Leben
A lonely senior woman in wheelchair at home at Christmas time, looking out of a window.

Viele ältere Menschen leben in Einsamkeit – ein Problem, das zu Weihnachten besonders akut wird (Symbolbild). Bild: iStock / Getty Images Plus EllenaZ

Reportage

Hotline für Senioren: "Zur Weihnachtszeit wird die Einsamkeit unerträglich"

Jana Schütt
Jana Schütt

Eveline Harder ist 78 Jahre alt und überlässt nichts dem Zufall. Zum Interview mit watson erscheint sie von Kopf bis Fuß in Weinrot gekleidet. Selbst Nagellack, Lippenstift und Brille sind farblich perfekt abgestimmt. Den einzigen Kontrast bilden ihre leuchtend weißen Haare.

Sie hat kein Problem damit, aus der Masse herauszustechen – das gilt nicht nur für ihren Kleidungsstil. Die toughe Rentnerin nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht offen über ein Tabu-Thema, das die meisten verstummen lässt: Einsamkeit im Alter. Eveline Harder kennt die innere Unruhe, wenn es daheim plötzlich still wird. Weiß, wie es ist, wenn keiner mehr zum Reden da ist.

Deshalb engagiert sie sich bei Silbernetz, einer kostenlosen Gesprächs-Hotline für Berliner Senioren, die von Elke Schilling gegründet wurde. Das Ziel: einsamen älteren Menschen aus der sozialen Isolation helfen. Ein Service, der gerade zur Weihnachtszeit für viele zur letzten Rettung wird.

Watson hat Eveline Harder und Elke Schilling im Berliner Stadtteil Wedding besucht. Hier liegt, versteckt in einem Wohnhaus, das Silbernetz-Büro, in dem tagtäglich einsame Senioren aus ganz Deutschland das finden, was sie sonst vergeblich suchen: jemanden, der ihnen zuhört.

Alles begann mit einem unbemerkten Tod

Silbernetz ist eine der Ideen, bei denen man sich fragt: Sowas gab es vorher noch nicht? Nein, gab es in Deutschland tatsächlich nicht. Bis Elke Schilling kam, eine Frau mit kurzen Haaren und unbändigem Lachen.

Als ehemalige Vorsitzende der SeniorInnenvertretung Berlin Mitte und jahrelange Ehrenämtlerin am Krisentelefon kannte sie die Probleme der oft vergessenen älteren Generation. Den endgültigen Anstoß, aktiv zu werden, gab ihr dann der einsame Tod eines Nachbarn. Wenn sie davon erzählt, verschwindet das Lachen kurz aus ihrem Gesicht.

"Ich hatte ihn bei meinem Umzug nach Berlin kennengelernt und wir haben uns gut verstanden. Mit der Zeit merkte ich, dass der alte Mann stiller wurde und sich zurückzog. Ich bot ihm Hilfe an, doch er lehnte ab und betonte, dass alles okay sei. Vier Monate später wurde er in seiner Wohnung gefunden – er war bereits seit Wochen tot."

Etwa zur gleichen Zeit erfuhr Schilling von der Britischen Silver Line Helpline, die 2014 startete – und überlegte nicht lang. "Ich flog nach London, traf die CEO und kam mit der Idee zurück, Silbernetz in Deutschland aufzubauen".

Vier Jahre und zahlreiche Kämpfe um die Finanzierung später, war es im September 2018 soweit: Silbernetz öffnete offiziell die Leitungen und nahm seitdem über 9000 Anrufe von einsamen Senioren an. Täglich von 8 bis 22 Uhr ist die kostenlose Nummer für Senioren ab 60 Jahren erreichbar.

Neben dem anonymen Silbertelefon gibt es für Senioren zudem die Möglichkeit einer Silbernetz-Freundschaft, bei der sie wöchentlich von derselben Person angerufen werden. Möglich machen das neben 21 Hauptamtlichen derzeit 33 Ehrenamtliche – eine von ihnen ist Eveline Harder.

Mit seiner Einsamkeit ist niemand allein

Was Harder von den meisten Haupt- und Ehrenamtlichen bei Silbernetz unterscheidet: Sie kennt sich auf beiden Seiten der Leitung aus. Die Seniorin weiß, wie sich Alterseinsamkeit anfühlt und welche Probleme die Anrufer belasten. "Bei mir müssen sie nichts erklären. Ich kann mit ihnen über Dinge reden, die junge Menschen nicht erlebt haben, zum Beispiel den Krieg."

"Für viele Anrufer ist der Krieg ein wichtiges Thema. Denn die Vergangenheit ist am lebendigsten, wenn man nur noch sich selbst hat."

Eveline Harder

Rund acht Millionen Deutsche zwischen 60 und 99 Jahren sind laut Berechnungen von Silbernetz zeitweise von Einsamkeit und sozialer Isolation betroffen. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Auch Harder verlor nach und nach all ihre Liebsten. "Und mein Bekanntenkreis schrumpft weiter: Allein dieses Jahr war ich auf acht Beerdigungen", erzählt die Rentnerin. Der Tod ist für sie zu einem ständigen Begleiter geworden, genau wie die Einsamkeit.

