Der 1. September ist für ukrainische Schüler:innen der Start in ein neues Schuljahr.
Der 1. September ist für ukrainische Schüler:innen der Start in ein neues Schuljahr.Bild: www.imago-images.de / imago images
Nah dran

Schüler berichten vom neuen Schuljahr in der Ukraine: "Das Lernen verscheucht schreckliche Gedanken"

07.09.2022, 19:0208.09.2022, 11:22

Irgendwann wird selbst ein Ausnahmezustand zum Alltag.

Deshalb begann in der Ukraine am 1. September auch wieder ein neues Schuljahr. Vor allem für die Schulanfänger:innen ist der erste Schultag ein aufregendes Ereignis: Hübsch herausgeputzt in traditioneller Kleidung oder Schuluniform strömten die Erstklässler:innen in die Klassenzimmer – sofern diese von den russischen Bomben verschont wurden.

Viel ist nicht mehr übrig: 2400 Schulen sind teilweise zerstört, knapp 300 dem Erdboden gleichgemacht. "Es können nur so viele Kinder in die Schule kommen, wie es Plätze im Bunker gibt", erklärt Unicef-Sprecher James Elder. In einem herzergreifenden Video in einer zerstörten Schule spielt er nach, wie sich ein Fünfjähriger normalerweise an seinem ersten Schultag fühlt, was er erlebt.

In krassem Kontrast dazu in den Bildern zu sehen: Zerstörung und Leere.

Da es zu wenig Schulen gibt für all jene, die trotz Krieg noch im Land bleiben, wurden einige Klassenzimmer provisorischen in Schutzräumen oder leerstehenden Häusern eingerichtet. Denn der Krieg gehört auch im Unterricht zum Alltag. Auf dem Stundenplan für dieses Jahr stehen deshalb zum Beispiel Bombenschutztrainings – auch für die Erstklässler:innen.

Denn viele ukrainische Kinder besuchen weiter den Unterricht, obwohl Krieg im Land herrscht. Obwohl sie jeden Tag, den sie in ihre Bildung investieren, mit ihrem Leben bezahlen könnten.

Bei der Bildung ist die Ukraine weit vorne

Dass der Ukraine ihre Bildung wichtig ist, wurde vor allem deutlich, als die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka bei der Kultusministerkonferenz in Hamburg darauf beharrte, die ukrainischen Schüler:innen nicht in deutschen Willkommensklassen unterzubringen. Stattdessen sollten sie im Ausland über Online-Kurse weiter von der Ukraine aus unterrichtet werden. Diese Ankündigung kam nicht überall gut an.

Ihre Entscheidung begründete Tybinka jedoch damit, dass der Aufenthalt in Deutschland nur vorübergehend sei. Die ukrainischen Schüler:innen bräuchten eine Kontinuität im Bildungsprozess und müssten ihre nationale Identität beibehalten.

Eine Zeremonie zum "Knowledge Day", dem Feiertag zu Einschulung, in Lugansk.
Eine Zeremonie zum "Knowledge Day", dem Feiertag zu Einschulung, in Lugansk. Bild: www.imago-images.de / imago images

So startet das ukrainische Schuljahr nicht nur für die Kinder innerhalb des Landes, sondern auch für jene, die flüchten mussten. Millionen schulpflichtige Kinder haben seit dem Ausbruch des Kriegs das Land verlassen und nehmen nun online am Unterricht teil.

Laut Stephan Bayer, dem Gründer der Online-Lernhilfe Sofatutor, ist dies kein großes Problem. Gegenüber watson sagt er: "Was digitale Bildung angeht, kann sich Deutschland einiges von der Ukraine abschauen." Es gebe ein umfassendes Angebot an digitalen Lehrmitteln. Das sei teilweise auch der Corona-Pandemie zu "verdanken", wenn man es denn so nennen möchte.

Er ergänzt:

"Im Rahmen der Pandemie wurde die ukrainische Online-Schule entwickelt, die für die Jahrgänge fünf bis elf neben Video-Tutorials und Tests auch Materialien zum selbstständigen Arbeiten in 18 Hauptfächern enthält. Abgesehen davon existiert auch noch die digitale ukrainische Schulbuch-Mediathek. Das ist eine Sammlung von über 1200 digitalen Schulbüchern, die online verfügbar sind. Davon können wir in Deutschland nur träumen."

Große Vorfreude aufs neue Schuljahr

Die 15-jährige Khrystyna, die in der Umgebung von Lwiw wohnt, freut sich jedenfalls über den Start ins neue Schuljahr. Sie versucht trotz der schlimmen Lage im Land nach vorne zu schauen: "Mit der Hilfe meiner Familie und Freunde habe ich mich schließlich zusammengerissen und lebe mein Leben nach all diesen tragischen Ereignissen weiter", schreibt sie uns über den Messenger-Dienst Signal. "Zur Schule zu gehen, hilft mir dabei, weiterzumachen."

