sowie allen Privatversicherungen übernommen. Eine Liste der Krankenkasse, die die Untersuchung übernehmen, findest du hier.

Wessen Krankenkasse die Untersuchung nicht übernimmt, der kann vor Ort in der Praxis zahlen. Die Kosten belaufen sich auf rund 65 Euro.

Ich presse die Lippen aufeinander. Ein bisschen weh tut das schon. Aber es ist auszuhalten. Auf meine Frage, wie es anderen Frauen geht, schmunzelt Schoeniger. Jede einzelne Frau empfinde die Untersuchung anders – einige würden lachen, andere fänden es kaum aushaltbar, wieder andere angenehm.

Ganze 40 Minuten dauert es, bis Schoeniger schließlich in die Hände klatscht. Geschafft! Und sie hat gleich eine gute Nachricht für mich: Alles ist in Ordnung. Keine Auffälligkeiten, keine Knötchen, keine Verhärtungen.

Ich atme erleichtert auf.

Die innere Anspannung lässt nach.

Auch wenn ich jung bin und auch wenn ich nicht wirklich geglaubt habe, dass Schoeniger eine Auffälligkeit ertasten würde – die Sorge, ebenfalls Brustkrebs zu bekommen, so klein sie auch sein mag, ist immer da.

Und was, wenn sie doch mal eine Auffälligkeit ertastet?

Dann markiert Schoeniger die Stelle in ihrem Koordinatensystem, dokumentiert sie schriftlich und holt einen Arzt oder eine Ärztin hinzu. Diese:r tastet noch einmal nach und überprüft den Befund der MTU via Ultraschall: Mal handelt es sich um eine verhärtete Drüse, mal um eine gutartige Veränderung – dann ist die Erleichterung groß. Und mal können auch die Ärzt:innen nicht genau sagen, ob es sich um eine gut- oder bösartige Veränderung im Gewebe handelt. Dann bekommt die betroffene Patientin eine Überweisung zur Mammografie.

Veränderungen, so klein wie die pinke Kugel, können die MTUs ertasten
Veränderungen, so klein wie die pinke Kugel, können die MTUs ertastenbild: discovering hands

Aber manchmal entdecken die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen tatsächlich auch Tumore. Dann wissen die Frauen zumindest frühzeitig Bescheid, können den Krebs bekämpfen. Denn tödlich ist nicht der Tumor selbst, sondern seine Streuung im Körper.

Vielleicht rettet genau diese Vorsorge das Leben der Frau und vielleicht hätte auch meine Oma den Krebs bekämpfen können, wenn ihr Tumor früher entdeckt worden wäre.

Was ich aber sicher weiß, ist: Ich werde wiederkommen. Ich werde mein Risiko, selbst an Brustkrebs zu erkranken, in Schach halten.

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Früher legte man als junger Mensch auf Reisen ein umfangreiches Online-Tagebuch in Form eines Weblogs an, um die Zuhausegebliebenen an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Wie auch sonst, telefonieren war meist zu teuer, SMS schreiben zu knapp und freies WLAN gab es im Hotel nur, wen man sehr großes Glück hatte. Das Ergebnis war größtenteils nur für die Eltern spannend, der Rest fand den Schulaufsatz-artigen Reisebericht meist so spannend wie eine Doku über Einsiedlerkrebse.

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