Leben
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Ihr Sohn treibt unsere Autorin manchmal zur Weißglut. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / kieferpix

watson-Kolumne

Wütende Mutter: "Noch nie habe ich einen Menschen so angeschrien wie mein Kind"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Freunde und Familie beschreiben mich als ausgeglichenen, einfühlsamen und harmoniebedürftigen Menschen – mit einer ruhigen, verständnisvollen Art. Bei Streitereien bin ich stets der ausgleichende Puffer, der mit Freundlichkeit die angespannte Lage beruhigt. Explosive Ausraster, Lautwerden und wütendes Geschrei kämen bei einer Befragung garantiert nicht vor.

Blicke ich jedoch auf die vergangenen drei Jahre seit der Geburt meines Sohnes zurück, habe ich Emotionen durchlebt, von denen ich nicht wusste, dass ich dazu fähig sein würde. Bisher hat es kein anderer Mensch geschafft, mich dermaßen an meine Grenzen zu bringen. Noch nie in meinem Leben habe ich solche Aggressionen in mir gespürt. Und noch nie habe ich einen Menschen so angeschrien wie mein Kind.

Wie schafft es dieses Kind, mich so sehr aus der Fassung zu bringen?

Ich erinnere mich noch genau, wie ich eines Tages in der Küche stand und mit aller Kraft die Schiebetür zum Wohnzimmer zuhielt. Auf der anderen Seite mein brüllender zweieinhalb jähriger Sohn, der an der Tür riss und sich immer stärker in seine Wut hineinsteigerte. Ich wusste, wenn ich jetzt losließ, konnte ich für nichts mehr garantieren. Also warte ich ein paar Minuten, um mich herunterzufahren.

Und plötzlich blickte ich wie eine Außenstehende auf diese absurde Situation und fragte mich: Wie kann es dazu kommen, dass du dich als Mitte 30-Jährige durch eine verschlossene Tür vor einem 2-Jährigen schützen musst, um nicht völlig auszurasten? Wie schafft es dieses Kind, dich mit seinem lauten, provozierenden, verweigernden oder dauernörgelnden Verhalten so sehr aus der Fassung zu bringen?

"Im schlimmsten Fall wirft er am Ende den Ast nach mir, ich werde richtig wütend, weil der Schmerz dazu kommt. Im besten Fall kann ich ihn erpressen: Wenn du jetzt nicht aufhörst, gehen wir gleich nicht auf den Spielplatz."

Kleines Beispiel von heute: Während ich die Einkäufe nach drinnen bringe, steht mein Sohn an der Haustür. Ich höre wie er Motorgeräusche macht. Als ich wieder nach unten komme, sehe ich, wie er mit einem Ast – scheinbar seiner Motorsäge – am lackierten Holztürrahmen herumfuhrwerkt. Ich sage ihm in nettem Tonfall, er solle bitte aufhören, weil sonst die Tür kaputtgehe. Er fährt fort. Ich werde etwas lauter, sage, hör bitte auf, schau, hier geht schon die Farbe ab. Das spornt ihn so richtig an, er macht weiter, jetzt noch eine Spur fester.

Also gehe ich hin, packe ihn am Arm, ziehe ihn weg. Er wehrt sich, fängt an zu schreien. Ich werde lauter. Als ich ihn loslasse, rennt er wieder hin und schlägt jetzt eine richtige Kuhle in den Türrahmen. Eine solche Situation hat oft mehrere Ausgänge: Im schlimmsten Fall wirft er am Ende den Ast nach mir, ich werde richtig wütend, weil der Schmerz dazu kommt. Im besten Fall kann ich ihn erpressen: Wenn du jetzt nicht aufhörst, gehen wir gleich nicht auf den Spielplatz.

Was aber fast immer der Fall ist: Er brüllt noch ewig weiter, wirft sich auf den Boden, schreit in einer Lautstärke, die mir direkt in die Magengegend zieht. Mein Puls wird schneller, mein Stresspegel steigt. Manchmal macht es mich so wahnsinnig, dass ich ihn anbrülle: Sei jetzt endlich ruhig! Es gleicht fast schon einer Parodie.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Schon morgens kämpfe ich mit meinem Sohn

Zu wenig Schlaf, zu wenig Auszeiten und diese ständigen Stresssituationen machen mich dünnhäutig, angespannt und gereizt. Ich merke selbst, wie schnell ich inzwischen die Nerven verliere. Besonders dann, wenn aus alltäglichen Kleinigkeiten riesige Dramen werden. Wenn er sich morgens nicht anziehen möchte, wenn er nach dem Toilettengang die Hände nicht waschen möchte, wenn er einen bestimmten Joghurt möchte, den wir nicht haben.

Schließe ich an schlechten Tagen morgens um 8.15 Uhr die Tür hinter ihm, haben wir bereits vier solcher Kämpfe hinter uns. Und ich habe in eineinviertel Stunden schon jede Emotion durchlaufen. Der Tag hat kaum angefangen und ich bin fix und fertig – vom Hinterherrennen, vom zig Mal Wiederholen, vom Laut werden, vom zu etwas Zwingen, während er sich wehrt und mir ins Ohr brüllt.