Dazu gehört für sie gerade auch, neue Freunde zu finden, in die Schule zu gehen, zu lernen und ihren neuen Wohnort zu erkunden.

Khrystyna ist aus Mariupol nach Lwiw geflüchtet.
Khrystyna ist aus Mariupol nach Lwiw geflüchtet.bild: privat
"Ich habe wirklich Angst, wieder dorthin zurückzugehen."
Schülerin Khrystyna

Leicht war der Weg dahin nicht.

Eigentlich kommt Khrystyna aus der Stadt Mariupol, die stark von russischen Angriffen betroffen ist. Sie sagt: "Ich habe wirklich Angst, wieder dorthin zurückzugehen."

Als wir nachfragen, warum, antwortet sie nur: "Erinnerungen."

Ein einziges Wort, das alles erklärt in einem Land, in dem unvorstellbare Massaker passiert sind.

An ihrer Schule gebe es aber Sicherheitsvorkehrungen. Dort fühle sie sich relativ sicher.

Welche genau, darf Khrystyna nicht sagen.

Einige Schüler:innen in der Ukraine lernen lieber von zu Hause aus

Die 14-jährige Viktoria aus Cherkasy dagegen ist der Schulbesuch zu unsicher. Sie nimmt von zu Hause aus am Unterricht teil. Viele ihrer Schulkamerad:innen, die ebenfalls virtuell im Unterricht sitzen, befinden sich nicht in der Ukraine, sondern im Ausland. Auch ihre eigenen Freunde sind nicht in derselben Schule, sondern innerhalb der Ukraine verstreut.

"Es ist manchmal hart, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, wenn Krieg ist."
Viktoria aus Cherkasy
Viktoria hat große Pläne für die Zukunft.
Viktoria hat große Pläne für die Zukunft.bild: privat

"Es ist manchmal hart, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, wenn Krieg ist", schreibt uns Viktoria. Jedoch liege Cherkasy relativ weit weg von der Frontlinie.

Der Krieg begleitet sie trotzdem jeden Tag: "Aber wenn der Luftalarm losgeht, ist es gefährlich, rauszugehen und ich bleibe zu Hause." Trotz der Gefahr will Viktoria in der Ukraine bleiben und studieren – wegen der guten Universitäten. Aber auch, weil sie ihr Land liebt. "Mein Traum ist es, eine berühmte Fashion-Designerin zu werden", verrät sie uns.

Viele Schulen haben starke Sicherheitsmaßnahmen

Uliana ist ebenfalls aus Mariupol und lebt derzeit in Lwiw. Sie geht regelmäßig in die Schule. "Viele Kinder machen Distanzunterricht, aber meine Schule hat einen Schutzraum. Deswegen gehen wir jede Woche abwechselnd in die Schule oder bleiben zu Hause. Jede Klasse in einer anderen Woche, damit weniger Menschen in der Schule sind."

Die 15-jährige Uliana geht sehr gern in die Schule.
Die 15-jährige Uliana geht sehr gern in die Schule.bild: privat

Trotz der russischen Angriffe hat Uliana keine Angst davor, in die Schule zu gehen. "Ich fühle mich sicher, die Schule hat meine Sicherheit von vorne bis hinten durchdacht", sagt sie zu uns. Dazu gehören unter anderem Sicherheitskräfte und Überwachungskameras. Selbst mit dem Ausbruch des Kriegs stoppte der Unterricht nicht, "es gab nur weniger Hausaufgaben".

Schüler:innen in Butscha betreten während eines Trainings einen Bombenschutzkeller in ihrem Gymnasium.
Schüler:innen in Butscha betreten während eines Trainings einen Bombenschutzkeller in ihrem Gymnasium.Bild: imago images
"Das Lernen verscheucht schreckliche Gedanken."

Wie Khrystyna und Viktoria, ist auch Uliana sehr glücklich darüber, wieder den Unterricht zu besuchen: "Das Lernen verscheucht schreckliche Gedanken", schreibt sie. Ihr Lieblingsfach an der Schule ist Chemie.

Die Hälfte von Ulianas Freund:innen lebt weiterhin in Mariupol. Um diese macht sich die Schülerin große Sorgen. An die 20 Schüler:innen in ihrer Klasse nehmen online aus anderen ukrainischen Orten teil. Für Uliana ist das aber nichts Besonderes: "Es ist eben Distanzunterricht, wie während Corona", sagt sie.

Was eine Ausnahme sein sollte, ist in der Ukraine die neue Realität.

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