Was ist gesund? Was ungesund? Schlagzeilen zu immer neuen Studien darüber, welche Lebensmittel gut oder schlecht für den menschlichen Körper seien, gibt es viele. Das kann ganz schön verwirrend sein. Schließlich widersprechen sich zahlreiche Studienergebnisse beziehungsweise deren Interpretation häufig. Inwiefern diese Studien und deren Ergebnisse also verlässlich sind, ist fraglich. Doch Daten werden immer umfangreicher.
In der Wissenschaft zeichnet sich jedoch ein zunehmend klareres Bild dazu, wie gesunde Ernährung tatsächlich aussieht. So liegen laut des Forschers Tim Spector mittlerweile Daten von 500.000 Leuten vor. Sie liefern einen Einblick in deren Essgewohnheiten von vor zehn Jahren und darüber, wie es ihnen heute geht. Dies habe das Bild von gesunder und ungesunder Ernährung deutlich verändert. Er spricht von "einem Wendepunkt" und glaubt, dass es in Zukunft weniger Überraschungen geben wird. Der Forscher räumt mit einer Lebensmittel-Lüge auf und erklärt, worauf es wirklich ankommt.
Der Arzt schrieb bereits in seinem vor einem Jahr veröffentlichten Buch "Die Wahrheit über unser Essen", dass es noch nie so schwierig war, zu sagen, was gesund ist. Nun verrät er: Kalorien, Zucker und Fett sind nicht die entschiedensten Kriterien für eine ungesunde Ernährung. Dabei galten diese lange Zeit als die wichtigsten Faktoren.
Im Interview mit dem "Tagesspiegel" verrät er: "Wir finden zum Beispiel immer mehr Belege dafür, wie schlecht hoch verarbeitete Lebensmittel wie Fertiggerichte tatsächlich sind." Sie schaden demnach einerseits dem Darm. Andererseits regen sie den Appetit um bis zu 20 Prozent an. Damit steigern verarbeitete Lebensmittel auch das Risiko für Übergewicht. Er konkretisiert die schädlichen Auswirkungen:
Er will mit der "alten Kalorienmethode" aufräumen. Diese funktioniere nicht mehr. "Wir müssen aufhören, uns da was vorzulügen", sagt er.
Was das angeht, äußert er in dem Interview Kritik an Politik und Lebensmittelindustrie. "Die wollen, dass wir weiter in den alten Parametern denken", sagt er. Demnach möchte "keiner laut sagen", dass die Hälfte unseres Essens aus Fabriken stamme und ungesund sei. Denn: "Deutschland und Großbritannien haben eine große Nahrungsmittelindustrie, die ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor ist und viele Arbeitsplätze schafft."
Er geht sogar so weit, dass er sagt, hoch verarbeitete Lebensmittel seien kein wirkliches Essen. Was es dann sein soll? "Eine essbare, nahrungsmittelähnliche Substanz. Hergestellt aus Chemikalien, die Sie nicht in Ihrer Küche finden würden." Die meisten Dinge, die in deutschen Bäuchen lande, habe 20 Inhaltsstoffe, die eigentlich vermieden werden sollten. Zudem ginge es auch um die Dinge, die darin eben nicht zu finden sind: Genügend Ballaststoffe zum Beispiel. Er erklärt:
Studien zeigen vermehrt: Das ist nicht nur schädlich für die psychische Gesundheit, sondern auch für die Darmflora, führe zu Verstopfung und anderen gesundheitlichen Problemen. 95 Prozent der Menschen nehmen laut Spector zu wenig Ballaststoffe zu sich. "Aber darüber spricht keiner."
Und noch einen Tipp gibt er den Menschen mit auf den Weg: Auf die Gemeinsamkeiten in den Regionen mit den höchsten Lebenserwartungen weltweit angesprochen, verrät er den gemeinsamen Nenner: "Verbindend ist eher eine große Bandbreite an Lebensmitteln. Und wenig Hochverarbeitetes."
Zudem seien es meist sozial aktive Orte, oft hügelig, sodass die Bewohner:innen mobil sind und trainieren. Außerdem gebe es dort häufig lange Mahlzeiten mit mehreren Generationen am Tisch. Der soziale Aspekt sei also ebenfalls von großer Bedeutung.