Eine soziale Phobie macht vor allem eines: einsam.
Eine soziale Phobie macht vor allem eines: einsam. Bild: Getty Images / CandyRetriever
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"Ich habe mich kaum mehr aus dem Haus getraut": Wie sich eine soziale Phobie anfühlt

10.08.2022, 16:1211.08.2022, 16:07

Es ist normal, dass man sich mitunter vor sozialen Situationen fürchtet, wenn man zum Beispiel neu in eine Gruppe von Menschen kommt, wie bei Schul- oder Jobwechsel oder beim Studienbeginn.

Aber es gibt Menschen, denen jegliche Art von sozialer Situation Angst macht oder allein der Gedanke daran Stress verursacht: Die Geburtstagsparty bei Freunden oder der erste Seminarbesuch im neuen Semester.

Wenn diese Angst immer da ist, einen belastet und in der persönlichen Lebensführung einschränkt: Dann könnte es sein, dass man unter einer sozialen Angststörung leidet.

Das Institut für Psychologie der Universität Bern versucht, mit dem Online-Programm "Shyne" Menschen mit sozialer Angststörung einen Therapieansatz zur Verfügung zu stellen. Das Programm bietet in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe und kann – unter bestimmten Voraussetzungen – so wirksam sein, wie eine normale Gesprächstherapie.

Ein Vorteil von Online-Therapien ist die flexible und selbstbestimmte Nutzung. Für Menschen, die weit entfernt von Therapieangeboten wohnen, keinen Therapieplatz finden, oder sogar aufgrund starker Ängste das Haus nicht verlassen können.

Paul E. (Name von der Redaktion geändert) ist 32 Jahre alt, ihm hat "Shyne" geholfen. Er litt jahrelang unter sozialer Phobie, konnte mit niemandem Kontakt aufnehmen, war einsam und brach sogar sein Studium ab.

Watson hat mit Paul über seine Ängste, die Ursachen und die Herausforderungen der Therapie gesprochen.

Watson: Wovor genau hattest du Angst?

Paul E.: Tatsächlich habe ich sie noch. Und Ängste sind auch etwas Irrationales. Wenn die weg sind, weiß man gar nicht mehr so recht, was genau die Ursache war. Aber ich habe mir Gedanken gemacht über meine Vergangenheit und wovor ich grundsätzlich Angst hatte: Alles, was mit Leuten zu tun hat, irgendwie im Mittelpunkt stehen. Auch nur auf der Straße, unter Leuten zu sein, vor Leuten etwas tun oder sprechen natürlich.

Die schlimmste Zeit für mich war so Anfang 20. Eigentlich habe ich mich kaum mehr aus dem Haus getraut, weil ich solche Angst hatte, dass Leute mich einfach irgendwie auslachen. Ich dachte, ich sähe nicht gut genug aus. Ich hatte Angst, irgendwie fehl am Platze sein, bewertet zu werden, negativ abgewertet zu werden.

Lachen gerade alle über mich? Menschen mit sozialen Phobien stellen sich diese Frage häufig.
Lachen gerade alle über mich? Menschen mit sozialen Phobien stellen sich diese Frage häufig.Bild: iStockphoto / shironosov

Ist das durch die Therapie besser geworden?

An schlechten Tagen kommt es immer noch hoch, dass ich ein Lachen, vor allem von jungen Leuten, so interpretiere und denke, die lachen über mich. Mittlerweile kann ich das gedanklich abwenden, aber früher war das so krass, dass ich wirklich völlig sicher war: Die lachen jetzt über mich. Ich habe mich so schlecht gefühlt und bin dann wieder nach Hause, weil es so schrecklich war.

"Als ich auf die Uni gegangen bin, habe ich nach einem Jahr abgebrochen. Ich konnte nicht am Unterricht teilnehmen."

Vielleicht haben die gekichert, weil sie dich gut aussehend fanden?

Nee, das habe ich nicht so verstanden.

Was unterscheidet deinen Gefühlszustand von Menschen, die einfach sehr schüchtern sind?

Schüchtern sind viele, aber ich habe schon den Eindruck, dass es einen Unterschied gibt zwischen Schüchternheit und wirklich krasser Angst. Zum Beispiel als ich auf die Uni gegangen bin, habe ich nach einem Jahr abgebrochen. Ich konnte nicht am Unterricht teilnehmen. Ich habe an der Uni offene Seminare gehabt und konnte den Mund einfach nicht öffnen. Ich war so unglücklich. Ich habe auch niemanden kennengelernt in dieser Zeit. Ich war komplett alleine mit meinen Ängsten und Gedanken. Das ist nicht normal, dass man gar nicht am Leben teilnehmen kann.

Weißt du inzwischen, was der Grund ist für die Ängste?