"Eine Bloggerin schreibt, ihre Erziehung beinhalte weder Strafen noch Belohnung. Also alles, was zu einer 'Wenn... dann...'-Geschichte gehöre, da sie der Meinung sei, dass solche Konsequenzen einen Teil der Beziehung beschädigen."

Und dann öffne ich Instagram, während ich mein Müsli esse, und lese alle diese schlauen Ratschläge der bindungsorientierten Mütterexperten und Befürworter gewaltfreier Kommunikation. Eine Bloggerin schreibt, ihre Erziehung beinhalte weder Strafen noch Belohnung. Also alles, was zu einer "Wenn... dann..."-Geschichte gehöre, da sie der Meinung sei, dass solche Konsequenzen einen Teil der Beziehung beschädigen. In ihrer Familie würde bedingungslos geliebt werden und wenn/dann würde nicht dazugehören.

Auch einer meiner Favoriten: Einem Kind am Spielplatz anzudrohen, dass es gleich allein nach Hause gehen müsse, wenn es jetzt nicht komme, sei fatal. Denn damit würden wir vermitteln: Ich bin bereit, dich im Stich zu lassen, wenn du meinen Anweisungen nicht folgst. Solche Drohungen seien psychische Erpressung. Wie sei es wohl, mit Angst und emotionaler Erpressung dazu gebracht zu werden, auf jemanden zu hören? Deshalb werde bei ihr auch niemand rausgeschickt und sie selbst würde auch nie in ein anderes Zimmer gehen.

"Sind eure Kinder alle Schlaftabletten, die sich mit einer liebevollen Umarmung sofort zurück auf Spur bringen lassen oder ist dieser Bullshit einfach komplett realitätsfern?"

Davon abgesehen, dass ich ohne Erpressung den Tag nicht überleben würde (und das würde ihm wahrscheinlich mehr zusetzen als die Drohung, die nächste "Peppa Wutz"-Folge könnte gegebenenfalls ausfallen), frage ich mich wirklich: Sind eure Kinder alle Schlaftabletten, die sich mit einer liebevollen Umarmung sofort zurück auf Spur bringen lassen oder ist dieser Bullshit einfach komplett realitätsfern? Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, solche Texte und entsprechende Bücher bauen Druck auf und geben einem das Gefühl, zu versagen, sich schlecht zu fühlen.

Ich möchte mein Leben nicht komplett nach meinem Kind richten

Ja, ich bin auch gegen körperliche und psychische Gewalt. Natürlich erkläre ich ihm immer zuerst, warum ich etwas verbiete oder einfordere, und gebe ihm die Chance, sich entsprechend zu verhalten. Ja, ich habe auch schon versucht, mich auf Augenhöhe runterzubeugen, die Sätze mit "Ich verstehe, dass du wütend bist" zu beginnen oder ihm zu erklären, dass ich gerade gestresst bin, weil Zeitdruck herrscht. Aber Entschuldigung, welchen Dreijährigen interessiert das denn?

Ob die Kinder etwas austesten wollen, ob sie Grenzen brauchen oder nicht, ob sie extreme Reaktionen toll finden oder nicht, ob sie wissen möchten, dass sie auch beim letzten Scheißverhalten immer nur mit bedingungsloser, unendlicher Liebe überschüttet werden – kann alles sein! Ich möchte von meinem Kind trotzdem nicht getreten werden, ich möchte nicht, dass er Dinge bewusst zerstört, ich möchte nicht, dass er meinen Alltag mit Verweigerungen torpediert und es geht einfach organisatorisch nicht, dass er unseren Tagesablauf zeitlich bestimmt.

"Als ich einer befreundeten Mutter vor einigen Monaten berichtete, wir wären wohl bei den 'Terrible Two' angelangt, antwortet sie: Dann befinden wir uns in den 'Fucking Five'".

Sicher sind bestimmte Entwicklungsphasen der Auslöser für dieses anstrengende Verhalten. Und oft ist es Langeweile oder fehlende Aufmerksamkeit. Weil ich noch am Essen bin und er schon spielen möchte. Weil mein Mann und ich uns gerade unterhalten, statt uns mit ihm zu beschäftigen. Leuchtet mir alles ein, doch kann ich mein Leben nicht ausschließlich auf dieses Kind ausrichten. Ich werde weder mein Essen beenden, weil er jetzt Duplo spielen möchte, noch werde ich gemeinsame Gespräche mit meinem Mann am Tisch einstellen. Das muss er eben lernen – mit meinen Ressourcen, die mir zur Verfügung stehen. Und dazu zählen – wenn es sein muss – Schimpfen, genervte Ausbrüche und auch, ihn aus dem Zimmer zu verweisen, bis er sich beruhigt hat.

Als ich einer befreundeten Mutter vor einigen Monaten berichtete, wir wären wohl bei den "Terrible Two" angelangt, antwortet sie: Dann befinden wir uns in den "Fucking Five". Meine Schwägerin, die einen Zweitklässler zu Hause hat, beschreibt die nachmittägliche Hausaufgaben-Situation mit den Worten: "Bei uns herrscht ab 14.30 Uhr Krieg." Ok, ich habs verstanden. Es wird nicht besser. Dann hört wenigstens auf, Müttern zu vermitteln, sie müssten all das ausschließlich mit Liebe und Gelassenheit ertragen.

Meinung

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