"Einsamkeit ist mit dem
Stigma belastet, selbst Schuld
zu sein."

Eveline Harder

Anders als Harder fällt es den meisten Senioren schwer, ihre Isolation zuzugeben, da das Tabuthema mit viel Scham belegt ist. Stattdessen suchen die Senioren nach kreativen Wegen, ihrer Einsamkeit zumindest für einen Moment zu entkommen.

"Ältere Menschen gehen oft zur Rush Hour einkaufen, obwohl sie den ganzen Tag Zeit haben. Sie genießen es, endlich wieder unter Leuten zu sein. Obwohl sie wissen, wo Butter und Mehl stehen, fragen sie die Verkäufer, um einfach mal wieder mit jemandem zu sprechen."

Eveline Harder

Wenn das Fest der Liebe zum Albtraum wird

Besonders häufig klingelt das Telefon in der Silbernetz-Zentrale an den Feiertagen. "Wenn alle mit Familie oder Freunden feiern und man selbst niemanden mehr hat, fällt die Lücke an diesen Tagen der Besinnlichkeit umso stärker auf", erklärt Schilling. "Das hat zuletzt der viel diskutierte Edeka-Weihnachtsspot gezeigt."

Aus diesem Grund wird vom 24. Dezember bis 1. Januar aus dem Silber- erneut das Feiertagstelefon. Dank der Unterstützung von Ehrenamtlichen ist es, im Gegensatz zur normalen Hotline, in diesem Jahr erstmals rund um die Uhr besetzt und bundesweit verfügbar.

Und so beginnt der Hauptteil der Arbeit im kleinen Silbernetz-Büro dann, wenn sich überall anders der Weihnachtsurlaub nähert.

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Bild: Getty Images / watson Montage

Watsons Reihe: "Menschen, die zu Weihnachten helfen"

Weihnachten bedeutet für viele Menschen nicht nur das Fest der Liebe: Für einige ist es die Zeit, in der sie besonders unter Einsamkeit, Armut oder Kälte leiden. Dagegen setzen sich viele Helfer ein. Diese Helfer sind natürlich nicht nur in der Weihnachtszeit aktiv. Wir wollen die besinnliche Jahreszeit allerdings nutzen, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen: Jeden Tag bis Weihnachten stellt watson deswegen einen Menschen oder eine Organisation vor, die sich zur Weihnachtszeit für andere einsetzen. Zum Inspirieren, Nachdenken und vielleicht auch Nachahmen.

Alle Texte zum Nachlesen:

- Harald Prokosch hilft Menschen, die wenig Geld haben
- Doris Wessels erfüllt Sterbenden den letzten Wunsch
- Matthias Spreemann rettet Obdachlose vor der Kälte

Auch Harder wird ihren diesjährigen Heiligabend am Telefon verbringen. Es wird gleichzeitig ein Jubiläum für sie: Vor genau einem Jahr an Heiligabend begann sie ihr Ehrenamt bei Silbernetz und telefonierte von Mitternacht bis 8 Uhr morgens mit einsamen Menschen.

"Zu Weihnachten wird die Einsamkeit unerträglich.
Einige der Senioren gehen aus Einsamkeit früh ins Bett, wachen mitten in der Nacht auf und wissen nicht, was sie tun sollen."

Eveline Harder

Die Seniorin hat selbst erfahren, wie bedrückend das Fest der Liebe ist, wenn keiner mehr da ist, den man liebt. Seit 2014 verbringt sie Weihnachten alleine. Zweimal unternahm sie erfolglos den Versuch, der Einsamkeit an den Festtagen zu entkommen.

"2016 war ich bei einem Filmabend in einem Berliner Kino. Mit dem Bus fuhr ich allein durch das verschneite Berlin – alles war wunderschön beleuchtet. Als ich am Kino ankam, stand ich mit meinem Sekt alleine in einer Masse von kleinen Gruppen. Ich habe mich noch einsamer gefühlt als zuvor. Ich bin vorzeitig nach Hause gefahren und wünschte mir, ich wäre Zuhause geblieben – es war ein Reinfall."

Im Jahr darauf lud sie eine Bekannte ein, die mittags an Heiligabend per SMS spontan absagte: "Da war meine Weihnachtsstimmung ein für alle Mal gelaufen. Ich wusste, nächstes Jahr muss sich etwas ändern".

Und so meldete Harder sich bei Silbernetz und verbrachte die Festtage 2018 erstmals mit anonymen Anrufern, denen es ging wie ihr. "Für mich war es das beste Weihnachten seit Langem."