Grundsätzlich gibt es drei Faktoren: Einen genetischen Faktor kann man nicht leugnen. Und dann gibt es Umweltfaktoren, die Kindheit oder auch sonstige Lebenserfahrungen, und einfach generell Stress und Belastung. Ängstliche Menschen sind besonders sensibel in den meisten Fällen. Daraus kann sich ein Teufelskreis entwickeln, weil die Eltern das sensible Kind besonders beschützen wollen. Indem sie es beschützen, verwehren sie ihm auch Erfahrungen, die es vielleicht weniger sensibel machen könnte. Und das macht das Kind dann noch empfindlicher und sie wollen es noch mehr beschützen.

"Es gab wirklich ein paar Jahre, da hatte ich eine schlimme Zeit. Meine Freunde waren weg und ich konnte keine Neuen finden."

Trifft das bei dir zu?

Zu 100 Prozent. Das hat auch meine Schwester mal gesagt. "Unsere Mutter, die hat dich einfach so in Schutz genommen." Also das scheint wirklich genau so stattgefunden zu haben.

Warst du dann sehr zurückgezogen? Wie sah es mit Beziehungen aus, hattest du Freunde?

Als kleines Kind hatte ich das nicht, da war ich extrovertiert und aufgeschlossen. Dann hat es plötzlich in der Grundschule angefangen. Aber dennoch, auf dem Gymnasium hatte ich eigentlich, was Freundschaften angeht, eine sehr gute Zeit. Aber das ist komplett zusammengebrochen, weil sich meine besten Freunde danach in der Welt verstreut haben. Es gab wirklich ein paar Jahre, da hatte ich eine schlimme Zeit. Meine Freunde waren weg und ich konnte keine neuen finden. Ich war fast 24, als ich meine erste Freundin hatte.

"Ich ging zu einer Abschiedsparty von Kollegen und ich hatte wahnsinnig viele negative Gedanken vorher."

Wenn du dein jetziges Leben in sozialen Situationen zur Lage vor der Therapie vergleichst, wo siehst Du Unterschiede?

Es ist sehr schwer, das so ganz konkret zu sagen, aber die Frage, die ich mir stelle, ist: "Was macht mir Angst?" Mir ist aufgefallen, dass es schon weniger geworden ist. Dass ich einfach weniger Angst habe vor Menschen, ich habe mehr Vertrauen, dass die Leute mich nicht auslachen.

Kannst du Beispiele nennen?

Ich ging damals zu einer Abschiedsparty von Kollegen und ich hatte wirklich wahnsinnig viele negative Gedanken vorher: Niemand will mit mir sprechen und die finden mich alle doof und so. Ein Teil der Shyne-Therapie war, ein Protokoll zu schreiben über Angstsituationen. Das wusste ich so genau alles gar nicht mehr. Als ich das jetzt wieder gelesen habe, dachte ich: "Wow, das ist ja krass." Ich musste mich daran erinnern, wie es vorher war, um zu merken: Das hat sich alles verbessert.

Das Vermeiden von sozialen Situationen schränkt das Leben stark ein. Oft werden auch schöne Momente verpasst.
Das Vermeiden von sozialen Situationen schränkt das Leben stark ein. Oft werden auch schöne Momente verpasst.Bild: iStockphoto / Lipik1

Wenn du nun eine klassische Therapie vergleichst mit einer Online-Therapie: Wo liegen die Vor- und Nachteile?

Ich glaube, es gibt Vor- und Nachteile bei beiden Varianten. Ich kann mir gut vorstellen, weiter eine Therapie zu machen. Ich würde aber dann versuchen, einen guten Therapeuten zu finden und davor habe ich eigentlich die meiste Angst.

Und wie siehst du die Online-Therapie?

Das Programm ist kostenlos und du kannst es machen, wann immer du Zeit hast. Ich habe dann auch wirklich viel Zeit investiert – sicherlich fünf Stunden pro Woche, eigentlich mehr, als es verlangt wurde. Aber ich glaube, es lohnt sich, sich da ein bisschen Zeit zu nehmen.

"Natürlich braucht eine Online-Therapie noch ein bisschen mehr Selbstdisziplin."

Worum geht es in der Therapie konkret?

Es geht eigentlich darum, dass du deine Probleme selbst für dich aufschreibst. Man schreibt für die Therapie Gedanken auf, körperliche Reaktionen und probiert dann, diese Stresssituation unter Kontrolle zu bringen. Ich glaube, dass das schon hilft. Es ist wie eine Art Selbsttherapie.

Was hat dich dabei am meisten herausgefordert?

Am Schluss geht es darum, alles Gelernte in der Realität zu testen, sich bewusst Situationen auszusetzen. Ich fange mit der einfachsten Situation an, mit dem, was mir am wenigsten etwas ausgemacht hat und gehe dann weiter. Es basiert alles auf Selbstmotivation.

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