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Eveline Harder vor dem Silbernetz-Büro. Zu erreichen ist die kostenlose Hotline unter: 0800 4 70 80 90

Das Telefon gibt die lang verlorene Kontrolle zurück

Die Arbeit bei Silbernetz hat Harder so gut gefallen, dass sie auch ein Jahr später noch leidenschaftlich dabei ist. Sie weiß, wie wichtig die Arbeit am Telefon für die Senioren ist, denn oft ist Einsamkeit der Anfang einer langen Problemkette: "Mit dem Tod des Ehepartners werden die finanziellen Mittel oft knapp. Man kann gesellschaftlich nicht mehr an Dingen teilnehmen und zieht sich zurück". Mit dem Rückzug setzt bei vielen auch die Verwahrlosung und Depression ein.

"Man fragt sich: Wozu soll ich überhaupt noch aufstehen, mich waschen oder einkaufen?"

Eveline Harder

Die Probleme sind ernst: Jeder Zehnte erkrankt laut Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an Depressionen – junge ebenso wie alte Menschen. Bei Senioren bleiben Depressionen jedoch oft unerkannt, da sie von körperlichen Beschwerden überlagert oder als "natürliche Reaktion" auf Verlusterlebnisse des Alters fehlinterpretiert werden, erklärt die BZgA auf ihrer Website. Die Folge: Depressionen bleiben unbehandelt und Senioren ziehen sich immer weiter zurück.

"Der letzte Kontakt zur Außenwelt bleibt dann das Telefon."

Elke Schilling

Je länger die soziale Isolation andauert, desto größer werden die Hemmungen, wieder Kontakt zu Menschen zu suchen und beispielsweise an Nachbarschaftstreffen teilzunehmen, weiß Schilling: "Viele haben Angst vor einer fremden Umgebung und Abweisung."

Der Anruf bei Silbernetz ist mit deutlich weniger Hürden verbunden, erklärt die Initiatorin. "Man ist anonym, kann offen reden und jederzeit auflegen. Der Telefonhörer gibt vielen älteren Menschen die Kontrolle zurück." Es ist der Schutz vor Bewertung und den Blicken anderer, der Silbernetz für viele Senioren zur letzten Zuflucht macht, bestätigt auch Harder.

Bewusst ist der Claim vom Silbertelefon simpel formuliert: "Einfach mal reden."

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Elke Schilling in einer der vier Telefonkabinen von Silbernetz Bild: Silbernetz e.V.

Der Fernseher wird zum einzigen Sprachrohr

Egal ob Wetter, Fernsehprogramm oder Gesundheit – die Haupt- und Ehrenamtlichen hören sich an, was immer die Senioren auf dem Herzen haben. Wird es allerdings brenzlich, weil der Anrufer beispielsweise mit Suizid droht, leiten sie an Krisentelefone oder die Seelsorge weiter.

"Unsere Haupt- wie Ehrenamtlichen geben am Telefon unglaublich viel, auch wenn sie oft nur Zuhören."

Elke Schilling

In der Regel soll ein Gespräch um die 20 Minuten dauern, erklärt Schilling. "Aber es gibt Geschichten, die berühren und erzählt werden wollen. Da schaue ich nicht auf die Uhr." Und auch wenn das Telefon schon jetzt kaum stillsteht, weiß Schilling, dass sie mit Silbernetz längst nicht alle Isolierten erreichen.

"Die größte Schwierigkeit ist, einsame alte Menschen zu erreichen. Der wichtigste Kanal ist das, was jedem Haushalt steht: der Fernseher. Darüber sind die meisten Anrufenden bisher auf uns aufmerksam geworden. Unsere Message an junge Menschen ist deshalb: Erzählt den Älteren von Silbernetz."

Mit großen und kleinen Wünschen in die Zukunft

Im Hinblick auf das nächste Jahr wünscht sie sich deshalb, dass sich Organisationen finden, die Silbernetz auch in anderen Bundesländern aufbauen und bekannt machen. Außerdem ganz oben auf ihrer Silbernetz-Wunschliste: Spenden, um die Telefonkosten zu decken. Die belaufen sich pro Monat auf knapp 1800 Euro.

"Ich hoffe, dass wir es bald schaffen, das Silbernetztelefon bundesweit und rund um die Uhr anbieten zu können."

Eveline Harder hat zum Abschluss des Gesprächs nur einen einzigen Wunsch: Ein Foto von sich im Artikel, unter dem die Silbernetz-Telefonnummer steht. Ja, sie überlässt wirklich nichts dem Zufall. "Damit in Zukunft jeder einsame ältere Mensch genau weiß, wo und wen er anrufen kann."

Wenn du mithelfen möchtest, dass Silbernetz e.V. sein Angebot deutschlandweit ausbauen und so einsamen Menschen kann: Hier kannst du für das Projekt spenden. Du kannst auswählen, ob du einmalig eine Summe überweisen – oder das Projekt sogar dauerhaft unterstützen möchtest.

Stempelt psychische Erkrankte nicht als "Mega-Psychos" ab!

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